Warenkorb
0€ 0

Kurzbeschreibung

Wiener Karl-Kraus-Vorlesungen zur Kulturkritik ; 3. - Edition Seidengasse


Seit 1987 laden die Wiener Vorlesungen Persönlichkeiten des intellektuellen Lebens dazu ein, ihre Analysen und Befunde zu den großen aktuellen Fragen der Welt vorzulegen. Es geht um eine Schärfung des Blicks auf die Differenziertheit und Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen und kulturellen Wirklichkeit. Die Reihe "Karl Kraus Vorlesungen zur Kulturkritik" setzt an einer Kritik der Sprache und der aktuellen medialen Kultur an. Die prägnantesten Beschreibungen kultureller Situationen wurden in der Geschichte von Literaten verfasst. So war es dem Herausgeber ein besonders Anliegen, den Sprachartisten und Fußballer Franzobel um seinen Befund zu bitten.


Bei einer Fußballübertragung stach mir die Bildmarke »Fran 2:0 Bel« wie ein Wort ins Auge – ich las »Franzobel«.

Frühling! Jeansjacke, Zigaretten, Taschenbücher, Brüste, Kamasutra und natürlich Fußball.
Fußball? Warum sich Schriftsteller für Fußball begeistern? Weil das etwas ist, worüber man sich echauffieren darf, ohne sich gleich wirklich zu entäußern, weil man bei Fußball über etwas reden kann, auch wenn man nichts zu sagen hat?

Fußball positioniert. Die Alternativen wäre vielleicht Monster Trucks, Lumberjacking oder American Gladiators. Doch weshalb? So lange im Fußball so schöne Sprachblüten gedeihen wie in den Sätzen: Wenn Kicker kürzer treten müssen.

Oder Gelb und Gelb macht Rot, das ist ein schwarzer Tag. Ich meine ja, dass es ein Duell Leverkusen gegen Liverpool auch bei der Meisterschaft im Leberknödelessen geben könnte. Sogar ein Satz wie Sie haben mit dem Herz gespielt ist mehrdeutig.

Vielleicht liegt es aber auch an den Verlegern, dass sich seit Samuel Beckett Schriftsteller für Fußball interessieren? Möglicherweise lassen die Verleger nur fußballversierte Autoren zu? Auf den Buchmessen jedenfalls wird mehr über Fußball als über Bücher gesprochen, und auch in den Verlagen und Zeitungsredaktionen greift die Verfußballisierung um sich. Und dabei war das doch einmal, zumal bei Intellektuellen, mehr als verpönt. Natürlich sind die Medien an dieser Fußballisation nicht unschuldig.


Rezensionen
Christian Pichler: Franzobels sportive Betrachtungen

Es mag tatsächlich seltsam erscheinen, dass Menschen es bedeutsam finden, wenn sich sportive Zeitgenossen auf länglichen Brettern (die natürlich längst nicht mehr aus Holz, sondern aus irgendeinem High-Tech-Material gemacht sind) möglichst schnell den Berg hinunter in winterlicher Landschaft (die so winterlich auch kaum mehr ist und sich deshalb immer öfter ein weißer Kunstschneefaden durch eine grün-braune Landschaft zieht) stürzen, um möglichst schnell die Distanz zwischen Punkt A (=Start) und Punkt B (=Ziel) zu überwinden. Schisport also. Noch seltsamer mag erscheinen, dass vor allem in den letzten Jahren immer öfter PolitikerInnen die nationalen Schiheroen im Zielraum erwarten, um ihnen dann womöglich in überschäumender patriotischer Aufwallung die Hände zu schütteln.

Ein unheimlicher Verdacht drängt sich auf: Hat gar die Weltgemeinschaft dem kleinen Österreich den Schisport geschenkt, damit das Land sich in der Illusion einstiger Größe wie zu Zeiten der Donaumonarchie suhlen kann? Und dies perfiderweise mittels eines Sports, den das kleine Österreich für weltbedeutend hält, in dem aber neben Austriaken ja doch nur Schweizer oder Liechtensteiner gewinnen?

Franzobel, 1967 in Pichlwang geborener Wortartist, selbst ein leidenschaftlicher Hobbyfußballer, hat sich bereits mehrmals des seltsamen Paralleluniversums Sport angenommen. Für die Wiener ”Karl Kraus Vorlesungen zur Kulturkritik” hat Franzobel bereits anderswo Erschienenes und Neues zur Sammlung ”Über die Sprache im sportiven Zeitalter” zusammengetragen.

Verständlich und naheliegend, dass sich der Dichter mit dem gebotenen Unernst der angeblich wichtigsten Nebensache der Welt, die zugleich aber auch so was von wurscht ist, nähert. Ebenfalls naheliegend, dass sich hinter diesen Sätzen, die so unverschämt witzig formuliert sind, auch harsche Kritik verbirgt. Etwa am österreichischen staatlichen Fernsehen, das sich von Formel 1-Boss Bernie Ecclestone (”der noch immer aussieht wie ein verloren gegangenes Mitglied der Bay City Rollers”) völlig naiv über den Tisch ziehen ließ. Was u. a. dazu führte, dass der ORF nun auch die langweiligsten Passagen wie die Aufwärmrunden zeigen muss und dafür auch weitaus spannendere Sendungen unterbricht.

Vom Schisport über den Trendsport Golf bis hin zum Phänomen ”Arnie” (auch in der Politik können sich fast nur noch gestählte Körper durchsetzen) - Franzobel lässt kaum eine sportive Unwichtigkeit aus. Das erste Kapitel hat er - naturgemäß - dem Fußball gewidmet. Zum Kaputtlachen seine Studie des Polizisten, der neunzig Minuten mit dem Rücken zum Spiel stehen muss, um die Fans im Auge zu behalten. Unvermeidlich auch, dass Franzobel sodann gleich auf eines seiner Lieblingsthemen zu sprechen kommt, das ”Pastern”. Bei diesem Ritual werden Fußball-Novizen im Anus mit einer Schuhpaste eingeschmiert; angeblich wird bei einigen Vereinen die härtere Variante praktiziert, nämlich einen länglichen Gegenstand wie einen Klobesen etc. in den Hintern zu stecken.

Wie erwähnt, köstlich-hinterfotzige Texte. Als Beispiel seien Betrachtungen Franzobels zum Schisprung (”milchgesichtiges Luftstechen”) wiedergegeben:

”In leiser, sich regender Sinnlichkeit wird der Kopf nach vor gereckt. Die angefeuchteten Lippen festgepresst, die Arme angelegt, gleichen die Schispringer den todesmutigen Samenzellen in Woody Allens 'Was Sie schon immer über Sex wissen wollten'”.

Dabei sind die dünnen Schispringer wohl die heutige Form früherer Kastraten-Sänger, ausgestellte Kasteiungen. Vielleicht sind sie deshalb gerade an den Weihnachtsfeiertagen so beliebt. Während die weihnachtskeks- und marzipanschweinschwangeren Bäuche vor den Fernsehern verdauen, segeln pubertierende, leicht morbide Bulimiker durch die Luft, lassen einen die Schwere der Feiertage im Körper vergessen, die lang schon wieder gebrochenen Vorsätze fürs neue Jahr.”

(Christian Pichler, Rezension auf der Webseite des Stifterhaus Linz, [?])


Claudia Theiner: Sportisierung der Gesellschaft

Ablauf und Dramaturgie des Sportes sind nicht schwer zu verstehen, haben doch seine Begriffe und Kategorien mehr oder weniger alle Lebensbereiche erreicht. Jung und Alt, Arm und Reich praktizieren Laufen, Radfahren, Nordic Walking - Sport als "bürgerliche Pflicht" redet man uns geradezu ein.

Den Befund "Über die Sprache im sportiven Zeitalter" (Bibliothek der Provinz, Weitra) legt Franzobel, "Sprachartist, Fußballer, Erreger und Privatkatholik", Bachmann-Preisträger, Träger der Bert-Brecht-Medaille, zweimaliger Gewinner des Nestroy Theaterpreises ect. ect. - die verschiedenen Disziplinen des Sportes betreffend - in Form von listig-kristischen Kommentaren vor: Er kommt aus der Avantgarde der bildenden und literarischen Kunst, die vorliegende Abhandlung ist ein Beitrag der Wiener "Karl Kraus Vorlesung zur Kulturkritik".

Im Gewande klugen Amüsements präsentiert Franzobel uns wohl Wahres, wenn er von "Verhüttelung und Zurüstung des Körpers" spricht, vom Fußballfeld als Bild für den modernen Arbeitsplatz mit Positionswechseln und Umschulungen, oder vom Spiel der Mächtigen, wo man sich wie "Kuhzüchter mit Kuhzüchtermanieren" benimmt.

Franzobel nimmt Homepages der Sportler ins Visier, nennt sie "Besenkammerl", die eben die kleine Welt der Sportler verraten, und er identifiziert Hermann Meiers Unfall als nationale Katastrophe, als Österreichs Supergau quasi. In der Trainingsmanie sieht Franzobel nichts anderes als ein So-tun-als-ob, das sich zur neuen Lebensform zu entwickeln scheint.

In einer schillernden Gesellschaftsanalyse nimmt sich der Autor kein Blatt vor den Mund, er holt die Großen vom Podest, den Herminator, den Beckham und den Arnie. Und weil doch das mediale Kochen kulturübergreifend allgegenwärtig ist, verrät er auch dazu seine Ideen: zum Tennis passen Knödel und Veilchensouffle zum Boxen.

Mit charmantem Spott legt sich Franzobel mit den modernen Götzen an, er kommentiert vorhersehbare Folgen, zerpflückt Schnappschüsse aus der Recherche kokett und geradezu lustvoll und natürlich schließt der Rhetoriker Franzobel auch Urteile in seine kecken Tadelreden ein. Mit Zeigen und Darstellen, mit kühler Emotionsbezogenheit und mit vergnüglicher Imagination nährt er die Vorstellung, regt Schlussfolgerungen an und impliziert nicht zuletzt die Instinkte. Im Sinne der Einleitung zum Buch handelt Franzobel die Dinge durchaus differenziert ab und - er macht uns aufmüpfig gegen den "restringierten Code der Sportberichterstattung".

(Claudia Theiner, Rezension in: Dolomiten, 29. August 2008)