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Kurzbeschreibung

Auch und gerade für Weihnachten gilt: nur was sich wandelt, besteht! Die Texte dieses Buches greifen einerseits die Tradition des Weihnachtsgedichts und der Weihnachtserzählung auf und wollen damit einen Beitrag zur einfachen Poesie des häuslichen Festes sein. Andererseits lockern sie fragend und kritisch das Gefüge der Feierlichkeit und weisen auf das Andere und Offene des Anlasses hin.


Adventbericht

Die Verwandlung der Dornenkrone
des geschundenen Nazareners
in einen leuchtenden Reisigkranz
ist eine erstaunliche Leistung
der christlichen Zivilisation

So erst wird Hoffnung erträglich
tröstlich für Kindergärten
Handel am bunten Blumenmarkt
mit köstlichem Lebkuchenduft
und heimeligem Kerzenlicht

Den Schatten habe ich gesehen
als ein Kind an einer kalten Mauer
den Kranz zaghaft ins Licht hob
Und es war dem erschrockenen Blick
wieder die Dornenkrone


Landauf, landab, Adventgesang

In der alttestamentarischen Heilserwartung findet das Adventsingen keine Entsprechung. Die Propheten waren sprachmächtige Volksredner oder einsame Dialogpartner Jahwes – aber keine Sänger oder Musiker. Ihr Erbe steht den Dichtern zu.

Musik setzt erst am Ende des Weltadvents ein. Das als »Magnificat« in die Schrift eingegangene Lied der schwangeren Mirjam war eine Art Rezitativ, wie es in den hebräischen Tempelschulen gelehrt wurde. Der auf die Gegenwart gekommene Übersetzungstext läßt einiges an sozialer Spannung ahnen: Sturz der Mächtigen, Erhöhung der Armen. Ursprünglich muß das ziemlich aufsässig geklungen haben.

Dann der himmlische Chor, der den Hirten in Bethlehem die Geburt des Heilands bestätigte. Gesang? Mit oder ohne Begleitung? Wie klang das? Mit psychodelischem Echoeffekt wie in amerikanischen Filmen? Oder der österreichischen Redensart gemäß, die bei plötzlichem Schmerz behauptet, man höre alle Engel singen?
Wir wissen es nicht. Ob in Wirklichkeit oder in der Vorstellung der Tradition, Tatsache ist, daß mit dem Weihnachtsereignis im christlichen Kulturkreis die Musik die Sprache begleitet, illustriert und überhöht. Das gesamte Advent- und Weihnachtssingen hat darin seine historische Wurzel und Rechtfertigung.

Rauhe Männerkehlen, die um eine Funzel im Bunker oder im Konzentrationslager heimwehkrank Weihnachtslieder sangen, das »Tauet Himmel den Gerechten« kriegsdienstverpflichteter Frauen, die frierend zur Morgen-Rorate um Heimkehr ihrer Männer beteten: dies war das intensivste österreichische Adventsingen zwei Jahrtausende später. Keine noch so aufwendige Kulturveranstaltung, keine noch so anständige Weihestunde kommt an diesen Advent heran. Sehnsucht ist immer konkret. Wenig von diesen Nächten ist in das große Verdrängen der Nachkriegsjahre eingegangen.

Der aus Mutterboden und Erdgeist raunende Kripperl-Ton festspielhäuslicher Alpinität füllte die Marktlücke, die die neue Bedarfsindustrie des wachsenden Wohlstands im Vorweihnachtsrummel nicht zu füllen vermochte.

Wertvolles Volksgut, vermischt mit kalkulierter Show, bot der an Gefühlswerten verarmten Seele wohlschmeckende Nahrung. Ein Dichter züchtete landweit Epigonen der religiösen Idylle und verriet damit das Erbe der Propheten. Und die Kirche amalgamierte ihre ernste Liturgie mit dem Tannennadel-Extrakt der pseudopauperistischen Zufriedenheit. Der Advent war nicht mehr weit, sondern engherzig, aber dafür kulturpolitisch überaus erfolgreich und fruchtbar.

Sancta Cäcilia, Sancta Lucia, bittet für uns! Wen kümmert noch Euer blutiges Glaubenszeugnis! Kunstfiguren seid Ihr geworden, Brauchtumsfetische, landauf, landab. Kehlen und Kerzen habt Ihr entzündet, aber kein Feuer habt Ihr entfacht.

Immerhin, Kultur, dezentralisierte, aufs Selbermachen und Selbermusizieren ausgerichtete, daher wertvolle Kultur habt ihr inspiriert. Die Schuldirektoren, Chorleiter und Kulturreferenten freuen sich und schwitzen vor Lampenfieber.

Das Neue an diesem Advent ist, daß er zum Medienereignis geworden ist. Noch nie in der Geschichte wurde Gott so vervielfältigt. Die Frohbotschaft hat Bestsellerqualität. Christ, was begehrst du mehr!

Während jedoch sonst die Medienvermarktung zur Passivität erzieht und den Walkman zum meistgespielten Musikinstrument macht, ist im Adventsingen eine mächtige Gegenbewegung entstanden. Die Heimwerker siegen gegen die Profis. Das Festspielhaus gehört längst den Fremden, das Adventsingen im eigenen Dorf hat Vorrang.

Dafür sei allen guten Geistern des Advents gedankt! Zwei neue Richtungen zeichnen sich ab. Die Medien entdecken die Massenkommunikation als Brauchtums-Innovation. Der Äther überwindet die Einsamkeit nicht. Und die Armut wird durch die mediale Symptomkur keineswegs beseitigt. Aber es entsteht zumindest ein neues Bewußtsein dafür, worauf es ankäme. Auch die Liebe, die durch den Kitsch geht, bleibt Liebe, weil die Liebe ein Wunder ist, welches nicht nach der Qualität des Anrufs fragt.

Die zweite Richtung kommt aus dem Urgrund der Jugend. Sie setzt die Nachkriegstradition des Adventsingens fort, gibt ihr aber einen neuen, wesentlicheren Sinn. Klage und messianische Erwartung treten an die Stelle blasser Legenden. Das Prophetische der Schrift und der Literatur drängt empor. Sorge um Um- und Mitwelt akzentuiert die Sehnsucht. Advent wird zur offenen Frage.

Wozu Adventsingen? Meinungsumfragen könnten Antworten ergeben, die mehrheitlich auf Deckung des Emotions-Defizits hinauslaufen. Eine qualifizierte Minderheit fordert jedoch Antworten auf das Sinn-Defizit. Diese Minderheit wächst derzeit. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden, nach einer weltweiten Solidarität wird stärker.

Tauet Himmel den Gerechten!