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Kurzbeschreibung

1. Ochs am Berg, das Schaukelpferd und das Pfeifen in meines Bruders Hals, große und kleine Erdbeeren.

Es gab alles im Überfluss, wie im Schlaraffenland: Milch, Butter, Eier und Topfen verkauften die Bäuerinnen, Erdäpfel lagen im Keller, Gemüse und Salat wuchsen im Garten. Der Großvater brachte Äpfel und Birnen mit, wenn er seine Spaziergänge mit dem Hund rund um das Dorf machte. Ein Marillenbaum an der Südwand unseres Hauses trug im Frühsommer dicke, gelbe Früchte. Zum Metzger und zum Bäcker ging die Mutter zweimal in der Woche, die Mehl- und Zuckersäcke standen in einer Truhe, sie war nie leer.

Ich ging nicht mit zum Einkaufen. Es interessierte mich nicht. Das Essen war etwas ganz Normales. Und Spielen war viel wichtiger. In unserer Gasse gab es sieben Kinder, dazu meinen Bruder und mich. Die älteren unter uns waren noch Kriegskinder, die schafften an, was gespielt wurde:

An der Bretterwand der Spenglerwerkstatt stand der »Ochs«. Er drückte die Stirn an seinen Unterarm, und wir rückten leise in einer Reihe zu ihm vor. Wenn er sich plötzlich umdrehte und sein »Ochs am Berg« rief, standen wir still, wie versteinert. Wackelte einer, so musste er zurück. Wer als Erster den Ochsen erreichte und ihn antippte, war der Sieger und stellte sich als Nächster an die Bretterwand.

Ich gehörte zu den mittleren Kindern, weil ich im ersten Jahr nach Kriegsende geboren worden war. Zwei Jahre nach mir kam mein Bruder zur Welt, und sobald er laufen konnte, lief er mir überallhin nach. Ich brauchte mich gar nicht umzuschauen, ich wusste, er war hinter mir. Das war unpraktisch.

Wenn ich hinfiel und mir die Knie blutig schlug, fiel Hansi auch hin. Ich schrie nicht, er aber heulte so laut wie die Sirene am Samstag zu Mittag. Er bekam ein hölzernes Schaukelpferd. Ich setzte ihn darauf und trat hinten auf das Ende der gebogenen Kufen. Mein Bruder begann zu schaukeln. Das gefiel ihm. Aber wenn er sah, wie ich davonlief, gefiel es ihm nicht mehr. Er kletterte vom Pferd und beeilte sich, seine Schwester einzuholen.

Da kehrte ich um, setzte mich aufs Schaukelpferd und schaukelte so wild, dass es mich überdrehte. Plumps, landete ich auf dem Steinboden vor der Werkstatt. Stumm schaute Hansi auf mein verkniffenes Gesicht. Er wartete. Heult sie? Ich durfte nicht heulen, ich war ja die Große.

[…]

2. Sonntagsglocken, ein Mann in der Luft, vom Kochen und Essen, Mutters Stimme ist unsichtbar

3. Eine Zither ist kein "Lapallomma-Apparat", die roten Feuerwände, kann die Milchhexe zaubern?

4. Süße Amis, ein Schmierfink mit M, bloße Füße und freundliche Fremde

5. Ein Garten nur für Blumen, Hermines Vater und die Gehrung, wie man dem Balkonspucker entkommt, der Kinder-Wachhund

17. Iris auf den Spitzen, kann man Hennen essen?, ein Schlafrock zum Hineinwachsen und eine verschobene Kommunion

28. Der Schah von Persien und ein falscher Jesus, keine Kinoküsse

29. Türkis mit Muster, die Falkenhütte

30. Das Samstagsritual

Meine kleine Schwester brauchte mich nicht mehr. Seit Loni lesen konnte, war sie selbstständig geworden. Sie hatte drei Freundinnen, die mich von der Seite ansahen. "Das ist bloß meine große Schwester", sagte sie. Karli aus der Hubersiedlung durfte ab und zu noch in die Kesselgasse kommen, dann war für immer Schluss mit dem Matadorbaukasten. Der verstoßene Freund stand am Gartenzaun und schaute den Mädchen beim Spielen zu.

[…]

Ich kannte Mutters Vater als gleichmütigen Mann, der nie seine Fassung verlor. Jetzt musste ich mich fragen: Kenne ich ihn wirklich? Er hatte seine Tochter unterdrückt und behandelte den Schwiegersohn, als wäre er nichts wert. Meines Vaters Schuld: Er hatte Krieg und Gefangenschaft überlebt, er war zurückgekehrt, er war zurückgekommen, der einzige Sohn und Erbe aber nicht. Ich merkte, dass manche Menschen zwei Gesichter hatten. Und dass man nie sicher war, ob man jemandem vertrauen konnte. Was vorher einfach gewesen war, schien jetzt kompliziert. Vielleicht sollte ich besser nicht mehr so viel fragen.

"Erzähl mir mehr, Mama!", drängte ich.

Sie tat es ungern: Als ihr Bruder und der Cousin eingerückt waren, 1939, sei es für sie noch schlimmer geworden. Sie arbeitete in der Werkstatt, die Gesellen waren fort. Man wartete umsonst auf Nachrichten von der Front. Der Sattlermeister hatte nur noch die Tochter, die er auf keinen Fall hergeben wollte.

"Er hat dich aber doch hergeben müssen", sagte ich.

"Ja", sagte sie, "weil ich schwanger war, habe ich heiraten dürfen. Die Schande, dass die einzige Tochter ein lediges Kind bekäme, hätte er nicht ertragen können. Du bist der Grund, warum ich heiraten hab dürfen."

Sie sagte nicht, dass sie froh darüber war.


Rezensionen
Christina Gastager-Repolust: Detailgenaue Kindheitserinnerungen. (DR)

Diese Kindheit kennt satte Bäuche, die Geborgenheit einer Ofenbank und die bevorzugte Behandlung der kleinen Buben im Gegensatz zu ihren Schwestern. So bekam stets der Bruder sein Papperl zuerst, die Mädchen mussten handarbeiten, die Buben haben in dieser Zeit unterrichtsfrei. "Das weiche, süße Mus stillte die Unruhe, machte den Bauch voll und die Lider müde, die Mundhöhle war voller Süße", so beschreibt die 1946 in Tirol geborene Autorin die nährenden Elemente einer Kindheit, die in festen Traditionen verankert war.

Sie macht die Erinnerungen spürbar, verleiht ihnen einen bestimmten Geruch und Geschmack. Die Sinnlichkeit der Schilderungen zieht die LeserInnen aus der Distanz herein in die Stube, nimmt sie mit in das Klassenzimmer, man leckt sich die Lippen, als hätte man selbst das Mus genossen. Die Autorin beschreibt die Brüche in der Beziehung zur Mutter, die Rivalitäten in der Familie und die Rollenfindung der Ich-Erzählerin: Fremd und reizvoll erschienen ihr beispielsweise die Frauen auf den Zeitschriften, die glänzenden Fotos im Schaukasten vor dem Kino.

Ein sehr empfehlenswerter Roman, der den Vergleich mit der eigenen Kindheit anregt und eine gute Basis für Gespräche in Literaturrunden sein könnte.

(Christina Gastager-Repolust, Rezension für: bn.bibliotheksnachrichten, [?])


http://www.biblio.at/rezonline/ajax.php?action=rezension&medid=16397&rezid=19279