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Kurzbeschreibung

Herbst

»Der Bauer stirbt! Der Bauer stirbt!«
Diese Nachricht erreichte die beiden Brüder, als sie mit ihrem Ochsengespann nur mehr wenige Schritte vom Gundagrinhof entfernt waren. Es waren die Dienstboten, die ihnen zuriefen, während sie auf den abgeernteten Kornfeldern gemeinsam mit einigen Keuschlern aus den umliegenden Weilerdörfern nach verlorenen und zurückgelassenen Ähren suchen durften. Weit draußen auf dem Felde beugten sie sich über die vereinzelt liegenden Stengelchen. Die untergehende Spätherbstsonne bannte die am Felde Suchenden zu oktoberroten Schatten.

»Hüah«, rief David und trieb das Ochsengespann an, das jedoch nicht um einen Bruchteil schneller durch die tiefen Hohlwegrinnen trottete. Wohl deshalb, weil sie schon mehr als fünf Stunden unterwegs waren. Die Brüder kamen von der Robotarbeit, die sie auf dem Hof ihres Grundherrschaftssitzes in Gstadt, der Propstei des Stiftes Admont, zu verrichten hatten. So schrieben es ihre Verpflichtungen gegenüber dem Grundherren vor, zu dem sie mit dem Hof ihres Vaters dienstbar waren. Sie hassten diese Verpflichtung, konnten sich aber nicht dagegen erwehren. Lautstark wurden die Vorgaben vom Pfleger einmal im Jahr verkündet. Es stand auch im Urbar von Gstadt auf Pergament unauslöschlich geschrieben.

Die Tritte über die groben Wege durch das Ennstal hatten die beiden Ochsen müde gemacht. Auch die Schritte der Brüder waren träge geworden. Sie spürten den langen, beschwerlichen Marsch über Erde und Sand. Links schritt der etwas schmächtige, aber wendige David. Er führte die Ochsen. Rechts wurde das Karrenfuhrwerk von Chunrat begleitet. Der Großgewachsene wurde immer wieder von überhängenden Erlen behindere und aus der schmalen Fahrspur hinter den Karren gedrängt. Knirschend und ächzend holperte das Gespann über den von Regengüssen grob ausgespülten Weg.

»Der Bauer wird wohl warten können. Mit dem Sterben«, murrte Chunrat, der ältere der beiden Brüder.

»Das wäre schon recht. Aber die Sterbestunde bestimmt ein anderer«, meinte David.

»Der alte Pfaff wird mit seinen Seelenmächten schon dafür sorgen, daß der Bauer wartet, bis wir beide da sein werden. Es geht schließlich um das Testament. Gar spitze der Geistliche selbst auf ein Erbteil.« Chunrat schnalzte mit der Zunge, lachte laut auf und rief hurtig: »Hüah«, so, als ob jetzt plötzlich er es eilig hätte, doch das Zweiergespann reagierte wiederum nicht. Sie näherten sich ohnehin schon dem weit offenstehenden Tor zum Hof.

»Sieh nur«, zeigte David dem Bruder an, »der Pfarrer trifft soeben ein. Dort vorne auf dem Weg von Assach kommt er.«

»Wenn man vom Teufel spricht, ist er urplötzlich da«, empörte sich Chunrat.

»Versündige dich bloß nicht!« warnte David, »Der Vater, unser Herr, wird schon wissen, was er mit dem Hof machen wird. Du weißt doch, Gundagrin besteht aus zwei Höfen. Vielleicht teilt er den Doppelhof?«

»Teilen wird nur ungerecht möglich sein. Gundagrin, der Urhof, ist größer, schöner, reicher. Da bleibt der zweite Hof, Tangel, weit zurück. Da ziehe ich Gundagrin schon vor«, versicherte Chunrat.

David wußte um das Bestreben seines Bruders. Er wußte aber auch, daß es üblich war, daß Höfe, die in Erbpacht von der Grundherrschaft abhängig waren, so wie Gundagrin und Tangel, dem jüngsten Sohn, das wäre demnach Jakob, zufallen müßten. Dann würden David und seine Brüder Johannes und Chunrat als Knechte dienen müssen.

Zumindest solange, bis der eine oder andere auf einem fremden Hof einheiraten konnte. Doch dafür gab es keine guten Aussichten. Erbberechtigte Bauerntöchter waren sehr selten.

David zeigte sich besorgt. Er hatte plötzlich Angst vor des Vaters Entscheidungen und vor allem vor Chunrat. Er wußte, daß Chunrat jähzornig und eifersüchtig sein konnte. Aber David mußte auch zugeben, daß es Gundagrin schon wert wäre, als Bauer die Zügel in die Hände nehmen zu dürfen.

»Vielleicht vermacht der Alte alles der Kirche für sein Seelenheil. Sünden hat er gewiß genug auf sich geladen.

Als ob der Teufel nicht genau wüßte, wer zu seinem Höllenkreis zu zählen hat«, meinte Chunrat, lachte zynisch und fragte seinen Bruder: »Erinnerst du dich an den alten Schmiedemeister in Gröbming?«

»Den Erasmus Schmied?«

»Ja, der alte Narr hat sein ganzes Hab und Gut gestiftet.

Wenn es bloß nicht auch uns so ergeht!«

Tatsächlich war es bei den Bürgern Sitte geworden, ihr Vermögen den Heiligen zu seiften, um den Weg in den gelobten Himmel nicht verfehlen zu können. So hatte Erasmus Schmied alles dem Abt von Admont gestiftet. Zwölfmal mußte dafür an ganz bestimmten Festtagen dem Meister eine Seelenmesse gehalten werden. Der gesamte Grund und Boden, die Schmiede, das Eisen, man sprach auch von Gold und Silber, waren fort. Dienstbar, ja, dienstbar blieb die Werkstätte, für die sieben Söhne und fünf Töchter.

Manche Bürger stifteten ihr Vermögen für Seelgeräte, ließen Gold und Silber für Monstranzen und Kelche einschmelzen oder stifteten Votivtafeln und Glasfenster. Andere wieder bemühten sich um Armenhäuser, schienen sich plötzlich um die Kranken und Siechen zu kümmern. Zeit ihres Lebens hatten sie ihre Dienstboten, die Armen und Kranken gepeinigt und ausgenützt. Kurz vor ihrem eigenen Tod aber hielten sie sich plötzlich an die Worte der Evangelisten. Doch letztlich geschah all dies nur zur Vorbeugung, um das Erbarmen Gottes sicherzustellen. »Bald wirst du mehr über unsere Zukunft erfahren«, sagte David. Er wurde von Chunrats Worten aufgerüttelt. Sollte der Vater wirklich ... doch nicht er, nein ... man wisse aber wirklich nichts Genaues ... aber der Pfarrer ... wird wohl wegen der Sterbesakramente gekommen sein. »Hüah«, trieb er die müden Ochsen an.