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Kurzbeschreibung

Mein Schlafgemach

Wie herrlich ist es doch, wenn ich mich spät an Sommerabenden unter der Tornadobrücke zurechtlege. Meine Arme hinter dem Kopf verschränkt, starre ich empor zu den komplizierten Verstrebungen der Bogenträger und lausche dem Donner der Wagenkolonnen und Straßenbahnzüge hoch über mir und dem Rauschen der Wasser gegen die mächtigen Pfeiler. Beiderseits der Brücke weithin bestirnter Himmel. Am anderen Ufer die bekannten Konturen der Häuserzeilen mit ihren erleuchteten und blinden Fenstern. Davor dehnen sich die Laternenreihen der Promenade nach beiden Richtungen bis in tiefe Fernen. Hebe ich aber das Haupt, so daß mein bärtiges Kinn den Schal berührt, so kann ich überdies den Widerschein der Lichter auf den schwarzen, unruhigen Fluten des Stromes eine Weile beobachten, ehe ich mich ermattet zurücksinken lasse.

Wie immer habe ich meinen hageren Leib in mehrere Schichten von Zeitungsblättern angelsächsischen Formats eingewickelt und, nicht zu straff, mit Gummibändern verschnürt. An diese Hülle schließen außen zwei, wenn es kälter wird drei, und in strengen Wintern bis zu sieben Lagen festen Packpapiers, dessen weit überlappende Ränder ich mit Heftklammern und Klebestreifen zusammenfüge. Meine ausgestreckten Beine, gleichfalls in Zeitungsblätter gehüllt, stecken zusätzlich noch in einem an seiner Innenseite sorgfältig ausgebürsteten Zementsack, den ich um die Knöchel sowie dicht unter den Knien und schließlich um die Mitte meiner Oberschenkel mit Schuhbändern festzubinden pflege.

Habe ich dieses Stadium meiner Verpuppung erreicht, schalte ich gewöhnlich eine Atempause ein, ehe ich meine Ärmelschoner anlege, beide Ohren mit Wachspfropfen schließe und meine Pelzmütze aufsetze. Dann erst wälze ich mich auf die zu meiner Linken ausgebreitete Zeltbahn, um mich mittels ruckartiger Bewegungen möglichst eng in sie einzurollen und zuletzt meinen Hinterkopf auf den bereitgelegten Rasenziegel zu betten.

War das wieder ein Tag heute! Alter Gewohnheit zufolge schlafe ich nie sogleich ein, sondern nütze die letzte Zeitspanne meines Bewußtseins, mir die Ereignisse des eben zurückgelegten Tages zu vergegenwärtigen. Wie ließ sich der Morgen an? Worüber lehrte ich in meiner vormittäglichen Hauptvorlesung? Habe ich es auch verstanden, meinen Gegenstand fesselnd zu gestalten? Und war ich gerecht, anschließend beim Examen? Durchschaute ich jeweils das wirkliche Wissen? Oder ließ ich mich täuschen: Sei es durch die Redegewandtheit des einen Kandidaten, sei’s durch die Geschicklichkeit eines anderen, mich auf ein Gebiet abzudrängen, das er zwar beherrschte, um das ich ihn aber im Grunde gar nicht gefragt hatte? Wieder kam ich nicht umhin, im Geist meine Prüfungsprotokolle durchzublättern. Welch schwerwiegende Entscheidungen! Aller Erfahrung zum Trotz fühle ich mich ihnen bis heute nicht gewachsen.

Ich dehne mich auf dieser sogenannten Mutter Erde. Ringsum rauhes, graues Gras. Kräuter, die ihren eigenständigen Duft längst verloren haben. Denn hier gibts nur mehr Geruch nach Staub, Wind, fauligem Wasser und den Exkrementen der Hunde.Noch sind die Nächte warm. Bald aber kommt der Herbst. Der Mond steht tief. Der Schatten eines Schachtelhalms hat sich auf meine Brust gelegt. Nun sollte bald der Schlaf mich übermannen.

Allein ich finde keine Ruh. Denn der Gedanke an meine Studenten läßt mich nicht los. Wenn ich im steilen Halbrund meines Hörsaals die Bankreihen emporblicke, ist es mir, als hörten sie mir kaum noch zu, als unterhielten sie sich völlig ungeniert, ja, als fiele da und dort eine abfällige Bemerkung, worauf jedesmal eine Welle Gelächters aufrauscht. Dann kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß sie gegen mich eine Verschwörung planen, an der selbst die Assistenten in meinem Rücken nicht unbeteiligt sind. Denn einmal, als ich mich jählings umwandte, ertappte ich einen von ihnen, der eben die Hand zum Schlag gegen mich erhoben hatte.

Oder sollte ich mich täuschen? …


Rezensionen
Martin Amanshauser:

Zu Lebzeiten blieb der Klagenfurter Autor Anton Fuchs (1920-1995) zu unrecht ein Unbekannter. Doch von Österreichs großem Geheimrat der Parabel liegt ein Band mit den besten Erzählungen vor - geheimnisvoll, skurril, mit großer Wucht. Erneut erweist sich Anton Fuchs als legitimer Doderer-Nachfahre. Der Stoff liegt nahe und ist beängstigend real: So rasen zwei wildfremde Männer auf der Bundesstraße 91 aufeinander zu.

(Martin Amanshauser, Rezension in: Der Standard, 14. Dezember 2001)


http://derstandard.at/808883/Gabenteller-jenseits-der-Bestseller