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Kurzbeschreibung

[Việt Nam, mon amour | Viet Nam, mon amour | Vietnam, mon amour]


Kurz nach Beendigung des Krieges fuhr Harald Dietl durch das wiedervereinte Việt Nam. Kaum hatte der Autor den siebzehnten Breitengrad (die Grenze zwischen dem ehemaligen Nord-Việt Nam und dem ehemaligen Süd-Việt Nam) überschritten, wurde er in Huế festgenommen. Man hielt ihn für einen aus einem Kriegsgefangenenlager entflohenen US-Bomberpiloten. Er wurde zweieinhalb Stunden verhört, bis er seine Reise fortsetzen durfte. Das war 1977.

Die zweite Rundreise zusammen mit seiner Frau Helga verlief völlig anders. Beide wurden mit einem Blumenstrauß empfangen. Der Dolmetscher, ein gebürtiger Kambodschaner, erwies sich als wahres Juwel: Er sprach nicht nur perfekt Deutsch, er hat die Menschen und Sehenswürdigkeiten Việt Nams so undoktrinär präsentiert, dass es beiden Dietls nach sechs Wochen schwerfiel, irgendwann das Land wieder verlassen zu müssen.

Dies ist sein Bericht zweier Reisen, wie sie gegensätzlicher nicht sein können.


Rezensionen
sg: Zwischen Ritual und Pflichtprogramm

Der Schauspieler und Autor Harald Dietl porträtiert in einem impressionistischen Manifest der Sinne die Erlebnisse zweier Vietnam-Reisen, die er miteinander vergleicht, ineinander verschränkt und zu einer Hommage an das Land der Reisfelder zwischen Armut und Aufbruch bündelt.

Die erste führte ihn 1977, zwei Jahre nach Kriegsende, durch das wiedervereinigte, aber von seelischen und materiellen Narben, Wundmalen und Gräben durchzogene Land, die zweite 2003 mit einem undogmatischen Dolmetscher auf ähnliche Route dies- und jenseits des 17. Breitengrads. Dietl schildert Vietnams ewigen Status als Spielball und Abwehrkämpfer zwischen Interessen und Ideologien: Da wären der französische Kolonialismus, die japanische Besatzung und Ausrufung der Demokratischen Republik Vietnam 1945, der erste Indochina-Krieg und die Teilung des Landes bis zum Vietnam-Krieg.

Als Teilnehmer einer der ersten Touristengruppen nach dem Krieg absolviert Dietl Rituale und Pflichtprogramme wie Besuche von Revolutionsmuseen oder des Mausoleums des Staatsgründers, "Frankreichs Bezwinger und Amerikas Fluch" Ho Tschi Minh, lässt sich aber auch in Gesprächen mit Südvietnamesen von den drakonischen Straf- und Erziehungmaßnahmen des siegreichen Nordens erzählen und Irrwegen der "Boatpeople", die heute als Investoren wieder willkommen sind. Als Archäologe der Erinnerung sucht Dietl nach Relikten und Hinterlassenschaften in Natur und Kultur von Kolonialismus und Krieg: "In manchen Kratern suhlten sich Wasserbüffel, in anderen gedieh Reis, die Höhen bedeckte ein schwacher, nachgewachsener Flaum, den die Einheimischen 'American grass' nannten." Inmitten der modernen Metropolen, "Menschensilos" und Trabantenstädten des potentiellen Tigerstaats konstatiert Dietl in unserer Zeit vor allem Geschichtsvergessenheit. Immer wieder gleicht er deshalb im Wechsel der Erzählebenen das 2003 Erlebte mit Tagebucheinträgen von 1977 ab.

Neben bedrückender Vergangenheit finden sich jedoch auch berückende Exkurse zum "schwerelosen Lebensstil" und Volkscharakter der als Garküchenmeister oder Transportkünstler - auf einer Vespa findet die ganze Familie Platz - bekannten Vietnamesen oder zum Heiratsmarkt in den Hoang-Lien-Bergen. So gibt das Buch fernab der kolonialen Nostalgiefalle oder gar des Kriegstourismus fundierte und komprimierte Einblicke in ein bei aller Zerissenheit zukunftsorientiertes Land.

(sg, Rezension in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 72/15, Reiseblatt S. R6, 26. März 2015)