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Kurzbeschreibung

[trostlosstrasse]
Fritz Nussböck. [Hrsg. von Sigi Maron]



besitz

sie besitzt nichts, was über das existenzminimum hinausgeht,
bald nicht einmal mehr einen arbeitsplatz.
das macht sie traurig.
sie ist niedergeschlagen.
der kleingewerbetreibende fritz N
versucht, sie aufzuheitern
und liest ihr eine geschichte vor,
die er einmal für seine eveline
zur aufheiterung geschrieben hat:

wenn wer eine tasse kaffee besitzt,
dann besitzt er die tasse meistens länger,
den kaffee allerdings nur, bis er ausgetrunken ist.
oder wenn wer eine zigarette besitzt, dann besitzt er,
nachdem er sie geraucht hat,
jede menge auf dem boden verstreute asche
und einen zigarettenstummel.

wenn wer eine schreibmaschine oder einen computer besitzt,
dann kann es schon passieren,
dass wer anderer später auch einmal
eine geschichte besitzen wird.

fast alle leure legen sehr viel wert auf ihren besitz,
denn dafür haben sie ja ein leben lang geschuftet.

aber die meisten besitzen nur lauter unnötiges klumpert,
das sich nicht einmal in ihrem eigentum befindet,
da sie es mittels kredit erworben haben.
wenn sie jedoch irgendwann nicht
das nötige knödel besitzen,
um ihre schulden,
welche automatisch mit dem kredit auch
in ihren besitz übergegangen sind,
zu bezahlen, dann kommt der exekutor,
und sie besitzen auch noch
einen kuckuck auf den gegenständen,
von denen er annimmt,
dass sie bei einer versteigerung von anderen leuten
vielleicht auch besessen werden wollen könnten.

manche menschen haben geglaubt,
es sich leichter machen zu können
und sind zu dieben oder betrügern geworden,
einige haben zum fiesen mittel der erpressung gegriffen.
der eine oder andere hat sogar vor einem mord nicht zurückgeschreckt.
so haben 1938 unter dem titel
arisierung ganze wirtschaftszweige
ihre besitzer gewechselt -
die jüdischen eigentümer wurden vertrieben
oder ermordet
und konnten daher nach 1945 ihr eigentum
nicht zurückverlangen.
die wenigsten dieser mörder, wie auch die nutzniesser,
wurden zur rechenschaft gezogen.
sie sind heute angesehene mitbürger
und meist die lautesten rufer nach mehr schütz
für besitz und eigentum.

es gibt auch leute,
das ist leider gar nicht so selten,
die besitzen in ihrem köpf einen imaginären vogel,
und deuten bei jeder gelegenheit allen anderen,
auch wenn das gar niemanden interessiert,
mit ihrem zeigefinger an,
dass sie gerade dort etwas besitzen, wo nichts ist.
natürlich gibt es auf dem besitzsektor jede menge kuriositäten.
so habe ich einmal einen gekannt,
der hat von sich behauptet,
eine transzendentale unterhose zu besitzen,
die ihn vor allen möglichen gefahren schützt.
und wirklich - das glück war ihm immer hold,
bis ihn eines tages ein lastauto überfahren hat.

gar nicht der rede wert ist der oft nur eingebildete besitz.
obwohl zum beispiel manche leute dauernd damit angeben,
was sie doch nicht für eine grandiose fantasie besitzen,
während sie in wahrheit
immer nur mit den alten schmähs anderer
hausieren gehen, werden sie selten
als vorgebliche besitzgeier entlarvt.
das kommt davon,
weil so wenig leute einen guten schmäh besitzen.
sie muss lachen,
der schwarze hund wedelt mit dem schwanz,
sie sagt: »du bist ja ein schriftsteller -
warum schreibst du nicht mehr?«
»weil ich mich die meiste zeit
mit den hinigen uhren herumplage
und mit den abgerissenen ketterln«,
antwortet der kleingewerbetreibende fritz N,
während er ein neues lederband an einer uhr befestigt.