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Kurzbeschreibung

»Mutterschoß? Müde? Er ruht. Er ist gereist.« (James Joyce, Ulysses)


I.
Indem du zu warten aufhörst, beginnt alles.

Wagner saß im Flugzeug.

Um sich von diesem Gefühl der Beklemmung, des Ein-gesperrr-Seins abzulenken, das ihn in geschlossenen Räumen quälte, starrte er auf das Notizbuch, das auf seinem rechten Schenkel lag.

Mit einem schmalen Stift notierte Wagner Sätze. Er zwang sich dazu, Sätze aufzuschreiben.

Anfangen. Jetzt.

Immer wieder kritzelte Wagner mit winziger Schrift diese zwei Worte in sein Notizbuch. Anfangen. Jetzt.

Er mußte an seinen Sohn denken. Waren Kinder nicht die einzig wahren Anfänger? Sie waren wunderbare Dilettanten. Ihre Anfänge waren unberechenbar, auf ihre Anfänge war Verlaß.

Daß wir die Anfange verlieren, dachte Wagner, das ist die Tragik!

Er schaute kurz hoch von seinen Notizen. Er sah auf die Wolken, die draußen zu sehen waren, ein Weiß, das ihm ein Gefühl von Langsamkeit gab, das er sich selbst nicht erklären konnte. Als würde das Flugzeug stillstehen in der Luft, als hätte er - jetzt - unendlich viel Zeit, die Hand zu heben, den Kopf zu wenden, ein Wort zu sprechen.

»Ich hebe die Hand, und plötzlich sehe und spüre ich wieder, daß ich die Hand hebe!

Jede Bewegung gehört jetzt wieder ganz mir!«

Es war ihm, als würde er der Langsamkeit entgegenfliegen, als hätte er sie bald - endlich! - eingeholt.

In den letzten Monaten war alles so rasch gegangen. Seine Frau hatte sich von ihm getrennt, sie hatte die Scheidung beantragt, sein Sohn hatte sich - ohne zu zögern - für den Verbleib bei der Mutter ausgesprochen.

Plötzlich konnte er nicht mehr in »seine« Wohnung, in »seinen« Bezirk zurückkehren. Er ertappte sich dabei, das Auto am gewohnten Parkplatz abzustellen, bis er - vor der Haustür - realisierte, daß das hier nicht mehr »sein« Platz war.

Er war unfähig gewesen, eine neue Wohnung zu finden, er schlief in der Wohnung eines Freundes. Nach drei Wochen war er eines Morgens einfach nicht mehr zur Arbeit gegangen. Am nächsten Tag hatte er gekündigt. Die Zeitung, für die er so viele Jahre geschrieben hatte, interessierte ihn nicht mehr. Er wollte mit dem Tagesgeschäft, wie er es nannte, nichts mehr zu tun haben.

Er hatte sich ausbezahlen lassen, er betrank sich, blieb für einige Tage unauffindbar.

Dann schrieb er seinen Freunden, daß er verreisen werde. Nach Portugal, nach Lissabon. Er habe genug Geld, um lange zu bleiben.

Wagner sah noch deutlich das Gesicht seiner Frau vor sich, wie sie den Kopf abwandte, als sie es ihm sagte.

Sie hatte einen anderen Mann gefunden, einen, dessen Abwesenheit nicht so deutlich spürbar war wie seine, …