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Kurzbeschreibung



Zita Eder. Mit Fotogr. von Franz Oppenauer


Immer

Immer gebeugt
Auch im Wachsen
Immer ausgewichen
Auch im Gehen

Immer gelächelt
Auch im Weinen
Immer geflüstert
Auch im Schreien

Immer schutzlos
Auch im Kämpfen
Immer mutig
Auch im Leiden

Immer gewartet
Auch im Verzweifeln
Immer verwundet
Auch im Umarmen

Immer aufgerichtet
Auch im Fallen
Immer gehoffte
Auch im Untergehen


Rezensionen
Kurt F. Svatek:

Die Autorin regt gleich zu Beginn an, darüber nachzudenken, was denn Lyrik eigentlich ausmacht oder enthalten soll: „Erdenkliches und Bedenkliches, Erdachtes und Bedachtes, Gedichtetes und Verdichtetes, sowie Undenkbares und Unfassbares.“ So gesehen sind wohl alle guten Gedichte verdichtetes Leben. Das gilt nicht nur für die Texte von Zita Eder. Und wenn der Schöpfer der Fotografien, Franz Oppenauer, meint: „Die Fotografie lehrt mich auch, das kleine und Unscheinbare zu sehen“, so gilt das nicht nur für seine, die Stimmung der Gedichte aufnehmenden Bilder zu Beginn jedes Abschnittes, sondern auch für die Texte selbst, ohne deshalb die großen Fragen des Lebens auszusparen. Aber spiegelt sich nicht oft das Große im Kleinen? Ist das Vogeljunge aus dem Gedicht „Vielstimmig“, das in der Mainacht erfriert, nicht nur ein kleines Beispiel für unser Versagen und Vergessen und für unsere Ohnmacht, denen eine Stimme zu geben, die sie bräuchten? Das Kapitel „Erahnen“ ist etwa den Ermordeten aber auch den Überlebenden der verschiedensten Konzentrationslager und Vernichtungslager der NS-Zeit gewidmet, von Dachau bis Mauthausen und von Ravensbrück und Theresenstadt bis Sachsenhausen. In einem Gedicht über Auschwitz (Für Dagmar und die Namenlosen von Auschwitz) heißt es: Endlösung / Endstation / Durch das Tor / Auf die Rampe / Zur Selektion. Und weiter: Entblößt / Entehrt / Entmenschlicht / Vergast / Verbrannt / Verscharrt ...

Die letzten Zeilen zeigen auch den Stil einiger der Texte in diesem Buch. Da gibt es keine Silbe oder kein Füllwort zu viel, da gilt nicht der Satz, sondern das einzelne Wort. Der polnischen Satiriker Stanislaw Jerzy Lec hat behauptet: Am Anfang war das Wort – am Ende die Phrase. Zita Eder führt uns aus einer Welt voller hohler Phrasen wieder zum Wort zurück. Aus der Skepsis zur Alltagssprache und der Erkenntnis, dass Wörter und Wirklichkeit einander meist nicht mehr decken, wird der Wortschatz reduziert und somit das einzelne Wort aufgewertet, ja manchmal geradezu geoffenbart. Trotzdem ist es keine von nüchternem Intellekt bestimmte Aussageform, sondern hebt sich oft mit viel Wortwitz von einer punktuellen Informationssprache ab und zielt direkt auf das Gemüt.

Manche Textpassagen mögen auch an die im vorigen Jahrhundert in Lateinamerika entstandenen „Microcontos“, also Minigeschichten, erinnern. Wesentliche Situationen des Lebens werden da oft nur mit wenigen Wörtern abgehandelt. Es sind bewegte, nachhaltige Schnappschüsse, die anders als normale Kurzgeschichten, vieles Ausschmückende, rein Atmosphärische aussparen müssen und oft nicht mehr als eine in sachlicher Sprache verfasste Skizze, ein Fragment oder sogar nur ein Aperçu sind. Die zwangsweise entstehenden Lücken muss der Leser mit Hilfe seiner Fantasie selbst füllen. Einer der ersten Meister dieser Gattung war übrigens Ernest Hemingway. Verbirgt sich hinter dem Gedicht „Besuchstag“ nicht auch so eine Geschichte? Da wartet ein kleiner Junge hinter dem Fenster mit großen hoffnungsvollen Augen auf Besuch. Wir können annahmen, dass er vielleicht auf seinen Vater wartet. Und wie geht die Geschichte aus? ... Er kommt nicht / Er kommt wieder nicht / Mit roten Wangen / und roten Augen / Der Kleine / Hinter dem Fenster.

Trotzdem mahnt uns die Dichterin, das Leben zu lieben, etwa im Gedicht „Leben“: Lebe / Liebe / Das Leben / Dein Leben / Ein Leben / Lang. Aber sie mahnt uns auch unter dem Titel „Nicht“: Geben / Nicht aufgeben / Nehmen / Nicht wegnehmen / Halten / Nicht aufhalten / Lassen / Nicht verlassen / Lösen / Nicht auflösen / Gehen / Nicht untergehen.

Wie berührend auch: „Lenas Hände“. Da malt ein kleines Mädchen, Lena, voll kindlicher Begeisterung fünf Strophen lang ein Bild. Es handelt sich um einen bunten Ball, nachdem sich die Hände recken. Die sechste und letzte Strophe lautet: Lena hat keine Hände / Sie malt mit ihrem Mund / und ihren Füßen.

Treffen nicht selbst auf Lena die letzten beiden Zeilen des Gedichtes „And the winner is“ zu, die sich auch als letzte Eintragung auf der Rückseite des Covers finden: Und doch wird es einen Sieger geben / Das Leben.

(Kurt F. Svatek, Rezension in: in: Literarisches Österreich 2016/1)