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Kurzbeschreibung

Mit Schmelze wird der Übergangsprozess vom festen zum flüssigen Aggregatszustand bezeichnet.
Das Moment der Veränderung, des Übergangs zieht sich als gemeinsame Komponente durch Markus Lindners Prosatexte. Dabei vereint Schmelze Erzählungen über Veränderungen, die durch Alltag, Reisen, Arbeit und Flucht ausgelöst werden. Lindner bringt uns anhand seiner Beschreibungen nahe an diese Themen heran, die zu den aktuellen unserer Zeit zählen und eine Gesellschaft und deren Protagonisten im Wandel zeigen. Die Geschichten führen uns von Wien über eine Tiroler Alm nach Griechenland, Frankreich, Russland, dem Nahen Osten und China.


Rezensionen
Anton Distelberger: Schmelze

Gratulation zu dem Buch "Schmelze" von Markus Lindner, das ein besonderes und außergewöhnliches Buch ist. Er schreibt großartig!


Helmuth Schönauer:

Bei der Schmelze verändert sich der Stoff und geht vom festen in den flüssigen Aggregatszustand über. Auch in der Poesie gibt es so etwas wie Schmelze, wenn sich ein Stoff während des Erzählens verändert und als Prosa-Lava über die Seiten fließt.

Markus Lindner erzählt in knapp zwanzig Ansätzen von Stoffen, die harmlos daherkommen und jäh eine Verschärfung erfahren, von Helden, die während des Berichts traumatisiert werden und von Arealen, die während des Durchschreitens unbegehbar werden.

In der Startgeschichte „Inkunabeln“ kocht ein Schriftsteller einen Topf voller Windeln zu einem „stoffenen Brei“, aus dem er nach alter Handwerkskunst ein Buch schöpfen wird. Dabei verändern sich die Motive, der Windel kochende Vater wendet sich einem Hund zu, der einen Bottich voll von Verfolgung erzählt, die Nachbarn begrenzen den Hunde-Sermon mit Haushaltsritualen, dann schauen Pflanzen vorbei und bleiben eine Weile, bis das Buch trocken ist.

„Schichteln“ nennt man im Volksmund die Schichtarbeit, die allmählich das ganze Leben überwuchert. Ein sogenannter Schichtler hobelt Schicht für Schicht seine Arbeit ab, er muss Schmelztiegel leeren und das flüssige Kupfer betreuen. Wenn es zu einem Arbeitsunfall kommt, blutet sein Fuß aus einer flüssigen Wunde wie aus jenem Kruzifix, das in der Stube hängt.

Passagierscheine sind Dokumente, womit das Wechseln von Zonen und Arealen gestattet wird. Ein Künstler kommt in die Vororte St. Petersburgs, um sich in der Kneipenszene mitten im Brachland umzusehen. Aus der Untergrundmusik wuchern immer öfter die Drogen Afghanistans hervor, ehe dann um die Ecke die Veteranen auftauchen, die einst in Sowjetzeiten am Hindukusch verstümmelt und traumatisiert worden sind.

Ein paar Geschichten später bringt der Erzähler die Mythen vom Brei und von der langen Mauer durcheinander, so dass er glaubt, er müsse sich die chinesische Mauer entlangfressen, um ins Paradies zu gelangen. An anderer Stelle verfällt die große Mauer, noch ehe man den Kopf durchstecken kann.

„Saison“ ist schließlich eine lange Abfolge von skurrilen Szenen überschrieben, worin sich Jugendliche aufmachen, um hinter den Almen Pech zu sieden. Ein Großteil ihrer Vorstellungen bleibt freilich im Kitsch-Filter der Alm hängen, wo sich zwischen den Bildern eine andere Wirklichkeit auftut. Mit zunehmender Saison werden die Bilder immer mehrdimensionaler, bis schließlich die Behörde auftaucht, um die ausgelegten Drogen zu suchen. Der Almabtrieb mutiert zu einer psychodelischen Expedition. Wenn wir schon nicht nach Kalifornien kommen, müssen wir uns eben Kalifornien auf die Alm holen, heißt die Devise.

Markus Lindners Geschichten setzen jäh ein, wie man einen Nagel einschlägt, und schlagen dann einen Haken, um den eingegebenen Kurs zu verlassen. Meist sind es die Helden oder Erzähler selbst, die von dieser Richtungsänderung unerwartet getroffen sind. Gegen diese Schmelze des ausgelegten Stoffs gibt es nur zögerliche Hilfsmittel, ein Polizeibusfahrer etwa schaltet am Ende der Allee das Martinshorn ein.

(Helmuth Schönauer, Rezension in: schoenauer-literatur.com [?], 1.10.2014)


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