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Kurzbeschreibung

Als der jüngste Dorwald das Licht der Welt erblickte, wurde das zweite Jahr im zwanzigsten Jahrhundert geschrieben. Doch das beachtete niemand in dem schmalen Schattental, das sich südöstlich des Dachsteins erstreckte. Genaue Jahreszahlen und Geburtstage waren hier für die Menschen nicht so wichtig. Es war Frühling. Um diese Jahreszeit auf einem Bauernhof ein Kind zu gebären, war bloß eine Belastung, wegen der vielen Arbeiten auf den Äckern und auf den Wiesen. Die Bäuerin Agnes Dorwald war erleichtert, als die Wehen und Schmerzen vorüber waren.

Nur wenige Tage nach der Niederkunft war die Frau bereits wieder auf den Beinen. Noch lag Blässe in ihrem Gesicht. Sie schwankte leicht, als sie aus dem alten, dunklen Holzhaus trat, in der einen Hand einen Blecheimer, in der anderen Hand einen Korb, an den Kittelfalten vier Kinder. Im Eimer landeten die Steine, die sie von den Feldern klaubte. Im Korb schlief und schrie, je nach Tageszeit, Hunger und Laune, das Neugeborene. Mitten auf dem Feld knöpfte die Frau ihr hochgeschlossenes schwarzes Kleid auf und gab dem Kind die Brust, um es zu stillen. An den Feldrainen entrollten sich die Blätter des Haselnußstrauches. Der kühle Wind wirbelte Pollen durch die Luft, die das Neugeborene juckten. Die Frau hob einen Stein nach dem anderen auf. Laut schlugen sie ans Blech des Eimers. Immer, wenn der Frühling ins Land zog, mußte diese Arbeit getan werden. Jedes Jahr kollerten kleinere und größere Steine auf die steilen Bergwiesen, von Tieren abgetreten, vom Frost gelockert oder vom Schnee abgedrückt.