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Kurzbeschreibung



Sozialer Notschlachtruf

Kontrolliertes Feuer nannten die Spezialisten des Wiener Sicherheitsbüros den verheerenden Brand mit achtzehn toten Kollegen im Polizeigefangenenhaus auf der Rossauer Lände. Diese Maßnahme steht in Zusammenhang mit dem in jüngster Zeit verschärften Kampf gegen das Organisierte Verbrechen.


Rezensionen
Peter Miniböck:

„Kriminalgeschichten" untertitelt der Autor Axel Karner (der Verlag?) sein Buch „Vom ersten Durchblick des Gewebes am zehnten November und danach". Das ist eine (Irre-)Führung: Dieser Band ist kein Krimi! Die Erwartungshaltung von (Mainstream-)Krimilesern wird nicht erfüllt. Axel Karner geht einen andern Weg: Der Text präsentiert sich aus­schließlich in Großbuchstaben und weist keine In­terpunktion auf.

Und: dem Autor gelingt es, eine wichtige ästhetische Maxime Friedrich Schillers zu widerlegen: „ [...] In einem wahrhaft schönen Kunstwerk soll der Inhalt nichts, die Form aber al­les tun", schreibt Schiller 1801 in „Über die ästhe­tische Erziehung". Das trifft hier nicht zu: Form und Inhalt sind in diesem Buch eine selten ideale Sym­biose eingegangen:

„ER SPUCKTE HINEIN UND HOFFTE SEIN SPEICHEL BRÄCHTE DAS MEER ZUM ÜBERGEHEN DASS ER DARIN ER­SAUFE DER POLIZIST ZOG IHM MIT SEINEM KNÜPPEL VON HINTEN EINS ÜBER DEN SCHÄDEL UND SPRACH SIEHE DEIN TOD IST MEINE ERLÖSUNG."

Das kommt einem irgend­wie bekannt vor ..., wenn man einiges aus der Bi­bel kennt.

Axel Karner, geboren 1955 in Zlan, Kärn­ten, unterrichtet Evangelische Religion. Unter an­derem. Seit 1974 in Wien lebend, unterrichtet er an Wiener Pflichtschulen (auch) Darstellendes Spiel und Soziales Lernen. Womit wir beim zweiten Aspekt dieses Buches sind, dem sozialen: Karner verwebt die Sprache des menschlichen Leidens in der (historischen) christlichen Geschichte, mit dem Blut und dem Sterben des täglichen Alltags, mit je­nen Ereignissen - meist menschliche Tragödien, Un­tergänge -, an denen wir allzu oft vorbeisehen.

Der Autor spießt dabei die Missstände nicht auf, er lässt den Leser unverhofft und ahnungslos hineinglei­ten in die Abfallkübel der seelischen Schlachthöfe:

„... BEI DER MARKTHALLE AM FRANZJO­SEFSBAHNHOF KAM IHM EIN MANN MIT ZWEI KÜBELN VOLL FLEISCHSTÜCKEN ENTGEGEN ER NICKTE IHM ZU AUF DER FRIEDENSBRÜCKE SAH ER DIE KREISSÄGE .. ." oder:

„... DENN ICH MUSS DEN KRANKEN ALTERNATIVEN ANBIETEN THERAPIEPLÄT­ZE NOTSCHLACHTUNGEN UND DERLEI", oder: „ES GING ALLES SEHR SCHNELL KEINE FÜNF MINUTEN SPÄTER WAR DER TISCH NEU GEDECKT SIE KÜMMERTEN SICH WE­DER UM DEN REGEN NOCH UM DIE KÄLTE GEGEN MORGEN BEGANNEN DER KOCH UND DER SCHLACHTER ZU STINKEN."

Kar­ner ist (seine!) Sprache sehr wichtig, meist geht es dabei ja um Leben und Tod:

„SIE SPRACH MIT IHM NICHT IN GANZEN SÄTZEN DA ER­SCHLUG ER SIE".

Dieses Buch kann man nicht einfach „nur" lesen. Man muss die Texte, die einen bizarren Sog tiefer und tiefer in das Buch bewirken, auf sich einwirken, aber nicht eben auf der Zunge zergehen lassen.

Axel Karner hat bereits einige Bücher vorgelegt, dieses Werk aber ragt heraus ..., und trifft hinein: ins Herz UND in die Seele. Und sollte man den 57 Seiten starken (!) Band dann aus der Hand legen, empfiehlt es sich, ihn sich möglichst bald wieder zu Gemüte - eher aber zu Gewissen - zu führen. So gelangt man (vielleicht) „Vom ersten Durchblick ..." bis „... danach".

(Peter Miniböck, Rezension in: Podium Nr. 147/148, April 2008 [?])


Helmuth Schönauer: Vom ersten Durchblick

An schaurigen Orten kriminellen Geschehens wird oft eine Gedenktafel aufgestellt, auf der in heftig blutigen Sätzen der Ablauf des Verbrechens im Inschriften-Stil dokumentiert wird.

Axel Karner gibt seinen Kriminalgeschichten äußerlich die Gestalt von Mahnmalen, in Blockbuchstaben läuft der kurze Text jeweils über die Seite und erinnert an Marterlen, auf denen bemerkenswerte Skurrilitäten verzeichnet sind.

Dabei sind die gut vierzig Geschichten wie in einer Kriminalsammlung zu Zyklen zuammengefasst. Ein etwas verstörter Kommissar K OTT und sein Adlatus MACHMUT sind scheinbar in privater Ermittlung unterwegs, als sie immer wieder auf Leichen stoßen, die in einem fast sakralen Ambiente ausgelegt sind. Gleich zu Beginn etwa liegt jemand wie eine Krippen-Installation unterm Weihnachtsbaum und gibt der ganzen ‚Weihnachterei' einen letalen Touch. Leicht schleißig ausgesprochen gibt ja auch der Name des Kommissars schon einen Hinweis, in alpinen Gegenden spricht man beispielsweise Gott durchgehend wie "Kott" aus.

Die morbide Stadt Wien liefert den Hintergrund für raunzerische Fälle, die meist in der Gastronomie angesiedelt sind. Nicht nur das Fressen selbst kann tödlich sein, auch diese absurd schwere Beisl-Kultur führt stracks in den Tod, wenn man sich nicht zwischendurch zurücknimmt. Und selbstverständlich wird alles mit dem goldenen Humor des fetten Wienerherzens ausgeschmückt. "Wenn es ums Scheißen geht, hat noch ein jeder sein Arschloch aufreißen müssen, sagte er larmoyant." (29)

Liebe und Tod liegen in der forensischen Motivationskunde oft auf einer Ebene. Im Kapitel vom "Geliebten Mörder" schießen denn auch Liebesbeweise oft über das Ziel hinaus und landen als Projektil im Kopf des Partners.

Axel Karners Geschichten haben manchmal etwas Erbauliches der süffisanten Art an sich, der moralisierende Zeigefinger bricht dabei lustvoll ab, noch während er ausgepackt wird. Was bleibt sind bis auf ein Sprichwort verkürzte Dialoge oder Gedankenspiralen. Das Leben ist durchaus lebensgefährlich, sobald man es in die Hand nimmt. Und die Aufklärung der Fälle bleibt meist an der Oberfläche hängen, denn das Tiefe der menschlichen und vor allem Wiener Seele, ist kaum zu durchschauen. So erklärt sich vielleicht dieser wundersame Buchtitel vom ersten Durchblick des Gewebes am zehnten November und danach. Genau genommen lässt sich nur das Datum definitiv bestimmen, das Gewebe selbst bleibt rätselhaft und Dechiffrierungsversuche gehen ins Leere. -Kriminalgeschichten der philosophisch sarkastischen Art!

(Helmuth Schönauer, Rezension vom 28.12.2007)


http://www.biblio.at/rezonline/ajax.php?action=rezension&medid=58226&rezid=27784

Erich Schirhuber: Unheile Welt

Dass diese Kriminalgeschichten nicht um ein Whodunit kreisen, zeigt sich alsbald: keine schlauen Detektive mit Pfeife, keine prügelndenGroßstadtbullen, keine kalkulierenden Mafiosi, keine abgründigen Psychopathen. Nichtsdestoweniger tut sich ein Orkus der Gewalt auf, in kurzen und kürzesten Episoden werden Köpfe abgetrennt, Leichensäcke gefüllt, Autos zur Explosion gebracht.

Folgenschwere Unfälle ereignen sich gehäuft, Hinrichtungen wechseln mit Serienmorden und auch Kannibalismus macht sich in seltsamer Weise breit. Und doch scheint vieles eigenartig vertraut, weniger aus unserem Alltag als vielmehr aus dem Neuigkeitsmüll der Chronikseiten. Der lakonische Ton reduziert das blutige Geschehen auf das, was es ohnehin stets nur sein kann -Brutalität als logische Steigerungsform von Gefühlskälte, die nicht durch mehr oder weniger gepixelte Fotos von entmenschten Bestien, verschlagenen Monstern - oder wie immer derlei Täter benannt werden - unterstrichen werden muss. Der Autor erzählt und wertet nicht, steigert da und dort das Geschehen ins Groteske und Komische, doch nie ins Lächerliche.

Lesend wirft man einen kurzen Blick auf eine Welt, die Karner so unheil zeigt wie sie schon in der Bibel war und in unseren Erfahrungen allzu oft ist.

(Erich Schirhuber, Rezension in: Morgenschtean. Die österreichische Dialektzeitschrift Nr. U21/22, 2008)