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Kurzbeschreibung

Einst sollt ich was in ein Stammbuch schreiben. Vor mir hatte sich ein Kandidat eingetragen, mit seinem Wahlspruch: »Immer derselbe!« Flugs schrieb ich als meinen darunter: »Niemals derselbe!« Das kam mir damals recht vom Herzen, denn mit Freuden warf ich stets den Gestrigen weit von mir, stets wieder des Morgigen froh gewärtig. Und in dieser schönen Zeit konnte man mich auch gern beteuern hören, daß in den meisten Fragen, gar aber in den entscheidenden, niemals bloß eine Antwort wahr sei, sondern immer ihr Gegenteil auch; und wer also sich um die ganze Wahrheit bemühe, müsse darum bereit sein, Montag, Mittwoch und Freitag das eine, Dienstag, Donnerstag und Samstag das andere, aber Sonntag sowohl das eine als auch das andere zusammen für wahr zu halten. Mit Schrecken vernahmen es die tüchtig Gesinnten und wichen von dem Sophisten. Nun, ich denke heute noch ziemlich ebenso, wenn mir auch längst die Wahrheit keine solche wendische Mamsell mehr scheint. Ihr muß ich abbitten, ich glaube jetzt nicht mehr, daß die Wahrheit mit dem Winde wechselt. Sie steht ganz fest, irgendwo drüben. Wir aber nicht, wir hier herüben.

Ich glaube jetzt, daß sie dieselbe bleibt, in Ewigkeit, und nur mir, mir in der Zeit hier, je nach meinem Ort, je nach meiner Entfernung, jedesmal wieder anders erscheint. Je nachdem ich in Salzburg oder in Schellenberg oder in Wals bin, ist der Untersberg anders. Und warum sollt ich denn immer nur in Salzburg sein? Warum soll ich mich nicht bewegen? Warum soll ich mir nicht widersprechen? Solange wir noch in der irdischen Form sind, leben wir vom Widerspruch; er wohnt ihr ein: denn da sie sich erhalten will, zieht sie das Ich immer dichter um uns zusammen, aus dem durchzubrechen sie uns doch immer wieder geheimnisvoll nötigen muß, um uns von ihr (und vielleicht auch sich von uns) zu erlösen. Dies eben macht ja unser Wesen aus: Ewigkeit, in Zeit einge fangen, sind wir. Und nur solange sich in uns Ewigkeit mit Zeit im Gleichgewicht erhält, können wir uns im Irdischen schwebend behaupten. Wird Zeit in uns so dicht und voll, daß unsere Ewigkeit nicht mehr durchleuchten kann, oder Ewigkeit so stark und hell, daß unsere Zeit daran erblindet, in beiden Fällen sind wir zu Ende (dort zum Bösen, hier zum Guten). Ohne Widerspruch können wir nicht sein, nur am Widerspruch entzündet sich immer das Leben wieder.

Und doch mag ich jenes »Niemals derselbe!« heute nicht mehr; es genügt mir nicht mehr. Und als ich es neulich aus Gewohnheit wieder einmal hinschrieb, da fuhr die Feder von selbst zu schreiben fort und stand erst still, als noch ein Satz dazu geschrieben war, so daß es jetzt am Ende hieß: »Niemals derselbe und … immer derselbe!« Und so will ich’s jetzt, so soll’s fortan heißen, der Wahrheit zur Ehre, ganz wie ich’s bei mir erlebt: »Niemals und immer derselbe!« Nun ist mir mein Wahlspruch erst komplett, nun erst sagt er mich völlig aus.

Das kam aber nämlich so. Mir war inzwischen eines Tags eingefallen, daß ich nächstes Jahr ja nun auch schon fünfzig werde. Dies sieht einen kurios an, erst will man es gar nicht glauben. So weit soll das schon weg sein, was man doch alles noch so nahe spürt? Und jenes andere schon so nah, das man eben noch ganz fern gemeint? Und dann denkt man zurück. Und in mir wurde da plötzlich gefragt: Was ist dir davon treu ge blieben? Und indem ich es nachzurechnen begann, von Kind auf bis zum heutigen Tag, erschrak ich. Ich erschrak, wieviel mir treu geblieben ist: ich hätt’s nie gedacht. Fast unverändert fand ich das Kind, ich fand mich alle die lange Zeit mir immer gleich, vom Kind durch den Jüngling zum Mann, fast unbewegt in allen Veränderlichkeiten, eigentlich doch, wenn auch stets auf eine neue Art, an jedem Tag immer wieder denselben. Und wenn der Untersberg sich wundert, mich täglich anders zu sehen, kommt’s auch nur daher, daß er mich einmal im Norden, das andere Mal im Süden erblickt.

Ich habe mich verhört, was jetzt in mir wesentlich ist. Es ergab sich, daß ich alles, was jetzt in mir wesent lich ist, immer schon hatte. Es war mir zuzeiten unbekannt, daß ich es hatte, doch betrug ich mich stets so, wie sich nur betragen kann, wer es hat. Und ich machte mir immer schon Zeichen davon, aber zu verschiedenen Zeiten verschiedene, doch zeigen alle dieselbe Hand. Auch muß ich gestehen, daß ich eigentlich in einem fort stets dasselbe Buch geschrieben habe, bloß in verschiedenen Sprachen (und manchmal auch von rechts nach links, statt von links nach rechts; worauf es aber im Grunde doch auch nicht ankommt).

[…]