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Kurzbeschreibung

An der Peripherie eines oberösterreichischen Dorfes, südlich der Donau, befindet sich Schloss Hartheim, ein Renaissance-Schloss aus dem 16. Jahrhundert. Während der NS-Zeit wurden dort Menschen, Insassen von anderen Konzentrationslagern, Regimegegnern und Geisteskranke, die unter der Devise des sogenannten unwerten Lebens fielen, vergast.

Dies die historisch bekannte Tatsache.


Rezensionen
Manfred Mittermayer:

Den historischen Hintergrund des Romans bildet die so genannte „Aktion T4”, das nationalsozialistische Euthanasieprogramm, das in unmittelbarer Nähe von Riegers langjährigem Wohnort Oftering, im Schloss Hartheim (Gemeinde Alkoven bei Linz), einen seiner hauptsächlichen Tatorte hatte: Das oberösterreichische Renaissance-Schloss war eine von insgesamt sechs T4-Tötungsanstalten im „Deutschen Reich”; zwischen 6. Mai 1940 und Dezember 1944 wurden dort ca. 30.000 Kranke, Behinderte sowie Häftlinge aus Konzentrationslagern mittels Kohlenmonoxid ermordet.

Franz Rieger verfolgt zwei Erzählstränge, die er in jeweils sieben alternierend aneinander gereihten Kapiteln (markiert mit arabischen bzw. römischen Ziffern) den gesamten Text hindurch parallel führt. Der eine überliefert die Geschichte von Valerie Doblauer, der Tochter eines Trinkers, die an einen brutalen und cholerischen, ebenfalls dem Alkohol verfallenen Bauernsohn verheiratet wird. Als man an ihr Paranoia diagnostiziert, wird sie in die nahe gelegene Vernichtungsanstalt eingeliefert. Der andere Erzählstrang enthält die Beobachtungen und Reflexionen des katholischen Pfarrers, der sich mit den im Verborgenen ablaufenden Tötungsverbrechen auseinandersetzt. Während die meisten Dorfbewohner verdrängen, was im Grunde fast jeder weiß, bemüht sich der Priester um ein Gespräch beim Bischof; dieser fordert ihn jedoch zum Stillschweigen auf. Ein Interventionsversuch des evangelischen Pastors beim Gauleiter bleibt ebenfalls ohne Erfolg. Schließlich wird der Pfarrer in eine andere Gemeinde versetzt.

Rieger erhielt für sein Romanmanuskript 1984 den gemeinsam vom Verlag Styria und der Wiener Wochenzeitung Die Furche gestifteten Literaturpreis des Wettbewerbs für christliche Literatur. In der Begründung der Jury hieß es, der Autor habe „mit strenger, nie ins Sentimentale oder Larmoyante abgleitender Folgerichtigkeit” das Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten ins Zentrum einer Handlung gerückt, die „in zwei Strängen Angst, Leid und Verhängnis einer paranoiden Bäuerin und die Ratlosigkeit, das Ringen und die Gewissensnot eines katholischen Pfarrers darstellt” (zit. n. Schondorff 1986).


Literatur:
Schattenschweigen oder Hartheim. Roman.

Bungert, Alfons: Stumme Zeugen. In: Deutsche Tagespost (Würzburg), 5.7.1986. - Hackl, Erich: Still. Zu still? In: Wiener Tagebuch, Dez. 1985. - Hartl, Edwin: Schweigen im Widerstand. Franz Riegers neuer Roman zeigt die Möglichkeiten moderner christlicher Epik. In: Die Furche, 30.8.1985. - Heinrich, Eduard C.: Wenn der Rauch steigt. In: Die Welt, 9.10.1985. - Kepplinger, Brigitte; Marckhgott, Gerhart; Reese, Hartmut (Hg.): Tötungsanstalt Hartheim. Linz 2008. - Kohl, Walter: Die Pyramiden von Hartheim. „Euthanasie” in Oberösterreich 1940 bis 1945. Grünbach 1997. - Kurz, Paul K.: Exzellenz nickte wissend. In: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 13.10.1985. - Schondorff, Joachim: Schweigen als Überlebensformel. In: Rheinische Post, 19.4.1986. - Sturm, Helmut: Bestätigte Handlungsunfähigkeit. In: Salzburger Nachrichten, 5.10.1985. - Tauber, Reinhold: Traurige Überlebensformel. In: Oberösterreichische Nachrichten, 29.8.1985. - Wimmer, Kurt: Die Banalität des Bösen. In: Neue Vorarlberger Tageszeitung, 27.12.1985.

(Manfred Mittermayer, Rezension auf der Webseite des Stifterhaus Linz, Stand: 2.11.2010)


http://www.stifter-haus.at/lib/publication_read.php?articleID=224