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Kurzbeschreibung

Johannes Rauchenberger (Hrsg.). Mit Textbeitr. von Rainald Franz, Johannes Rauchenberger und Peter Waterhouse


Johanes Zechners künstlerisches Œuvre ist nicht nur in seinen Flächenstrukturierungen charakteristisch, sondern es ist auch durchzogen von seinen ebenso charakteristischen Lettern. Eine Wiedererkennbarkeit ist schnell gegeben. Was schreibt und schrieb er auf seine Bilder? Im näheren Sinn sind es drei Lyriker(innen), die, nach einer ersten fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller und Übersetzer Peter Waterhouse in den frühen Neunziger Jahren, seine letzten beiden Jahrzehnte in einer unvergleichlichen Weise inspiriert haben: Der österreichische Dichter Reinhard Priessnitz - im Buch „Blaue Lauben“, die dänische Schriftstellerin Inger Christensen - mit Zechners 99-teiligem Zyklus: „Diese weiße Ekstase“ und, nun zum ersten Mal damit an die Öffentlichkeit gehend, Friederike Mayröcker.

(Johannes Rauchenberger)


Rezensionen
Johannes Rauchenberger: SUPPE AN BORD!

Zu Johanes Zechners Mayröcker-Übersetzung

Johanes Zechner (*1953) legt mit seiner Mayröcker-Übersetzung einen Werkzyklus vor, der an der Schnittstelle von Bild und Schrift angelegt ist. In seiner mehrjährigen Auseinandersetzung mit dem Werk der Grande Dame der österreichischen Gegenwartsliteratur, Friederike Mayröcker (*1924), entstand eine „Übersetzung“, die sich in „Abgeschriebenem“ zeigt: Analysierend und sezierend, die lineare Sequenz in Textbausteine zerlegend, die Syntax zerstörend, werden die so gewonnenen Worte auf Leinwand oder Bütten geschrieben. Johanes Zechner bleibt dabei dieser großen Lyrik verpflichtet. Selbst hinter den leichtfüßigen, manchmal ironisch erscheinenden Sentenzen stecken akribische Arbeit und eine intensive Auseinandersetzung mit der literarischen Vorlage. Am Ende entsteht eine Interpretation, die dem Sprachwerk der Dichterin eine behutsame Angemessenheit verschafft und die ganz eigenständig leuchtet.

Der erste Eindruck der großen Leinwände für den des Lesens von Johanes Zechners Kunst Unkundigen: Farbflächen in gelb, orange, braun, rot, violett, blau. Darauf Wörter, als Handschrift gefasst, nicht selten in Sprechblasen, dann wieder geschrieben in schönen Versalien. Eintauchend in eine Atmosphäre der Farbe, nehmen wir ein paar Wortfetzen mit: „Wort und Wange“ beispielsweise oder: „Wie groß ist deine Glut?“ Oder, hungrig werdend: „Suppe an Bord“!

Das sind Worte von Friederike Mayröcker im Wort-Gesicht, dem Feuer und dem Schiff der Poesie. Daraus entstanden Bilder, die Zartheit, Brand, Schiffsdeck sind – für eine Sicht, die uns ans Bild fixiert, aber mit der Poesie der Dichterin uns überschreiten lässt: Ein großes „FM“ fügt sich in ein Fenster ein, das eine Schwelle markiert, und das in Zechners Mayröcker-Übersetzung an den Anfang gestellt werden kann: „Ich überschreite Flüsse und Grenzen.“

Johanes Zechners künstlerisches Œuvre ist mit einer Wiedererkennbarkeit codiert: Nicht nur seine Flächenstrukturierungen sind Teil von ihr, sondern vor allem seine charakteristischen Lettern. Bislang gestaltete Zechner Bildzyklen mit Texten von Peter Waterhouse, Reinhard Priessnitz und Inger Christensen. Und nun, in einem Zeitraum von sechs Jahren, ein Zyklus mit Wortfragmenten der mittlerweile 90-jährigen Friederike Mayröcker. Die Gesamtausgabe ihres lyrischen Werks, auf die sich Zechner bezieht, war zu ihrem 80. Geburtstag erschienen und führte eine seit 1939 bestehende, damals fast 65 Jahre währende Gedichtgeschichte vor. Nun sind es bereits 75 Jahre Wortgeschichte! Mayröcker, die ja, wie sie sagte, „eigentlich gegen den Tod ist“, ist auch heute noch in einem unglaublichen Schaffensrausch, jeden Tag am hellen Morgen beginnend, in ihrem Meer aus Zetteln und Notizen.

Somit kommt etwas unsicher Flirrendes hinzu, das sich an diesen Bildern einstellt: Darf man das eigentlich, einfach Sätze abschreiben, die das geistige Eigentum des anderen sind?

Man muss sich Johanes Zechner diesbezüglich fast als Kind vorstellen, das etwas nicht loslassen kann, von dem es sich angezogen fühlt. Besessen von einer Faszination stammelt er sich durch Sätze durch, liest und liest, notiert sich Zeilen, schreibt sie ab, liest sie erneut, liest laut und leise, schreibt sie mit einem Ölstift auf die Leinwand. „Er wird jetzt an Land gespült! er kommt jetzt an!“, „… zwischen Blumen … <<“, „SIRENENBLAU KOMM MIT! WOLKENDUFT“, „FUTTERSACK“ sind Wortfetzen, bei denen noch diese Faszination überspringt.

Man kann an Johanes Zechners eigenem Buch von Mayröckers Gesamtausgabe nachvollziehen, wie sehr sich der Künstler mit den Worten der Dichterin auseinandergesetzt hat. Nummern, Einringelungen, Unterstreichungen haben sich dazugeschrieben. In ihren Texten fand Zechner einen umfangreichen Sprachtank, der ihn zur bildkünstlerischen Bearbeitung drängte. Aus ihm schöpfte er Worte und Sätze heraus und machte daraus eine genuine bildkünstlerische Übersetzung dieser Poesie. Zechner nahm einzelne Worte, Satzfragmente, ganze Sätze oder Textteile aus dem Gedichtwerk Mayröckers heraus, suchte sie bewusst aus, oder sie fielen ihm zu. Er unterstrich sie, hob sie hervor, schrieb sie auf einen Zettel, nummerierte die Buchstaben, teilte die Zeilen ein und schrieb sie erst anschließend auf den vorgefertigten Bildgrund. Selbst da waren noch „Korrekturen“ möglich, in der Doppelung von Konsonanten („ich habe eine Rechtschreibschwäche“), im Nachhall von einzelnen Worten. Manchmal wurden auch Satz- bzw. Gedankenzeichen oder abstrakte Chiffren ohne konkrete Bedeutung und einfache Symbole hinzugefügt. Manchmal ließ er etwas aus. Manchmal schrieb er, als ob es ein Echo des Wortes in den Zeilen gäbe. Niemals aber ist es Beliebigkeit, die ihn leitete. Selbst hinter den leichtfüßigen, manchmal auch ironisch daherkommenden Sentenzen steckte akribische Arbeit und eine intensive Auseinandersetzung mit der literarischen Vorlage.

Es ist ein Sich-Annähern an Worte, die Sprache sind, die als Gedichte abgeschlossen und offen zugleich sind, ein Sich-Unterwerfen unter einem Kosmos, an dem man teilhaben oder dessen man teilhaftig werden möchte, ein Ausborgen von Wortfetzen, Zeilen oder Ausrufungen, die einem nicht gehören, aber die man in eben diesem Prozess hochzuheben sucht, in der Hoffnung, dass mit ihnen durch die ihnen zugeeigneten Bilder neue Fenster und Türen der Teilhabe und der Erkenntnis erschlossen werden. Es ist kein Bemächtigen. Es ist ein Sich-in-den-Schatten-Stellen. (Nur so kann es Kunst sein.)

(Johannes Rauchenberger, Rezension in: Kosmos Österreich. [Österreichisches Kulturforum Berlin], #48)


http://www.kulturforumberlin.at/kosmos-oesterreich/kosmos-48/galaxien-essay/