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Kurzbeschreibung

Nachdem es sich zuvor durch den abendlichen Stadtverkehr gequält hatte, war das Taxi nunmehr schon geraume Zeit auf der Autobahn zum Flughafen unterwegs, als aus dem Autoradio das Zeitzeichen tönte. Unwillkürlich blickte Abd as-Salam Karim auf seine Armbanduhr. Es war sechs Uhr. Er würde genügend Zeit für das Check-in haben, dach¬te er. Der Flug nach Amman sollte um 8 Uhr 45 abgehen. Sobald der Koffer über das Fließband weggerollt wäre, würde er sich noch in Ruhe ins Cafe setzen und etwas trinken. Und danach bliebe lediglich die Sorge, ob er bei der Ankunft seinen Koffer unversehrt wieder in die Hand bekäme.

Vielleicht hätte er das Geld doch lieber ins Handgepäck geben sollen, überlegte er zum fünften oder auch schon zehnten Mal - sinnloserweise. Denn er hatte sich nun einmal für den Koffer entschieden, und daran ließ sich nichts mehr ändern. Gewiß, das Handgepäck hätte er dauernd in seiner Nähe; was aber, wenn man es ihn bei der Kontrolle öffnen ließe und dabei auf die Geldbündel stieße? Er mußte davon ausgehen, daß man ihm dann die gesamte Summe wegnähme, da es bestimmt verboten war, eine halbe Million Dollar undeklarierr auszuführen. Und wenn sie dann nachforschten, woher er denn all das Geld hätte, würde zuletzt doch die ganze Angelegenheit auffliegen.

Unter anderen Umständen wäre es natürlich das einfachste gewesen, das Geld auf ein Konto zu legen und es über die Bank transferieren zu lassen. Aufgrund der internationalen Sanktionen, die der Westen gegen sein Land verhängt hatte, würde aber das Konto schon in dem Augenblick gesperrt sein, in dem er seinen Paß vorwiese. Und er brauchte das Geld sofort, cash. Das Angebot des Österreichers hatte sich ohnehin wie ein Himmelsgeschenk eingestellt. Nun durfte er sich den Segen nicht wieder durch die Lappen gehen lassen. Er mußte nur Ruhe bewahren; nicht nervös werden, sagte sich Abd as-Salam, auch dies nicht zum ersten Mal an diesem Nachmittag. Um sich von diesen beunruhigenden Gedanken abzulenken, achtete er auf die Nachrichten, die das Autoradio eben von sich gab.

Er verstand zwar nur ein paar Brocken Deutsch, ein paar Floskeln, die er sich im Lauf seines Umgangs mit Deutschen und Österreichern angeeignet hatte; nicht genug, um tatsächlich einem Gespräch folgen zu können. Dennoch machte es ihm von Zeit zu Zeit Spaß, Nachrichten in einer ihm fremden Sprache zu verfolgen und herauszufinden, wieviel er davon mitbekam. Zumeist waren es nur ein paar Namen von Ländern, Städten und Personen sowie einzelne Begriffe aus dem einschlägigen internationalen Sprachgebrauch. Aber mitunter genügte das schon, um zu erahnen, worum es ging.

Und jetzt hörte er mit einem Mal einen Namen, der ihm nur allzu vertraut war: Bernhard Winkelbauer. Angestrengt horchte er, ob er verstehen könnte, in welchem Zusammenhang der Namen genannt worden war. Entweder war aber das Radio zu leise eingestellt, oder es war da tatsächlich kein Wort, das ihm hätte einen Hinweis geben können. - Doch! Eines kam zuletzt noch in dieser Meldung: Araber. Vor allem dieses Wort versetzte ihn in Unruhe. Was war geschehen? Hatte die Nachricht etwas mit ihm zu tun? Das mußte er herausfinden; und zwar so schnell wie möglich. - Konnte er den Chauffeur fragen? Wie sollte er sich ihm verständlich machen? Er versuchte, in Gedanken eine entsprechende Frage auf deutsch zu formulieren.

[...]


Rezensionen
Clemens Ruthner:

Menschenhatz steht auch im Mittelpunkt des neuen Romans von Helmut Rizy (geb. 1943), als Max-von-der-Grün- und Theodor-Körner-Preisträger im sozialkritischen Fach ausgewiesen. Hatte er mit seinem letzten Buch Hasenjagd im Mühlviertel (1995) den KZ-Dorfgeschichten Oberösterreichs nachgespürt, ist hier ein irakischer Ministerialbeamter in Wien der Verfolgte.

Abd as-Salam Karim hat den letzten Termin beim Unternehmer Bernhard Winkelbauer kurz vor dessen Ermordung. Es geht um die Übergabe von 500.000 Dollar, mit denen sich Karims Vorgesetzte ihr Schweigen in einem Gerichtsverfahren um illegale Kriegslieferungen bezahlen lassen. Als der Iraker dann die Todesmeldung im Radio hört, weiß er, daß er wenig Chancen haben wird, die Polizei von seiner Unschuld zu überzeugen. Die anschließende Fluchtodyssee weg vom rettenden Flughafen Schwechat über die Wiener Outskirts und den Gürtel endet schließlich im Wochenendhaus des Journalisten Hoffmann, der Karim als Informanten vorläufig versteckt.

Leider kommt die vom Autor angepeilte harte faction nicht so hinüber wie geplant, schon gar nicht in der etwas ermüdenden Chronologie eines sehr konventionellen Erzählstils. Der prinzipiell originelle Blickwinkel des flüchtigen Irakers auf seine (ausländer-)feindliche österreichische Umwelt verstrickt sich in der zweischneidigen Absicht, den Fremden einmal von innen zu zeigen: "Erst hatte er gedacht, er könnte den Besuch im Sex-Kino nachholen", ist neben einer Flasche Whisky einer der ersten Gedanken des untertauchenden Beamten auf Abwegen.

Der heimische Alltag bleibt eine kaum zu erreichende Vorgabe: An reale Justizgrotesken wie die Wiener Kurdenmorde kommt wohl kein österreichischer (Kriminal-)Roman glaubhaft heran. So auch bei Rizy, wo ein abbildender Realismus einer halluzinierenden Wirklichkeit nicht gewachsen ist.

(Clemens Ruthner, Rezension im Buchmagazin des Literaturhaus Wien, 21. März 1998)


http://www.literaturhaus.at/index.php?id=2572