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Kurzbeschreibung

Im Mai 2000 – Berlin
Am 18. dieses Monats war Vollmond im Scorpion – mein Blut geriet in Wallung und plötzlich wusste ich, ins blaue Land muss ich zurück! … und jetzt muss es sein! So rief ich also schlaflos das größte Taxi Berlins und 2 Stunden später kurvte mich eine Lady in Blond – mit 5 Katzen im Gepäck – behutsam via Salzburg. Nach langer Zeit Berlin blitzen die Berge wie Fremdkörper in meine Augenwinkel und ich erlebe eine Art Kulturschock, als käme ich aus Indien. So klein – so sauber – so gute Luft!

18.8.2000 – S. im Sonnenbad
Ein wunderbarer Sommer hat sich hier entfaltet. Tiefes Heiß wie im Süden – der Wind erzählt mir Geschichten – als hörte ich das Meer rauschen – spürte das Brennen des Sandes auf meinen Fußsohlen und Salzgeschmack auf meinen Lippen. Die Hitze hier ist neu und das ist gut, sie gibt der Stadt das internationale Kleid, das ihr sonst fehlt. Ich schwimme am Morgen – schreibe – denke – bin einfach nur da – fahre mit dem Rad zu meinem Lieblingsplatz – und esse ein Eis – lese und kaufe Katzenfutter – dann laufe ich die Allee in den Abend hinein – tiefe Träume und ein frühes Erwachen. So gehen die Tage dahin und mit ihnen der Sommer. Langsam weitet sich die Sehnsucht nach Berlin und in Gedanken bereitet sich der Umzug.

Donnerstag 21.9.2000 – Berlin – Hotel Savoy – 408
8:00 Der Flirt mit dem großen, schwarz-grau gefiederten Vogel auf dem Kastanienbaum, mir vis-à-vis. Er putzt sich sorgfältig und ist erstaunt, wer ihm da zupfeift! Mir scheint, das hat er in der Großstadt noch nie erlebt.

Freitag 22.9.2000 – Berlin
13:00 – Vidal Sassoon. Una aus Lettland schneidet die Haare behutsam, die großen Hände bringen klare Linien. Der wilde Schnitt von einst wird sanft bereinigt.
15:00 – Eile in Schönheit via Bismarkallee. Der unerwartet attraktive Makler kommt zeitgleich. Diese Wohnung ist die schönste, die ich jemals besichtigt habe. Beinah ideal! Und in mir ja-t sich der Entschluss. Da steht plötzlich die hässlich blonde Frau trällernd vor uns – „Ich bin die Schwiegertochter und ziehe hier in 14 Tagen ein!“ Wir sprachlos, großäugig, wie angewurzelt im Flur. Der Schicksalsschlag der Seltenheit. … und die Folge war klar – glasklar! Einige Vielschritte weiter schmerzt der unbeabsichtigte Tritt auf die Zyklame, unter der ich wenige Monate zuvor das Rotkehlchen begraben hatte.

29.12.2012
Massenprotest in Indien! Studentin stirbt nach brutaler Vergewaltigung. Konzentration – Meditation – bewusste Handlung hilft durch den Tag. Mein linkes Lid zuckt immer noch. Es spielt den Winterblues. Die Nervenhaut ist derart fragil – sodass ich imaginäre Elephantenhaut mir borge.

30.12.2012
Heute liegt meine Tierfamilie wie ein Murmeltierhaufen im Kreis und schläft tief, nachdem gestern der Föhn große Frühlingsgefühle weckte und alles durcheinanderbrachte.

31.12.2012
Der Traum war klar und groß heute Nacht. Eine MC-Linie begleitete mich. Sie war stark und beständig. Patti und Buddha, die Ältesten meiner Tierfamilie, schubsten ihre Nasen gegen meine und liebkosten mich besonders stark. Wenn es euch nur gutgeht, meine Tiere, dann bin auch ich glücklich. Am späten Nachmittag bereits böllern die ersten Himmelskörper und Merlini wird sehr nervös. Er geht mit mir in den Wärmetempel, das beruhigt ihn etwas, jedoch hat er Angst wie jedes Jahr zu Sylvester. Seltsamerweise ist Bono, der zweite Räderkater, der um zehn Jahre jünger ist als Merlini, auch sehr voll mit Angst. Die beiden sehen sich ähnlich und sind doch so verschieden. Vivo schaut sich noch die ersten Leuchtkörper an und staunt, wird jedoch mit Steigerung der Lautstärke ängstlicher. Nur Buddha und Patti sind seelenruhig, schlafen und träumen, als wäre alles gut. Diese beiden Tiere wurden von Geburt an von mir geprägt und ich nahm denen viel Angst. Jedes Jahr feierten wir gemeinsam die Neujahrswende. Wir steigen in eine wilde und zugleich konzentrierte, zentrierte Neujahrsnacht. Sehr nah – sehr vereint.

1.1.2013
Der Umzug soll gelingen! Sehr arbeitsreich der erste Tag im neuen Jahr. So mag ich das. Ich arbeite gern. Neue astrologische Methoden bringen meinen Kopf zum Rauchen und mein Nacken glüht. Seine eigenen Methoden zu verfeinern, ist oft besser, als ständig neue Methoden einzuflechten. Zu viel Stoff verwirrt den Klienten und auch den Therapeuten. Studierte die ganze Nacht, brannte vor Begeisterung.

2.1.2013
Verspätete Geschenke und unerwartete Ereignisse bringen meinen Tagesplan durcheinander. Muss alles umdisponieren. Wurde lustvoll aus meiner Bahn geworfen. Ein großer Aufschrei – jedoch alles gut gemeistert.

5.1.2013
Der Regen prasselt und prasselt. Seit Tagen prasselt er auf uns nieder. Blaubeeren aus South-Africa und frische Feigen aus Israel munden mir zum Frühstück. Diese Köstlichkeiten schmecken so gut am Morgen und fremde Länder ziehen in mir ein. Wer hat die gepflückt? An welchem Tag und wo genau? Die Sonne schien und die Pflücker waren glücklich. Es kann nur so sein, denn diese Früchte schmecken danach. Biologisch. Extrem teuer im Winter, jedoch wunderbar im Geschmack. Geschenk des Morgens an mich selbst. Das Spielen mit Emmo ist schön! Sein Lachen bezaubert mich. Er schubst mir italienische Wörter zu – wenn ich ihn frage. Wie ich es liebe, mit Sprachen zu jonglieren. Emmo hat Spaß mit mir. Wir können gut miteinander. Verstehen uns auf naturhafte Weise, als hätten wir immer schon zusammen gespielt.

6.1.2013
Den Muttergeburtstag vergisst ein Kind wohl nie!

15.6.2013
Das große Lachen bricht heute aus mir und überrascht mich. Der starke Ruf aus weiter Ferne berührt mich sehr. Fragil fühle ich mich und neuwerdend.

16.6.2013
Noch einmal in die Texte beißen – noch etwas feilen an den Rändern – dann loslassen – ja …

18.6.2013
… schau da sind meine Spuren! …


Rezensionen
Bernhard Flieher: 20.21 Uhr. Absolutely Sweet Marie

10 Minuten. „Ich bin nicht verrückt, bin nur intensiv.“ Schauspielerin Marie Colbin fiebert durch eigene Texte.

Eine Vogelfeder liegt auf dem Buch, das auf dem Tischlein liegt, an dem Marie Colbin sitzt. „Ich singe und tanze, singe und tanze ... wohin?“, liest sie in der Galerie Ropac. An den Wänden hängen Fotos von Robert Mapplethorpe. Schlichte Bilder auf den ersten Blick, aber eben solche, die sich doch jedem Wegschauen entziehen. Wie Colbin. Und wie ihre Stimme, die das Weghören verbietet.

Sie liest, schreit, kriecht in die eigene Seele, kratzt, haut, tobt, miaut. Bei ihr klingt das Gänsehaut produzierend echt, also wirklich, also ungekünstelt trotz der Schauspieler-Künstlichkeit, die sie einst im Mozarteum studierte. Colbin lässt alles fühlen. Die Rage, wenn der Bus davon fährt. Die Sorge um Tiere, den Weltfrieden, die Sterne. Verloren ist sie im Regen, im Sommer hingegen heiß und sehnsüchtig und atemlos. „Wenn die Traurigkeit sich über meine Haut stülpt, sehe ich nichts mehr“, liest sie.

Mit diesen Worten räumt sie alles weg. Dann hängt nichts in der Luft als diese Worte. Und dann donnert es wieder. Colbin liest, wie sie schreibt, und sie schreibt, was sie (er)lebt.

Manche Buchstellen ließ sie in Großbuchstaben drucken. Da wächst Dringlichkeit aus Worten - oder Wut, Entsetzen, vielleicht auch Furcht, aus denen sie kamen. Wo sie diese Worte auftauchen lässt, strömen sie durch Colbins Körper. Ihr Körper schwingt mit den Zeilen. Manchmal bebt sie. Manchmal schmiegt sie sich wie eine Katze um das Geschriebene.

„Das Tier in mir ist vielleicht stärker als der Mensch in mir“, liest sie. Von Katzen, sie hat ein paar davon, erzählt sie oft. Colbin holt die Zeilen, manchmal bloß Satzfetzen, manchmal kleine Erzählungen und immer Risse in Dasein und Seele, aber nicht aus ihrem Buch. Sie hat einen Stoß Zettel dabei. Mitspieler sind diese Zettel. Colbin legte sie - pathetisch oder auch nebenbei - auf dem Tisch ab. Das Buch liegt unberührt unter der Feder daneben - wie ein Kind, das es zu schützen gilt.

Das Buch, ihr erstes, hat einen gelben Einband. Kein knalliges Gelb. Sanftgelb - signalhaft, rührend und selten zugleich. „TA-BU“ ist der Titel, eine Abkürzung für Tagebuch. Colbin ist Schauspielerin. Vorleserin, Tierfreudin, Radfahrerin, gescheiterte Poststellenretterin von Morzg. Und jetzt ist sie Autorin des eigenen Lebens.

Manchmal wogt sie sanft, die Hände bewegen sich dann wie Wellen oder Vogelflügel. Eine Krähe sei als „7. Haustier“ eingezogen. Das war an dem Tag, als Bob Dylan - erinnert er sie nun an eine „Nachtigall, einen Raben oder eine Krähe“ - in Bad Reichenhall sang, vielleicht nur für sie? Von Dylan, der nichts weiß von dieser Marie, gibt es einen Song. In der Lesung kommt er nicht vor, schwebt aber trotzdem im Raum: „Absolutely Sweet Marie“ heißt der Song. Es ist 20.31 Uhr.

(Bernhard Flieher, Rezension in: Salzburger Nachrichten, 26.11.2013)


pg: Gekreischtes TA-BU

Warum lässt man die intimsten Reflexionen seines Alltags, die sich in einem Tagebuch versammeln, ins Freie? Weil sie politisch, historisch schmerzhaft relevant sind wie bei Anne Frank – oder weil sie von lyrischem Treibstoff in Gang gesetzte Momente aus einem sehr speziellen Kopf preisgeben. Marie Colbin hat so einen Kopf, der zu gegebener Zeit wie filterlos jedes Detail speichert und im Handumdrehen auch leicht überhitzt. Ihr „TA-BU“ ist Abkürzung, doppelter Wortsinn und Titel in einem, unter dem sie ihre häppchenweisen und ursprünglich ohne Veröffentlichungsabsicht entstandenen Klar- und Poesietexte aus den Jahren 2000 bis 2013 auf 395 Seiten im Verlag „Bibliothek der Provinz“ herausbrachte. Am Montag las, kreischte, schrie und flüsterte Colbin im vollen Stifterhaus daraus. Das Buch verkleidet sich nicht als Literatur, es verheißt allerdings rücksichtslose Unmittelbarkeit – und löst diese auf jeder Seite ein.

(pg, Rezension in den Oberösterreichischen Nachrichten, 2. April 2014)


http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/Gekreischtes-TA-BU;art16,1348001