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Kurzbeschreibung

[Red.: Margit Zuckriegl]


An einem eisigen Februartag des Jahres 1993, es war der Neujahrstag der Tibeter, fiel ich am See von Phoksundo aus der Zeit. Das tagelange Schneetreiben hatte endlich aufgehört, der Wind hatte sich gedreht, war aber kaum schwächer geworden, als ich das fast viertausend Meter über dem Meer im westlichen Himalaya gelegene Seeufer in der verwehenden Spur eines Freundes erreichte.

Wir durchwanderten damals das Niemandsland zwischen Tibet und Nepal auf der Suche nach Klöstern und Einsiedeleien der vorbuddhistischen Bön-Religion und fanden seit Tagen in den Hütten und Höhlen des Stammeskönigtums Dolpo Schutz vor dem Schnee. Aus den Tälern ringsum drang immer wieder das Donnern von Lawinen. Die Neujahrsnacht hatten wir in einem Winterlager von Halbnomaden verbracht, die in rußigen Steinhütten darauf warteten, dass der Frühling die Pässe freigeben und ihnen erlauben würde, mit ihren Yaks zu den großen Salzseen und Weiden Tibets weiterzuziehen.

Wir wollten nicht warten. Wir hatten keine Karawane schwerbeladener Yaks zu führen, keinen Hausrat und keine schwarzen Wollzelte durch das Gebirge zu schleppen, sondern nur unsere Rucksäcke. Einen Tagesmarsch vor uns, irgendwo in den Schneewolken, sollte der See von Phoksundo liegen und an seinem Ufer ein Dorf, auch ein Kloster: bewohnt? oder verlassen? wie die meisten hochgelegenen Siedlungen um diese Jahreszeit das wussten auch unsere Gastgeber nicht.

Als am Vormittag hoch über den jagenden Wolken ein sonnenbeschienener Gletscher wie ein schwebender Eisberg erschien, verließen wir das Lager und machten uns auf den Weg. Wenn einer auf und davon geht, einem Ziel entgegen oder ins Ungewisse, dann lässt er nicht bloß Menschen und Orte hinter sich, eine Zuflucht, verschneite oder hitzeflirrende Landschaften, eine Straße, eine Mole, ein Haus, sondern bewegt sich gleichzeitig und auf einer unter Umständen ebenso abenteuerlichen Route durch die heimlichere Welt seiner Gedanken und trifft dort das eben Verlassene wieder – Erinnerungen an Menschen und ihre Orte oder die Sehnsucht nach dem, was war und was werden soll.