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Kurzbeschreibung

Motto: Wir sind der Wind / Volk der Pferde & Räder & Blauer Himmel (James Koller)


Der Wind. Wie konnte ich den Wind nicht wahrnehmen. Jahrelang existierte er für mich nicht, lebte ich mit der Windstille. Ich bemerkte nicht sein eisiges Stechen, sein Bohren, sein Pochen. Die Bewegung der Blätter registrierte ich zwar, dachte, sie tanzen, sie spielen Verstecken, spielen Fangen, regen sich, um nicht zu erstarren. Ich freute mich an ihrem Auf und Ab. Gelegentlich gelang es einem Blatt, das andere zu berühren.

Sie genießen es, dachte ich, einander etwas zuzuflüstern. Sie verständigen sich miteinander, vielleicht spielen sie Stille Post. Liebkosen einander. Wenn die Äste der Bäume schwankten, hielt ich es für ein Recken und Strecken, ein Gähnen; die Bäume spreizen ihre Arme, so überprüfen sie, daß sie noch leben, versichern sich selbst ihrer Existenz. Durch Jahre hindurch begriff ich nichts, bewahrte ich die Windstille in mir. Hielt, wenn nötig, den Atem an, statt mir ein Keuchen zu gestatten. Jedes Schnaufen und Pusten war mir zuwider, dieses zischende Geräusch, nichts als ein Greuel. Ich atmete behutsam ein und behutsam aus. Atmen hat eine Harmonie, eine Melodie, hat einen Rhythmus. Dieses eruptive Luftschnappen konnte ich nicht ertragen. Wie dissonant. Eruptiv Schnappen, das trifft die Sache genau und ohne Einschränkungen.

Ich widerspreche mir nicht, selbst wenn es den Anschein haben sollte. Ich bin klar bei Verstand. Doch es gibt dieses Luftfressen. Bloßes Luftschnappen hingegen ließ mich an Fische denken. Ich stellte mir einen Fisch vor, dem das Wasser abhanden gekommen war, der um sich schlug, zappelte und dabei mehr Sauerstoff verbrauchte, als er jemals bekommen konnte. Selbst wenn er sich seine Reflexe, seine Bewegungen einteilte, rationell und sparsam um sich schlüge, seine Abwehr reduzierte, gingen die Vorräte seiner Lungen rasch zu Ende, stockte ihm bald der Atem. Dagegen hilft kein Luftschlucken. Man kann leicht an der Luft ersticken. Meine Gedanken uferten aus. Ich verglich mich mit jemandem, der, auf dem Meer treibend, verdurstet - um sich nichts als Wasser. Dazwischen den Spielraum eines Schiffsrumpfes.

Einmal beobachtete ich einen Fisch, festgefroren in der Eisdecke eines Sees. Ich betrachtete ihn so lange, bis die Dunkelheit mir seine Anwesenheit abhanden kommen ließ. Am nächsten Tag ging ich wieder hin und am übernächsten neuerlich. Ich hatte Sehnsucht, ein drängendes Verlangen nach diesem Bild: der Fisch, wie er reglos schwamm, unfähig zu einer Bewegung. Indem ich ihn anstarrte, fror ich selbst fest. Nur mühsam konnte ich mich loseisen und heimgehen. Mich schmerzte jeder Schritt. Das Bild des Fisches hatte sich in mir festgefroren. Niemand verfiel auf die Idee, seinetwegen das Eis aufzuhacken. Ich dachte: Ich bin ein luftleerer Ballon, zum Bersten voll.

Mit einem Mal spürte ich den Wind, wie er durch die Ritzen drängte. Einlaß begehrte an meiner Tür, sich bei den Fenstern hereinzwängte, sich breit machte, mein Wohnzimmer erfüllte, sich niederließ. Ich empfand seine Gegenwart, die zur Allgegenwart wuchs, sich auswuchs, ob es draußen blies oder nicht. Er hatte sich bei mir eingenistet.


Rezensionen
Alfred Warnes: Der Wind als Geliebter - Geschichte von Wahn und Wirrnis

Bei "Ziegelschupfen oder Die genüssliche Mühe der Bewegung" von Manfred Chobot wird in der Ichform die Vita einer Frau aufgerollt, die an ein Gefangensein innerhalb von Mauern, innerhalb eines Netzes aus Verboten und Geboten, innerhalb eines Systems aus Buße und Vergeltung gewöhnt ist.

Das Zuschlagen von Türen und das Sperren von Schlössern sind zentrale Geräusche, welche die frühe Erinnerung an aufgezwungene Isolation prägen. Da finden sich nur selten lebenswarme Lichtblicke, Möglichkeiten, die sich so ausnehmen wie das Zulaufen eines Hundes oder die bewegliche Zutraulichkeit eines Singvogels.

Der Vergleich der Entwicklungsgeschichte der Erzählerin mit der ihrer Mutter führt zu Parallelläufen, zu Überschneidungen, zu Gegenüberstellungen. Der Fantasie des Lesers wird ein großer Freiraum belassen.

In einigen überscharfen Details allerdings reflektiert die Hauptfigur präzise; über lange Strecken des Erzählstromes hinweg ist es aber nicht leicht, die Gedankenflut einer von Wirrnis und Wahn Gezeichneten zu ordnen. Die Bändigung der Neuigkeiten und des überschnellen Informationswachstums scheint ihr durch den täglichen Erwerb der aktuellen Zeitungen zu gelingen, die sie jedoch ungelesen auf den Stapel räumt, der sich neben ihrem Lager auftürmt. In ihrem Gedankenfluß ist "der Wind der Geliebte": "Konstruierte ein Windrad für ihn, in dem er turnen konnte, sich austoben. Ein Rad mit Flügeln, eine Drehung verriet mir Deine Anwesenheit."

Der letzte Vorgang in diesem weder von Eile noch von Langeweile bestimmten Sich-Zurücknehmen von der Außenwelt, nachdem sie schon 15 Jahre nichts von der Mutter gehört hatte, war das Dichtmachen der Fenster, das Zumauern der Tür, das Entfernen der Fahnen und das Verschließen des gefalteten Tuches im Schrank. "Meine behagliche Klause gedieh: Die Öffnung nach außen wurde kleiner und kleiner. Indes war es allmählich finster geworden, so daß ich gezwungen war, Kerzen aufzustellen. Da weder Zugluft noch Wind ihre Flammen störten, brannten sie ruhig ab. Nach und nach gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit. Bald bediente ich mich einer Leiter, um die letzten Ziegel anzubringen..."

(Alfred Warnes, Rezension in: Wiener Zeitung, [?.] Jänner 1995)


http://www.chobot.at/body_ausgew_kritiken_30.htm