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Kurzbeschreibung


entzähmung

ich lass mich nicht enthaupten
nicht entherzen

ich lass mich nicht entmuten
nicht entschmerzen

ich lass mich nicht entrinden
nicht entwerten

ich lass mich nicht entkernen
nicht erhärten

ich lass mich nicht entlauten
nicht entleisen

ich will mir nicht entgleiten
nicht entgleisen

ich lass mich nicht entsatzen
nicht entsetzen

ich lass mich nicht entmitten
nicht verletzen

ich will entspringen mir
und mich entfachen

ich will entkorken mich
und mich entlachen

ich will entwirren mich
und mich entwinden

in klaren sommernächten
mich entbinden




Rezensionen
Martin A. Hainz: Wo viel gestorben wird …

Anita Lehner, Dichterin aus Linz, hat einen neuen Gedichtband veröffentlicht; er geht einen Weg weiter, ohne den bisherigen zu verraten.Doch welcher Weg ist das? Denn die Dichterin ist ganz ohne Zweifel ein Geheimtip, bei dem sich diese Frage – noch – nicht erübrigt …

Schon der letzte Band von Lehner war, es sei rundheraus gesagt, ein Kleinod. Er hieß Tintenblei und lotete aus, wie man Beweglichkeit und Stimmigkeit vereinen könne, in wunderbaren Versen, die Akkuratesse ebenso auszeichnete, wie eben das Vorläufige der Koordinaten. „nie / festgenagelte Worte / mit Köpfen machen” (T), so hieß es da, in einer der schönsten Katachresen, die ich kenne. Mit Köpfchen, aber gerade darum auf andere Köpfe wartend, so waren schon jene Gedichte, voller Erwartung, die eben jene Verheißungen nicht duldete, welche als schon existent sich verkaufte oder erst in Äonen wäre.

„Gott / ist mein Feind geworden” (T), das läßt etwa an Christine Lavant denken, deren Rede vom „Pfuschwerk” Gottes, noch ehe Lehner dieser Referenz auch nennt, mit dem Wort „Gnade” (T) endend, das immer auch der Ausdruck einer Unstimmigkeit ist; „herrenlose Engel” (T) entsprächen dem, die nicht zufällig oder als gefallene ohne den Herrn sind – statt Satan mag vielmehr ER höchstselbst wenigstens straucheln … Unter dem Guten und Schönen, „unter der Scholle” des Botanischen Gartens, das Wort läßt es schon ahnen, sind die „Stollen”, jene „eines Nebenlagers / von Mauthausen” (T); allenthalben zerfällt, woran man glauben zu können einst vermeinte, durch das, was geschah, was geschieht … und durch den Blick, der das Übertünchen nicht nochmals gestattet, das Werk des Anstreichers, wie Brecht ihn nannte …

Das Schreckliche ist hier stets zugegen, doch aus Liebe zu einem wahreren Schönen. Ohne den Karfreitag, seine Gegenwärtigkeit, ist es nicht einmal möglich, „hoffentlich” (T) aufzuerstehen; „wo viel gestorben wird / kann viel auferstehen” (T) – in einer Kaskade von „wo … wird, wird …” ist dies das einzige Mal, daß statt Werden eben Können steht, eine Krise, die vielleicht erlöst, vielleicht aber auch nicht.

Vielleicht ist auch nur „aufschub […] gewährt” (PA)? Ist Religion ein Versprechen? Ein Sich-Versprechen..? Religion, hier allenthalben, ist so Verpflichtung zum Unglauben, zum Zweifel, zu einer manchmal christlichen docta ignorantia.

Auch der neue Band, der nun erschienen ist, setzt diese Theologie und Philologie in Versen fort, dieses Erkunden durch Sprache. Poetisches Alphabet heißt der Band, der mit der Sehnsucht „nach essentiellen Zeichen” (PA) beginnt, einem Sloterdijk-Zitat, das die Dichterin rasch überflügelt – auf dem Weg nach Hoffnung, einer „ars moriendi”, die „lieben lernen” (PA) meinen kann. Auch hier sind es die Zwischentöne, das, was Hoffnung und Enttäuschung verklammert, vor Kitsch der Erwartung, aber auch jenem der vermeintlichen Absage ans Leben, wie sie Cioran betrieb, gleichermaßen bewahrend. Das Resultat ist gespannt – und spannend.

Es geht um Widerstand, um „buchstaben / diese sperrigen heilkräuter / gegen die angst” (PA), deren Wirksamkeit im Kennen der Angst besteht, in kleinen Heilungen, nicht in Lösungen. Das Wort (g)reift nach Gott, doch vertrackt und „spiegelverkehrt” (PA). Es ist, wo es anhimmelt, ein darum „angehimmeltes” (PA), immerhin … Dies verfolgt in alphabetisch geordneten Texten mit dennoch viel Raum für Beweglichkeit das lyrische Ich – worin man die Dichterin oft erkennt, zuweilen aber auch nicht, manchmal weit eher eben im Gedicht selbst –, das im „wendewort” (PA) hier also, man darf an eine „Atemwende” wie bei Celan denken, versucht, das, was etwa in Tintenblei begonnen wurde, zu vollenden.

Es „komme nur langsam an / im wort” (PA), heißt es von ihm, es ist noch nicht angekommen – und dieses Provisorische, das aber nichts Leichtfertiges an sich hat, worin „schon alles gesagt” ist, „doch noch / so viel / zu erlauschen” (PA), ist zu begrüßen. Kein Wort scheint hier zu verdecken, daß es nicht hinreichen mag, wiewohl vieles hier erfüllt klingt; doch das Wortlose, gegen das die Gedichte sich formieren, ist, und davon zeugen die Versuche, „verdächtig wortlos” (PA). Der Not, die man da ahnt, setzt sich diese Dichtung aus, überzeugend: Alles in allem ist Anita Lehner eine Stimme, die so – im Tasten und Versuchen – wichtig ist und immer wieder wird; mit anderen Worten: eine, deren Verse zum Mitlesen, -schreiben und -gehen einladen.

(Martin A. Hainz, Rezension für: Fixpoetry, 23.6.2012)


https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/anita-lehner/poetisches-alphabet