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Kurzbeschreibung

Plötzlich stand die Ordinationshilfe im Türrahmen. Ihre Lippen bewegten sich und ihre Zunge zuckte im Rachen wie eine Rotbarbe die an Land gespült wurde.

"Wie bitte?", fragte Alvin und erhob sich augenblicklich, da er den Verdacht hatte, gleich an der Reihe zu sein. "Doktor Heger wäre jetzt bereit für Sie", war die barsche Antwort. "Gehen Sie bitte in den Behandlungsraum 2."
Was Alvin sofort tat, während die Frau, die schon vor ihm im Wartezimmer gesessen hatte, ihm strafend nachsah, als hätte er sich vorgedrängt.


Rezensionen
Helmuth Schönauer:

Der literaturgeschliffene Blick wird hinter der Begriffskette „Ruf-Fall-Ekel“ gleich ein Stück Literaturgeschichte aus den 1940er und 1950er Jahren erkennen. Die kulturpolitische Zeitschrift „Der Ruf“ versammelte rund um Alfred Andersch die verstümmelten Dichter nach dem Zweiten Weltkrieg, „Der Fall“ (1956) von Albert Camus zeigt anhand eines Absturzes des Helden die Zerbrechlichkeit einer Utopie, und Jean-Paul Sartres „Der Ekel“ (1938) gilt überhaupt als das Hauptwerk des Existentialismus.

Martin Kolozs baut in seinen Erzählungen immer darauf, dass der Leser schon einmal längs und quer durch die Literaturgeschichte geritten ist, um die Anspielungen, Verwerfungen und Korrekturen in den Mustern der Helden erschließen zu können. Seine Erzählungen sind oft Folien, die leicht versetzt auf angelesene Vorlagen gesetzt sind, um einen gewissen literarischen 3-D-Effekt zu erreichen.

Als singuläre Erzählungen widmen sich Ruf, Fall und Ekel jenen Wendepunkten von Lebensentwürfen, an denen sich für die Helden Entscheidendes abspielt.

Im Ruf ereilt den Helden ein sogenannter „theologischer Tinnitus“. Während eines Dates mit einer Zugeh-Frau implodiert ihm das Gehör und er lässt sich statt ins Bett in die Klinik bringen. Nach diversen Untersuchungen stellt sich heraus, dass der Klient eine Art Galaxie im Gehör hat und genau genommen die Sterne hört. Dem Helden hilft das nicht viel, er wird vielleicht doch noch wahnsinnig, auch wenn die Stimme etwas Schönes schreit: Ich bin da.

Im Fall schnappt ein Schriftsteller beim Schreiben einer Biographie über. Obwohl er ein gewiefter Biograph ist, kriegt er das Leben des Peter Sellers nicht auf die Reihe und aufs Papier. Dabei hat er kluge Sätze vor sich aufgereiht, die aber weder ihm noch dem Dargestellten helfen. „Seltener, als man sich vorstellt, wer man sein möchte, möchte man sich vorstellen, wer man ist.“ (47)

Der Biograph bildet sich ein, dass er sich die Identität operativ habe entfernen lassen. So gesehen entleert sitzt er immer noch falschen Bildern auf und wird sich aus dem Fenster stürzen, freier Fall ist angesagt.

Im Ekel entgleitet dem Helden die Harmonie der Erotik. Als alter Mann löst er mit seinen Auftritten und Anmachen Ekel aus, während ihm selbst das Sexuelle zuwider wird. Einerseits hängt er seiner verstorbenen Frau nach, andererseits versucht er sie über Arrangements mit Prostituierten neu zu installieren. Vielleicht kann nur ein Pistolenabgang Marke Kleist die Lage retten, indem er seine Kunstgeliebte und sich selbst erschießt. Aber auch das gelingt nicht, vielleicht erschießen ihn die Bullen, wenn er sie bedroht.

Martin Kolozs Helden sind kunstvoll zerrissen aufgebaut. Während sie der Leser vor seinen Augen irgendwie zusammenleimt, gehen sie endgültig in die Brüche. Ein anspruchsvolles Verfahren, durch Dekonstruktion ins Innere der Helden zu gelangen, die an der entscheidenden Stelle meist leer sind.

(Helmuth Schönauer, Gegenwartsliteratur 1695, 3. September 2014)


Florian Braitenthaller:

Von verwirrender Rätselhaftigkeit sind die kurzen Geschichten des Martin Kolozs. Dazu tragen ihr Inhalt und vor allem die Anordnung der Textteile bei. So scheint „Der Ruf“ auf zwei Zeitebenen angesiedelt zu sein, bis sich allmählich herausstellt, dass die Texte so geschickt angeordnet sind, dass die fortlaufende Zeitachse bis zur Hälfte der Erzählung quasi aufgeschnitten und so montiert ist, dass Abschnitte des Geschehens aus der Gegenwart mit solchen aus der Vergangenheit einander abwechseln, bis sie zur Deckung gebracht werden. Dieses Arrangement erlaubt eine Komplexität der Handlungsstränge, die über kontinuierliches Erzählen hinausgehen.

Die „Helden“ in Kolozs’ Erzählungen sind Männer von zweifelhafter seelischer oder physischer Konstitution. In „Der Ruf“ befällt Alvin Resa, einen literarisch gebildeten Mann mit dem Pseudonym „Ishmael“, ein zunächst einfach scheinendes, dann jedoch immer rätselhafteres Leiden. Er trifft „Betsy“, eine Online-Bekanntschaft, zum One-Night-Stand. Plötzlich hört er einen durchdringenden, schmerzhaften Ton, der in der Folge von Dr. Heger als Tinnitus diagnostiziert wird. Der lockere Typ mit wechselnden weiblichen Bekanntschaften erleidet ein Schicksal, das ihn zunehmend gereizt werden lässt. Der HNO-Arzt geht einem Verdacht nach, den er nach Hinzuziehung von Kollegen aus den Fachbereichen Astrophysik und Theologie schließlich bestätigt findet: Anlass für Resas Schmerzen und Störgeräusche im Kopf ist die Entstehung eines Universums im Innenohr, das sich zu Kugelsternhaufen und Galaxien entwickelt. Die Presse wird auf den Fall aufmerksam und Resa unfreiwillig zum Medienstar.

Die Erzählung „Der Fall“ stellt einen Schreibenden und seinen Verleger vor. Der Mann soll eine Biografie über Peter Sellers schreiben, womit er, so scheint es, Probleme hat. Sollte ihm dies nicht gelingen, müsste er den Vorschuss zurückzahlen, also erbittet er sich Zeit. Selbstfindungsprobleme eines Schriftstellers, der, statt am eigenen Werk zu arbeiten, über berühmte Männer schreibt. „Die Größenverhältnisse stimmten nicht mehr: Sein Selbstwert war geschrumpft, sein Charakter verkümmert und seine Bedeutung war längst nicht so groß geworden, wie er es sich vorgestellt hatte.“ Eine Parallelhandlung führt ins Irrenhaus, mit verstörenden Gesprächen: „Die Hölle sind die anderen!“ „Sagt Brecht.“ „Sage ich!“ Eigentlich stammt das Zitat von Sartre, „Geschlossene Gesellschaft“.

Dies ist ein wesentlicher Teil des Kolosz’schen Kosmos, eine ständige Desinformation, die den Leser auf falsche Fährten führt. Ausgestelltes Wissen, das sich bei näherer Betrachtung als gar nicht so gelehrt herausstellt. „Was war es also dann, das ihn seit Wochen in seinem Arbeitszimmer gefangen hielt, wo er sich das Hirn zu Brei zermarterte und dennoch nichts zustande brachte? Letzten Endes würde er nie daraufkommen, weil er am falschen Platz suchte. Es lag nicht an Peter Sellers, es hätte auch jeder andere sein können. Es kam aus dem Nebel, wo es auf ihn gelauert hatte. Und jetzt schlug es zu, weil er unaufmerksam geworden war und die Gefahr nicht erkannte. Er hatte es nicht kommen gesehen.“ Kurz: Der Mann leidet unter einer Schreibblockade.

„Der Ekel“ schließlich stellt einen einsamen, alten Mann namens Max vor, der sich in einem japanischen Restaurant betrinkt, es noch nach Hause schafft und angesudelt erwacht. Ihn quält die Erinnerung an seine verstorbene Frau, mit der er glückliche Zeiten erlebt hat. Kein geringeres Bild als das des platonischen Mythos wendet der Erzähler an, um die Symbiose zwischen den beiden darzustellen: Hier haben sich zwei Halbkugeln gefunden und sind eins geworden. Aber Maria wird todkrank und ein gemeinsamer Doppelselbstmord vereinbart. Max bringt es jedoch nicht über sich, sich selbst zu töten, also geht nur sie, während er weitermacht, voller Ekel. Im Puff lässt er sich von Frauen bedienen, die Maria ähnlich sehen und denen er den Namen seiner ewigen Geliebten gibt. Der Selbstvorwurf, seiner Ehefrau nicht in den Tod gefolgt zu sein, sitzt wie ein Stachel in seinem Kopf. Schließlich bereitet er seinen Selbstmord vor. Dazu lässt er sich von seinem Schwager, dem pensionierten Polizisten, eine Waffe geben und lädt eine Prostituierte zu sich ein, um den Doppelselbstmord nachzuholen. Die Parallele zu Kleist und Henriette Vogel liegt auf der Hand, denn Kleist zählte zu Marias Lieblingslektüre.

Auffallend an diesen Texten ist ein Mangel an emotionaler Wärme. Es sind Experimentieranordnungen, Kalküle, konkrete Beobachtungen, die hier angestellt werden. Die Titel der Erzählungen – Der Ruf, Der Fall, Der Ekel – greifen einen interpretatorischen Aspekt der jeweiligen Geschichte auf, die Zusatzinformationen liefern, welche aus sich selbst nicht zwingend hervorgehen. Definitiv Eingeschlossene sind Kolosz’ Figuren allesamt. In sich, in Gefängnissen, die sie sich selbst gebaut haben, mit dem „Gefühl, in diesem Leben nichts verloren zu haben“.

(Florian Braitenthaller, Rezension in: Literatur im Lichthof. Online-Magazin zur Literatur der Gegenwart in Tirol und Südtirol, 6/2015)


http://www.uibk.ac.at/brenner-archiv/literatur/tirol/lilit_6_2015/zoom.html#Kolosz