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Kurzbeschreibung

"Ich habe", begann ich, "die Mitte gefunden. Sie befindet sich auf einem Hügel und ist ein Punkt oder, um es genauer zu sagen, die Schnittstelle zweier Geraden, von der aus man ein ganzes Land vermass, und nicht nur ein Land, sondern ein Reich, ein Weltreich sogar, welches einer Familie Habsburg gehörte, die man noch heute kennt. Bei dieser Mitte handelt es sich ohne Zweifel um eine bedeutsame Mitte, deren Entdeckung mir gewiss nicht nur der Zufall zuwarf, jedenfalls vernehme ich in diesem Vorsommer schon deutlich einen kräftigen Wind, der sich in mir erhebt."


Rezensionen
Thomas Haunschmid: Die unglaubliche Kraft eines Kontinents

Nach seinem viel beachteten Roman "Der Meermacher" aus dem Jahr 2008 versammelt der Schweizer Wahlwiener Christoph Braendle in seinem neuen Buch Reportagen aus zwei Jahrzehnten. Reisen durch USA, Europa und vor allem Afrika sind seine Schwerpunkte.

Das Nicht-Hetzen und der Transfunktionalismus, wie er seine müßiggehende Arbeitsscheu wissenschaftlich fundiert nennt, zeichnen Christoph Braendles Reportagen aus aller Welt, bzw. titelgemäß aus der Mitte Welt, dann auch aus.

"Namensgebend für das Buch 'Aus der Mitte der Welt' ist eine Linde in der Nähe von Kremsmünster, von der aus einmal die Habsburger-Monarchie vermessen wurde - quasi ein Koordinatenursprung als Zentrum der Welt", sagt Braendle.

Schlafende Stadt
Seit mehr als 20 Jahren ist Wien das Lebenszentrum für Christoph Braendle, es hat in seinen Texten immer wieder Bedeutung. So auch in der Reportage "Atlantis oder Xanadu" aus dem Jahr 1997, wobei hier die damals noch sehr neue niederösterreichische Landeshauptstadt St. Pölten die Hauptrolle spielt: Von von der hatte der Autor bis dato genauso so viel Ahnung wie von den zwei sagenhaften Titel gebenden Städten, bis ihm ein Passant in der Wiener Herrengasse voll düsterer Ahnungen erklärte, dass mit dem Wechsel der niederösterreichischen Hauptstadt von Wien nach St. Pölten der Weltuntergang bevorstehe:

So schlimm wird es nicht sein. - Es könnte nicht schlimmer sein, brauste er auf. Wieso glauben Sie wohl, ist es dieser Welt so lange so gut gegangen? Weil St. Pölten schlief. Weil St. Pölten schlummerte und sich nicht stören ließ. Weil sich St. Pölten fernab hielt von allem, was modernes Leben meint, so dass die Stadt schließlich von allen Orten Österreichs den schlechtesten Ruf hatte. Der singt in St Pölten, sagte man von einem Sänger, der nichts konnte. Ein Schüttelreim brachte alles auf den Punkt: Den Mutigen bangt selten, was graut dir vor St. Pölten?

Ausgedehnte Reisen
Christoph Braendle führt in seiner Kurzbiografie als zentralen beruflichen Punkt "ausgedehnte Reisetätigkeit" an. USA, Europa und vor allem Afrika sind seine Schwerpunkte. Ein Gutteil der 27 Reportagen und Essays dreht sich um Beobachtungen und Erlebnisse auf diesem - wie er sagt - so heterogenen Kontinent. Mehrere Monate etwas verbrachte Braendle in Simbabwe.

"Das war in der Zeit, bevor Robert Mugabe wahnsinnig geworden ist, als das Land als die Schweiz Afrikas gegolten hat, mit einer sehr gut funktionierenden Infrastruktur - ein wunderschönes Land mit unglaublich netten, sehr sanften Menschen", erzählt Braendle. In Simbabwe habe er seine Leidenschaft für Afrika entdeckt.

Sogar eine dem Titel nach völlig Afrika-unverdächtige Geschichte aus dem blauen Süden unseres Landes bringt den so genannten schwarzen Kontinent nach zwei Absätzen ins Spiel: die Novelle aus Kärnten "Das Blutnetz an der Gail". Dort habe sich etwas Atemberaubendes ereignet, sagte man dem Reporter.

Es sei ja bekannt, dass sich die afrikanische unter die eurasische Kontinentalplatte schiebe. Ausgerechnet an der Gail sei sie offenbar bis an die Oberfläche durchgebrochen. Während nämlich die nördliche Bergkette entlang der Gail, die Lienzer Dolomiten, zur eurasischen Platte gehörten, seien die Karnischen Alpen entlang des Südufers ein paar hundert Millionen Jahre älter und bildeten den Schluss oder Beginn des afrikanischen Kontinents. In Kärnten ist Afrika? In Kärnten, das einen Ruf besitzt!?

Unglaubliche Dimensionen
Die tiefe Faszination und Zuneigung für Afrika lassen sich schwer in ein paar Sätzen beschreiben, erklärt Braendle: "Afrika ist ein Kontinent, der eine unglaubliche Kraft hat - es erdet einen." Alle Aufgeregtheiten des normalen Lebens in Europa würden schlagartig abfallen, sobald er nach Afrika komme: "Das liegt an der Kraft der Erde, an der unglaublichen Dimension des Himmels, an der Natur - und an den Menschen, die einen anderen Umgang miteinander pflegen, als wir das hier gewöhnt sind."

Spannend, manchmal amüsant, oft auch bedrückend zu lesen sind die Schilderungen über die 5.000 Meilen, die Braendle in den 1990er Jahren im südlichen Afrika per Autostopp zurückgelegt hat. Er berichtet von komischen und tragischen Begebenheiten in dem damals eben unabhängig gewordenen Namibia im Westen bis hin zum bürgerkriegszerrütteten Mosambik im Osten.

Das Land hätte sich nicht gewaltiger vom gepflegten Südafrika unterscheiden können. Die Straße war zerstört, links und rechts wucherte Wildnis, worin zuhauf abgeschossene Fahrzeuge rosteten. Im Unwegsamen verloren sich Grashüttensiedlungen, ab und zu eine Ruine. Der Überfall hatte bewirkt, dass Militärposten in Kilometerabständen die Straße bewachten. Der Anblick beruhigte. Am Ende des Bürgerkriegs hatten zu viele Menschen zu viele Waffen und kein Brot.

"Wo der Himmel die Hölle berührt" lautet der Titel der packenden Reportage über Ruanda nach dem Genozid, die auch durch die kompakte Einführung in Geschichte und Politik des zentralafrikanischen Landes besticht. Auch wenn er hier und da in einigen Situationen starkes Herzklopfen bekam, lautet Christoph Braendles emotionales Afrika-Resümee heute, dass Afrika eine der sichersten Regionen auf der Welt sei.

Aufbrechende Traditionen
Besonders gut kennt sich der Schweizer Ex-Globetrotter mit Wohnsitz Wien-Leopoldstadt in Marokko aus, nicht zuletzt deshalb, weil er dort, in der Nähe der Küste, ein kleines Häuschen besitzt - wo er zwischen Zitronenbäumen so richtig faul sein kann oder dann doch ein paar Zeichen in den Computer tippt. Zum Beispiel zum Thema Frausein in Marokko: Da beschäftigt er sich mit einer juristischen Innovation im nordafrikanischen Königreich, genauer mit einem Gesetz, das die Frauen dort erst jüngst zu autonomen Rechtspersönlichkeiten gemacht hat.

"Das war sensationell in Marokko," erzählt Braendle, "das hat zu unglaublichen Diskussionen geführt und die Leute wirklich sehr bewegt, weil es eine Entfernung von der Tradition war, in der die Frau entweder im Besitz des Vaters oder des Ehemanns war."

Unveränderbare Vorstellungen?
Die in den letzten Wochen vermehrte Berichterstattung über Afrika freut ihn, sehr sogar, sagt Christoph Braendle. Das sei alles sehr löblich und wohl auch wichtig. Ob sich in den Köpfen der Rezipienten der vielen Beiträge rund um die Fußball-WM aber grundsätzlich etwas ändern werde, bezweifelt er jedoch.

"Ich habe vor ungefähr 25 Jahren für ein Jahr in Harlem in New York gelebt - das war ich damals noch das einzige 'white kid' in der Umgebung. Ich habe eine sagenhaft schöne Zeit dort verbracht, es hat mich auch meine Freundin mit Kind aus der Schweiz besucht", erzählt Braendle. "Zurück in Europa wurde ich gefragt, ob den Harlem nicht wahnsinnig gefährlich sei? Dann habe ich eine halbe Stunde lang erklärt, wie ungefährlich und lebenswert es dort ist - was die Leute spannend fanden, aber am Schluss kam von ihnen die Aussage, 'Aber es ist schon sehr gefährlich in Harlem'. Mit andere Worten: In den Köpfen der Leute verändert sich gar nichts, man hat seine Vorstellungen im Kopf, am besten man schweigt. Ich glaube, Afrika ist am besten dran, wenn es sich selber gegenüber dem Westen nicht kommentiert, sondern seinen Weg geht."

(Thomas Haunschmid, Rezension für "Kontext - Sachbücher und Themen", Radio Österreich 1, 16.06.2010)


http://oe1.orf.at/artikel/246517

Beatrice Eichmann-Leutenegger: Dahin und dorthin schweifend

In der Nähe der oberösterreichischen Ortschaft Kremsmünster steht ein Baum, der sich «mitten in der Welt» befinden soll. Aber wie wir längst zu wissen glauben, ist Mitte kein fester Begriff, er verschiebt sich vielmehr nach persönlichem Gutdünken und gleitet auch nicht selten in Randzonen. So entdeckt sie der neugierige Reporter in St. Pölten oder Weimar, aber auch in der Heimatstadt Zug, die einst für den Knaben die Welt gewesen ist. Christoph Braendle, der 1953 geborene Schweizer Autor, welcher seit langem in Wien lebt, hat Aufzeichnungen, Resultate seiner ausgedehnten Reisetätigkeit, in einem anregenden Band vereinigt. Seine Texte, die locker das Thema «Mitte» umspielen, reichen indessen über Reportagen hinaus. Der genau beobachtende Schreiber leugnet nicht seine innere Beteiligung, und immer wieder einmal fährt eine poetische Brise durch die Texte. Dabei stellen sich in der Wahl der beschriebenen Lebenswelten frappierende Kontraste ein. Das exzentrische Transvestiten-Milieu in New York mit den oftmals tragischen Schicksalen seiner Gestalten behauptet sich neben der Ländlichkeit eines Volksstücks aus Oberösterreich, neben den Bluttaten des unauffälligen Ehepaars in Thüringen, der Schilderung eines unaufhaltsamen Wachstums im marokkanischen Essaouira oder einem Bericht aus Rwanda. Immer aber erzählt Christoph Braendle unaufgeregt, von sanfter Ironie getragen. Er beherrscht die Kunst der Beiläufigkeit, die Sprache der Verknappung.

(Beatrice Eichmann-Leutenegger, Neue Zürcher Zeitung, 8. Juli 2010)


http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/_buchrezensionen_nichtmehrgueltig/dahin-und-dorthin-schweifend-1.6472111