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Kurzbeschreibung

Wenn harte Arbeit anfängt, romantisiert zu werden, dann ist der Höhepunkt ihrer Bedeutung für die Gesellschaft meist überschritten. Uns beeindruckt heute die formvollendete Funktionalität der Alten Mühlen, die ein besonders schönes und ästhetisch ansprechendes Beispiel landschaftsgebundener und landschaftsgerechter anonymer Architektur bilden, ebenso, wie uns die alten Geräte aus Holz und Stein zum Teil fast schon als Kunstobjekte anmuten können. Viele intakte Mühlen bestehen immer noch in Landschaften, deren Unterentwicklung sie notgedrungen vor der Abreiß- und Modernisierungswut bewahrt hat.

Gerhard Trumler zeigt eine Welt, die unter die Räder gekommen ist. Unter die Räder der Technisierung und Motorisierung. Eine Welt die vielleicht nur mehr einen kurzen Moment, einen stillen Augenblick noch existiert. Trumlers Photographien schildern die Melancholie des Verfalls und der Schönheit solch alten Bauten und Geräte; sie sind aber auch ein Aufruf an uns alle, zu retten, was noch zu retten ist, wiederzubeleben, wo es noch möglich ist.

Diese Buch stellt ein Kompendium dar, worin alle bekannten Alten Mühlen Österreichs dokumentiert sind, welche vom Autor in den Jahren 2012 bis 2014 aufgefunden wurden.

Es ist dies die umfangreichste Zusammenstellung aller Alten Mühlen auf diesem Gebiet.


Rezensionen
Eva Gogala: Am rauschenden Bach

Tausende Mühlen klapperten früher an Österreichs Bächen. Mit der Kraft des Wassers wurde Korn gemahlen, Holz gesägt oder Werkzeug geschmiedet. Heute sind nur mehr wenige übrig. Eine Spurensuche

Er arbeitete bei Tag, er arbeitete bei Nacht und nicht einmal der Sonntag war ihm heilig. Wenn der Müller den wöchentlichen Kirchgang nicht überhaupt schwänzte, so erschien er nicht selten in weiß-staubigem Arbeitsgewand. Ohne den Müller ging in der Dorfgemeinschaft nichts. Trotzdem war sein Ruf nicht immer der beste. Weil er anders war. Den braven Bauern, die im dunklen Sonntagsstaat andächtig der Predigt des Pfarrers lauschten, war er stets ein wenig unheimlich. Sagen von Teufels- oder Hexenmühlen zeugen noch heute davon.

Tausende Mühlen gab es früher in Österreich. Überall dort, wo Wasser floss. An der Thaya, der Zwettl, am Kamp im Waldviertel, an der Rodel im Mühlviertel. In der Ebene und an höher gelegenen Bergbächen genauso. Schon die Römer nutzten die Wasserkraft zum Antreiben von Gesteinsmühlen, etwa auch um Marmor zu schneiden. Eine frühe Art, die Kraft des Wassers für sich zu nutzen. [...]

Die meisten Mühlen, die es einst in Österreich gab, wurden allerdings von Bauern für ihren Eigenbedarf betrieben. Das Mehl wurde zum Brotbacken verwendet, das geschrotete Korn als Viehfutter. Dort wo das Wasser schnell, mit viel Wucht floss, trieb es ein schmaleres, oberschlächtiges Wasserrad an, dort, wo es langsam und behäbiger floss, ein breites unterschlächtiges. Und dann gab es noch die „Flodermühlen“, deren Wasserrad horizontal lag. Vor der Industrialisierung wurden auch Hammerwerke, in denen alle möglichen Gegenstände des täglichen Bedarfs geschmiedet wurden, mit Wasserkraft betrieben. Von den Tausenden Mühlen, die es einst gab, hat nur ein Bruchteil überlebt. Der Fotograf Gerhard Trumler hat sie für sein neues Buch dokumentiert. Jede einzelne. […]

(Eva Gogala, Kurier-Samstagsbeilage "Freizeit", 13.9.2014)


http://freizeit.at/3714/mit-der-energie-des-wassers-auf-der-suche-nach-muehlen-in-oesterreich/84.404.676

Gregor Auenhammer: Wider das Vergessen

Pathos und Patina, Natur und Kultur: Die Wertschätzung, die Maître Trumler demütig vor der Schöpfung Schönheiten empfindet, wird eindrucksvoll spürbar.

Als unermüdlicher Chronist des "Verloren-Gehenden", als Bewahrer des "Ins-Vergessenheit-Geratenden", als Anwalt des Unscheinbaren hat Gerhard Trumler es sich schon lange zur Aufgabe gemacht, Erinnerungsarbeit zu leisten. Als leiser Poet dokumentiert der Fotograf, gemäß seiner Passion mit einer selten gewordenen Selbstverständlichkeit, Dinge, Orte und Menschen, die drohen, in Vergessenheit zu geraten.

Der Schönheit bizarrer Naturformen spürt er ebenfalls nach wie von Menschenhand geformten Kulturgütern und architektonischen Juwelen. Entgegen dem Untergang des scheinbar Nebensächlichen, scheinbar Unnötigen, scheinbar Nutzlosen in einer schnelllebigen, reinem Utilitarismus verschriebenen Zeit. Mit der Sensorik eines rastlos Neugierigen und alles in Beziehung Setzenden reagiert er auf Veränderungen und versucht das Verschwinden mancher Werte, deren Wertschätzung wertlos gilt, aufzuhalten oder zumindest fotografisch für die Nachwelt festzuhalten.

Ein über Jahre ihn beschäftigendes Herzensprojekt fand nun mit dem Buch Alte Mühlen ein Ende. Als melancholischer Bilderpoet setzt Trumler seine Serien über Vergängliches stets in Kontext zur Epoche des Entstehens, zu Literatur - und Musik. Er öffnet Türen, von deren Existenz man nicht einmal wusste. Bizarres, Verborgenes spürt er auf, Vergängliches macht er sichtbar und bewahrt es diskret. Mäandernde Metamorphosen zeigt uns der "Mühlenprofessor honoris causa". Trumler hat sich, fasziniert vom Symbol, das die unermüdlichen Räder darzustellen vermögen, aufgemacht und 500 noch in Betrieb befindliche, verfallende und stillgelegte Mühlen gesucht, besucht, festgehalten. Früher waren sie Symbol des Lebens, der Arbeit, der Versorgung mit "täglich Brot". Lebensnotwendig, geschätzt, geehrt. Heute sind sie hierzulande maximal pittoreskes Beiwerk. Subtil erinnert der Humanist Trumler derart an Entbehrung, Hunger und Ausbeutung.

(Gregor Auenhammer, Der Standard, Album, 20.9.2014)


SH:

Dieses neue Werk stellt ein Kompendium dar, in dem alle dem Autor bekannten alten Mühlen Österreichs dokumentiert sind, die er während seiner Recherchen bis 2014 aufgefunden hat. Trumler zeigt dabei eine Welt, in der die Wasserräder für die Technisierung und Motorisierung standen, die allerdings vielfach vom Verfall bedroht ist. Mühlen in all ihrer Vielfalt von Mahlmühlen über Hammermühlen bis hin zu Kugelmühlen stellen ein besonders schönes und ästhetisch ansprechendes Beispiel landschaftsgebundener und landschaftsgerechter Architektur dar und beeindrucken durch ihre formvollendete Funktionalität. Die zahlreichen großformatigen Photographien bringen die Melancholie des Verfalls und Faszination der Schönheit derartiger Bauten und Geräte zum Ausdruck - ein echtes Schmankerl für jeden Mühlenliebhaber oder denjenigen, der sich der Materie nähern möchte.

(SH, Rezension in: WasserWirtschaft. Hydrologie – Wasserbau – Hydromechanik – Gewässer – Ökologie – Boden, 105. Jahrgang, Heft 6, 2015, S. 49)


aber: Es klappert keine Mühle mehr

Jeder wusste, dass man sie brauchte. Ohne Müller keine Mühle, ohne Mehl kein Brot. Und doch: Man fürchtete sich ein wenig vor diesen Männern, sie waren häufig Außenseiter der dörflichen Gemeinschaft. Steckten mit dem Teufel oder den Hexen unter einer Decke, so hieß es, allemal waren sie schwer zu durchschauen, vielleicht sogar verschlagen. Bis in die Neuzeit hinein galt das Gewerbe des Müllers als anrüchig und unehrlich. Und das nur, weil die Mühlen oft an Bächen und Flüssen außerhalb der Siedlungen standen - und damit weit weg von den Blicken der Kirche und Obrigkeit.

Gerhard Trumler, Doyen der österreichischen Fotografie, kann über derlei Klischees nur lächeln. Über etliche Jahre hinweg war er alten Mühlen auf der Spur und hat dabei erfahren, was Müller wirklich zu leisten hatten. In der Abgeschiedenheit ihres Arbeitsplatzes waren sie über ihr eigenes Handwerk hinaus zugleich Baumeister, Tischler, Schmiede und Zimmerleute.

"Alte Mühlen in Österreich" nennt Gerhard Trumler seinen jüngsten Bildband. Darin dokumentiert er ein Stück Kulturgeschichte, das allmählich in Vergessenheit gerät. "Alles verschwindet. Wir müssen uns beeilen, wenn wir noch etwas sehen wollen!" Paul Cézannes Credo wurde zum Motto von Trumlers Recherchen, die er zudem auf Sägen, Schmieden und Stampfen ausgedehnt hat.

Er habe lange und beharrlich suchen müssen, um in Österreich Reste der einstigen Müllerherrlichkeit aufzuspüren, erklärt der achtundsiebzig Jahre alte Fotograf in seinem Vorwort. Viele der früheren Produktionsstätten sind heute stillgelegt und dem Verfall preisgegeben. Flechten kriechen über die Mühlräder, in den Mahlstuben hausen Ratten und Mäuse, Rost nistet in den Dieselmotoren und überzieht die Sägeblätter.

Die Fotos sind eine melancholische Hommage auf ein fast ausgestorbenes Handwerk. Wer sich auf die subtilen Bilder einlässt, wird allerdings bemerken, dass einige der morschen Gemäuer neu zu leben beginnen. Immer wieder einmal sind Menschen in die Mühlen, Schmieden oder Sägen eingezogen, die dafür sorgen, dass das Erbe ihrer Vorfahren nicht vollends den Bach hinuntergeht. Und so wird Trumlers Band zum vorsichtigen Manifest: Noch ist nicht alles verloren - und vielleicht auch zum Auslöser eines romantischen Plans.

(aber, Rezension in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Reiseblatt, 3.12.2015, S. R4)