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Kurzbeschreibung

Gudrun Kalchhauser (Hrsg.)


Es sind nicht die Jahreszahlen aus den Geschichtsbüchern, welche Zeitgeschichte näher bringen, sondern Einzelschicksale der Menschen, die in den verschiedenen Epochen gelebt haben. Mit seinem für ihn charakteristischen Humor führt Franz Stradinger seine Zuhörer durch markante Stationen in seiner Geschichte und verrät ein wenig von seiner Lebensphilosophie. »Vom Krieg und vom Frieden« ist die Geschichte eines Mannes, dessen Leben ein Jahrhundert umspannte. Geboren 1904, lernte Franz Stradinger früh Entbehrungen und die Folgen des Krieges (Erster Weltkrieg 1914-1918) kennen. In der Blüte seiner Jahre führte er im Zweiten Weltkrieg ein Soldatenleben. Erst in seinen späten Jahren begann er über Erlebtes zu sprechen – anfangs zögernd, dann leidenschaftlich und packend. Einen Teil seiner Erzählungen hat seine Enkelin Gudrun Kalchhauser auf Tonbändern aufgezeichnet und niedergeschrieben. Der Erzähler dieser manchmal unglaublichen Lebensreise, welche 2004 endete, bleibt Franz Stradinger selbst.


Der Kammandl

Ich hatte von dieser Brücke überhaupt keine Ahnung gehabt. Da erreichte uns der Auftrag, diese Brücke zu machen. Das war an der Riviera. Da fährt man von Mentone auf der italienischen Seite nach Pataneccia und Ventimiglia. Über das Gebirge kommt man in die Schweiz. Der höhere Berg dort ist nicht ganz dreitausend Meter hoch und heißt Monte Ceni.

Hinter einem Tunnel war die Brücke gesprengt worden. Und ich habe bei diesem Brückenbau die Aufsicht über alle drei Züge gehabt. Zwei Tage und eine Nacht wurde uns für den Bau dieser Brücke Zeit gegeben. Deshalb habe ich Tag- und Nachtdienste einteilen lassen.

Die Brücke wird im Freien von einer Seite vorgebaut. Da muss hinten nach ein Ballastträger dranmontiert werden.

Damit man weiter vorbauen kann, braucht man hinten eine Last. Stell dir vor, das macht man an der Donau. Da wird von einem Ufer weggebaut. Das muss aber auch nach hinten belastet werden. Wenn die Brücke so ist, und da ist ein Ufer und da. Da geht der Ballastträger zurück, und da wird im Freien vorgebaut (Urli kritzelt eine Zeichnung auf ein Stück Papier). Oben auf den Oberträgern geht ein Kran. Der nimmt das Material auf dem Ufer auf und fährt auf den Obergurt nach vor und gibt das Material ab.

Wenn der Bau schon sehr weit zum anderen Ufer hingeht, darf keine schwere Last mehr hinunterfallen. Weil der Vorbau schon soviel Eigengewicht hat. Wenn da ein Träger herunterfiele, würden hinten die Nieten abreißen. Weil sie überfordert sind. Da geht die Arbeit sehr ruhig voran. Und bei diesem Bau habe ich meinem Freund, dem Kammandl, freigegeben. Der wollte unbedingt auf den Berg hinaufgehen. Zuerst wollte ich ihm nicht freigeben, weil er kein Bergsteiger war, und weil jeder am Tag sehr hart arbeiten musste. Da brauchte jeder seine Freizeit zum Ausrasten. Er war bei der Montiergruppe. Aber er bettelte mich so lange an, bis ich ihm freigab. Er versprach auch, sich nicht zu überanstrengen und eher abzubrechen, als seine ganzen Kräfte einzusetzen. Und er ist gegangen. Ich habe Tagdienst gehabt. Und dann habe ich in der Nacht in einer Nische im Tunnel geschlafen.

Da haben wir Decken hingelegt, und dort hat immer eine Partie geschlafen. Ich auch. Weil ich nicht Tag und Nacht arbeiten konnte. Nach Mitternacht war ich wieder an der Reihe. Das ist so nahtlos weitergegangen. Ohne Pause. Immer in verschiedenen Schichten. Zwei Züge mussten immer arbeiten. Einer hat gerastet. Gerade, als ich mich schlafen legte, ist der Kammandl zurückgekommen. Er war ganz erschöpft und konnte kaum seine Füße heben. Ich sagte ihm, dass er auf keinen Fall zur Montiergruppe gehen dürfe. Er sollte bei der Zufahrt mitarbeiten. Die waren am Flussufer. Das versprach er. Weil er aber beim Montieren abgegangen ist – er war dabei besonders geschickt – wurde bei der Zufahrt von meinem Vertreter (das war der Bunemann Fritz) ein anderer eingeteilt, und der Kammandl ist zum Montieren gekommen.

Die unteren Hauptträger in der Seite nennt man Lamellen. Davon hat eine circa fünfhundert Kilogramm und ist circa fünf Meter lang. Da gibt es einen langen eisernen Stahldorn. Wenn der Kran die Lamellen herunterhebt, wird jedes Ende von zwei Mann genommen und mit dem Dorn durchgesteckt zum anderen, der schon fix ist, damit das nicht mehr verrückt. Dann wurde das Ganze mit Schrauben fixiert. Bei den Lamellen hat dann der Kammandl gearbeitet. Der gegenüber von ihm hat den Dorn hinein gegeben. Der Kammandl noch nicht. Die Lamelle ist ausgeschnalzt und der Kammandl wurde von ihr erschlagen und in die Schlucht geworfen.

Ich wurde geweckt. Schnell, ein Unfall! – Im Krieg war mehr als ein Unfall und das ist immer wieder passiert. »Wer ist den hinuntergestürzt?«, erkundigte ich mich. –