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Kurzbeschreibung

Lidio Mosca-Bustamante. Aus d. Span. von Gerhard Giesa

Über den Autor/ das Buch:
Lidio Esteban Mosca-Bustamente wurde 1947 in Santiago del Estero geboren, studierte Medizin in Còrdoba (Argentinien) und lebt seit 1975 in Österreich. Neben seiner Tätigkeit als Arzt ist er Schriftsteller und Maler. … Schon sein erster Roman „Blumen für Agustina“ entführt den Leser in einem Geflecht von expressiven Bildern in eine Fantasiewelt, in der Reales und Irreales zu beeindruckender Ganzheit verschmelzen. In „Zeichen im Sand“ führt er diese Tradition fort und bereichert sie durch philosophische und kulturgeschichtliche Reflexionen. Ein berührendes Bild der südamerikanischen Seele.



Mariano Cruz dachte, daß das Leben aus einem fortwährenden Kampf gegen zum Teil unvorhersehbare Hindernisse besteht. Er hatte gehört, daß der spanische Eroberer Francisco Pizarro, im Zweifel darüber, ob ihm seine Männer nach Peru folgen würden, mit seinem Schwert eine Linie im Sand gezogen und sie dazu aufgefordert hatte, diese zu überschreiten. Seinem Gefühl folgend, hatte er damit eines der größten Zeichen der Weltgeschichte gesetzt: Das Leben aller Menschen auf dieser Welt ist gepflastert mit Hindernissen, Linien und Grenzen, die es zu überwinden gilt, um zu überleben oder der Untätigkeit anheimzufallen, die den Tod bedeutet. »Ich werde mich nicht rasieren, bis dieser Kontinent vollständig frei ist«, sagte er.

Er betrachtete sich im Spiegel. Er runzelte die Stirn, und seine dunklen Augen funkelten wie glühende Kohlen. Sein pechschwarzes Haar fiel ihm in Wellen über die Schultern. Mit aufrechtem Rücken und stolzer Brust ging er durch das Schlafzimmer wie ein gefangener Jaguar. Er war vor kurzem aus Cuzco gekommen, wo er die Waffen erhoben und mit dem Kaziken Pumacahua gemeinsame Sache gemacht hatte. Mit ihm war er in die Stadt La Paz einmarschiert. Das war der zweite und letzte große Indianeraufstand gegen die spanische Vorherrschaft in Peru gewesen.

»Wenn wir uns nicht mit den Indianern verbünden, die uns sehr wohl von den Spaniern unterscheiden können, werden wir niemals frei sein«, murmelte er, indem er mit sich selbst sprach.

Maria Dolores fuhr durch ihre langen, kastanienbraunen Haare, die sie mit einem Steckkamm befestigte, während sie sich auf den Rand des Bettes setzte.

»Ich habe einen Freiheitskämpfer geheiratet. Das ist das Schlimmste, was einer Frau in Kriegszeiten widerfahren kann«, meinte sie resigniert.

Mariano betrachtete sie einen Moment lang aufmerksam. Sie hatte ein scharfes Profil und eine kurze, gerade, an der Spitze leicht erhöhte Nase. Sie senkte den Blick und schaute nach unten, ihre Lider senkten sich wie zwei weiße Flügel. Er sah ihre langen, dunklen Wimpern, welche die Traurigkeit ihrer Worte unterstrichen.

»Du bist lebend zurückgekehrt, du hast großes Glück gehabt. Aber du weißt, daß fast alle umgekommen sind. Dasselbe geschah in Huanuco. Der Vizekönig hat gesagt, daß man sie vernichten wird, er wird nicht einen einzigen weiteren Aufstand dulden. Es sind schon einige Jahre vergangen, und seit damals bist du immer in irgendeiner Schlacht gewesen.«

Maria Dolores bezog sich auf die Schlachten von 1811, die in Huanuco begannen. Die Indianer schafften es, Huayias und Conchucos einzunehmen, wurden aber schließlich besiegt. Ein Jahr später fielen sie bewaffnet in Cuzco ein, unter dem Kommando des Kaziken Pumacahua, indem sie sich in drei Kolonnen teilten: eine zog nach Norden, die zweite nach Süden und die letzte nach Westen. Sie besetzten La Paz, Ayacucho und Andahuayias, aber das Heer der Königstreuen rieb sie schließlich auf. Seit damals hatte ein Gefühl der Ohnmacht jene ergriffen, die von der Freiheit träumten. Trotzdem beteiligte sich Mariano an weiteren Kämpfen.

»Wir müssen sie hier schlagen, im Süden. Es sind fünf Jahre vergangen, und alles hat sich verändert. In Peru sind die Royalisten sehr stark. Man hat mir gesagt, daß der General Jose de San Martin in Mendoza ein Heer ausbildet. Er will die Anden zu Fuß überqueren, mit Pferden, Mauleseln und Kanonen, wie es Hannibal in den Alpen machte.

Wir werden die 5.000 Meter hohen Berge bezwingen, die Kälte, die fürchterlichen Eiswinde und alles, was uns das Schicksal sonst noch auferlegt.«

Maria Dolores wußte, daß Mariano nicht übertrieb. Wenn er von vergangenen oder zukünftigen Feldzügen sprach, glich er mehr einem Vulkan als einem Menschen. Ihr Mann hatte die innere Kraft eines Tieres, eine Kraft, die blind ihr Ziel verfolgt. Er zeigte absolutes Desinteresse an den Folgen, die dieser Kampf nach sich ziehen konnte. Nichts konnte ihn aufhalten …, nicht einmal die Liebe. Oder war es deswegen, weil er nicht in sie verliebt war? Er liebte die Sache. Er konnte nicht einschlafen, weil er ständig daran dachte, wie man am besten die spanische Vorherrschaft beenden könnte. Seine ganze Vorstellungskraft konzentrierte sich darauf. Deshalb hatte er es in der Liebe eilig, ohne die nötige Ruhe dafür aufzubringen. Seine Küsse waren schnell und flüchtig, geschahen wie im Flug. Wenn sie es schaffte, ihn an sich zu drücken, machte er sich schon wieder los, entfernte sich, allein, galoppierte dem Heer der Royalisten mit einem Kriegsschrei entgegen, der solange nicht verstummte, bis sie nicht gegeneinander kämpften, denn ein Jaguar stirbt niemals, so erzählt es jedenfalls die Sage.