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Kurzbeschreibung

[Hrsg. von Andrea Welker]


In meiner Heimatstadt, der westfälischen Provinzialhauptstadt Münster, hängen hoch oben am neugotischen Turm von St. Lamberti drei eiserne Käfige. Sie erinnern an Jan van Leiden, Bernt Knipperdolling und Bernd Krechting, die am 22.1.1536 auf dem Domplatz mit glühenden Zangen zu Tode gefoltert und deren sterbliche Überreste in drei Eisenkäfigen an der Fassade der Lambertikirche ausgestellt wurden, den Lebenden zur Abschreckung und zur steten Mahnung. Es sei der schlimme Ausgang einer bösen Tragödie gewesen, heißt es in einem Bericht, den ich schon als Schüler las und dessen naturalistische Abbildungen ich in Erinnerung behalten habe.

Diese »böse Tragödie« war das Königreich der letzten Tage, das Wiedertäufer in Münster errichtet hatten. Die Wiedertäufer waren eine der zahlreichen geistlichen Bewegungen der Reformationszeit. Persönliche Religionsfreiheit in einer wahren Christengemeinschaft, dokumentiert durch die Erwachsenentaufe, und dazu Prophezeihungen, die ein religiös-utopisches Bewußtsein vom Himmelreich schon auf Erden nährten, waren die allgemeinen Grundlagen. Verbunden damit waren Vorstellungen von einer alternativen Gesellschaftsordnung, die insbesondere von der marxistischen Geschichtsschreibung als früh- oder vorkommunistisch idealisiert wurde. Die Gleichstellung aller, Abkehr vom Materialismus und die Souveränität des Volkes, das nur einen Herrscher, nämlich Gott, kennt, waren wichtige Forderungen und Ziele dieser alternativen Gesellschaftsbewegung, die gänzlich im Gegensatz zum feudalen Staatsgefüge des Mittelalters stand. […]