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Kurzbeschreibung

Poesie als Utopie, als Verrat am Selbstverrat, eine andere hellsichtige Art von Vergessen

Was man hier verloren hätte ist ein ungemütliches und zugleich sehr österreichisches Buch, schreibt der kürzlich verstorbene Schriftsteller Christian Loidl über den ersten Prosaband der österreichischen Autorin Claudia Bitter.

Die Figuren in diesen Texten sind Opfer. Opfer des Arbeits- und Beziehungsmarktes, Opfer ihrer eigenen Süchte und Lebenslügen. Menschen, die sich angesichts ihrer gesellschaftlichen Ausgesetztheit ständig die Frage stellen, was sie hier eigentlich verloren haben. Und die dann den Ausbruch versuchen, der sie aber nicht aus ihrer Situation entlässt. Im Gegenteil, sie verfangen sich nur noch mehr im eigenen Unglück.

Claudia Bitters Sprache hat etwas vom Film und vom Skalpell, schreibt Christian Loidl: sie bricht den Tunnel der Wiederholungen in ein Stakkato aus Augenblicken. Beleuchtung und Schnitt sind gnadenlos.

Bei Claudia Bitter hat der Spaß am Dasein keine Berechtigung. Die Flucht aus der Tristesse der Existenz endet in ihren Texten in der Regel am Ausgangspunkt. Jetzt kann man wieder von vorne anfangen, heißt es an einer Stelle, ich bleibe im Unrecht, ich bleibe euch treu, was immer ihr auch tut, ich bleibe.



weintrinken

in den keller gehen, die steile treppe hinab, im letzten eck, von dort eine flasche wein holen, noch lange nicht die letzte, vorsichtig die flasche haltend die steile treppe hinaufsteigen, lange noch nicht die letzte flasche, heute die erste, die kellertüre nur anlehnen, die flasche auf den tisch stellen, nicht weit von der kellertür, auf den morschen gartentisch stellen, sich auf den stuhl beim tisch setzen, sich richtig hinsetzen, nichts denken, der korkenzieher liegt bereit, bereit an seiner stelle auf dem tisch liegt er, wartet auf das öffnen, den korkenzieher ergreifen, ihn fest in den korken drehen, ein ganz normaler gerader korken, kurz an einen sektkorken und seine form denken, dann wieder nichts denken, die Weinflasche zwischen die knie klemmen und mit einem schwung den korken herausziehen, dieses geliebte geräusch des korkenherausziehens, die offene flasche auf den tisch stellen, wie sie da steht, klar, grün, edel, voll, das etikett nicht lesen, sich nicht dafür interessieren, lieber die flasche berühren, ihre kühlheit spüren, sie vielleicht kurz an die wange halten, dann aber schnell in die küche gehen, ein weinglas aus der kredenz nehmen, das gewöhnliche achterlglas, das auf grünen wulstigen ringen steht, sehr gut in der hand zu halten, dieses gewöhnliche weinglas, es nicht gegen die sonne halten und auf Sauberkeit prüfen, nur zum tisch zurückkehren und es behutsam daraufstellen, sich hinsetzen auf den hölzernen stuhl beim tisch und endlich die flasche heben, wie schwer sie noch ist, trotzdem mit einer hand heben und einschenken, endlich einschenken, nichts denken, wie es gluckst, wie gelblich er rinnt dieser weißwein, wie kühl er schmecken wird, schon den geschmack auf der zunge spüren, wie gut kühl an so einem sommertag, nicht ganz vollschütten das glas, lieber öfter nachschenken, nicht an soda zum aufspritzen denken, nur pur, jetzt aber trinken, gezielt, etwas aufgeregt, nach dem glas greifen, heute zum ersten mal nach dem vollen weinglas greifen, es an den mund führen, zu den ausgetrockneten lippen hinführen, ein schlürfender erster schluck, der erste schluck wein heute, kurz im mund behalten, nicht lautlos schlucken, den zweiten schluck schneller und sicherer nehmen, noch ein paar schlucke, das kühle spüren, wie es hinunterrinnt, nicht daran denken, wo es genau hinrinnt, das glas wieder genauso behutsam hinstellen, woran jetzt denken, ans weintrinken, nur ans weintrinken denken, glas zum mund führen, trinken, glas hinstellen, nachfüllen, an nichts anderes denken …