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Kurzbeschreibung

Mary Shelley. Aus dem Engl. übers. und hrsg. von Alexander Pechmann


Wie verschieden ist unsere Welt von derjenigen unserer Vorfahren! Die vorsintflutliche Erde, über die von Säbelzahntigern gejagte Mammuts zogen und die von den Nachkommen der Gotteskinder bevölkert wurde, ist der Wahrnehmung eines Homer, Herodot oder Platon näher als die von Hecken umzäunten Kornfelder und kartographierten Hügel unserer Tage. Damals schien die bekannte Welt von einer Mauer umgeben zu sein, welche die Menschen körperlich einschränkte, während ihre geflügelten Gedanken über die Grenzen hinaus schwebten; die Erde endete an einem Abgrund, und in der jenseits davon liegenden, unergründlichen Tiefe tauchten und flogen die Vorstellungen der Menschen auf Adlerschwingen hinab, um ihren vertrauensvollen Zuhörern seltsame Geschichten mitzubringen.


Rezensionen
Rolf Löchel: Liebe und Unsterblichkeit

Sechs vergessene Erzählungen Mary Shelleys laden zur Lektüre ein

Schon manche junge Frau wurde mit der Mär vom schönsten Tag ihres Lebens in ein langjähriges Unglück gelockt. Denn dieser Tag, so heißt es, sei der ihrer Hochzeit. Manche von ihnen wird im Laufe der Zeit zu der bitteren Erkenntnis gelangt sein, dass es vielmehr ein „schwarzer Tag“ ist, wie auch Monna Gegia de Becari erfahren muss. Immerhin hat sie das Glück, nur eine literarische Figur zu sein. Mary Shelley hat sie erdacht. Ein schmaler Band lässt sie nach bald zwei Jahrhunderten wieder aufleben und belegt zugleich die Vielfalt der erzählerischen Talente Shelleys, deren Figur des vom mad scientist Frankenstein erschaffenes Monsters spätestens seit den zahlreichen Filmadaptionen zur Ikonografie der westlichen Kulturgeschichte gehört. Doch schon ihr großer Zukunftsroman „The last Man“ wurde dem Vergessen anheimgegeben. Ganz zu schweigen von ihren sonstigen Werken.

Dabei hat sie sich auch in etlichen anderen Genres und Textsorten sicher bewegt, zählen zu ihrem umfangreichen Œuvre doch nicht nur Gesellschafts- und historische Romane, sondern auch Kurzgeschichten und Gedichte ebenso wie Berichte ihrer Reisen, kleine Biografien, Essays und Rezensionen. Dass nun einige weitere ihrer Erzählungen auf Deutsch vorliegen, ist Alexander Pechmann zu verdanken. Bereits vor einigen Jahren hatte er ein Bändchen mit drei Erzählungen Shelleys vereint.

Diesmal sind es sechs, die er zusammengestellt und übersetzt hat. Unter ihnen „Der sterbliche Unsterbliche“, deren Titel zugleich derjenige des gesamten Bandes ist. Eröffnet aber wird das Buch mit einem kleinen Text „Über Geister“, der sich als doch recht konventionelle Gespenstergeschichte entpuppt.

Hingegen handelt es sich bei „Die Braut des Todes“ keineswegs um die Gothic Novel, die der Titel vermuten lassen könnte. Vielmehr ist sie eher dem Genre der Historischen Literatur zuzurechnen. Allerdings lässt sie sich nicht mit weniger Recht als Liebesgeschichte bezeichnen, lautet das Credo der im Neapel des 13. Jahrhunderts lebenden und leidenden Protagonistin doch, die „Liebe wäre wirklich nur ein Possenspiel, wenn der Tod nicht der schamloseste Schwindel wäre“.

Auch die bereits erwähnte Geschichte um den sterblichen Unsterblichen ist nicht den Schauergeschichten zuzuschlagen, obwohl sie durchaus einige einschlägige Elemente aufweist. Zu Beginn stellt sich ihr Ich-Erzähler angesichts seines ersten grauen Haares die Frage, ob er sterblich ist. Davon dürfte man gemeinhin ausgehen. Doch steht er bereits in seinem „dreihundertdreiundzwanzigsten Jahr“, als er es entdeckt. Dieses graue Haar ist ihm Anlass, seine Geschichte zu erzählen. Es waren die „Künste“ Cornelius Agrippas, die ihn „schufen“, so behauptet er. Nun, das ist übertrieben. Aber sein hohes Alter, seine Langlebigkeit und möglicherweise gar die Unsterblichkeit, die hat er nun tatsächlich dem bekanntlich ja durchaus historischen Nettelsheimer Neuplatoniker und Kabbalisten zu verdanken. Das heißt, eigentlich doch eher seinem Ungehorsam ihm gegenüber. Ganz so, wie es sich für einen Zauberlehrling gebührt. Doch halt. Zwar war er Agrippas „Schüler“, doch ein Zauberlehrling war er eben darum gerade nicht. Denn obgleich sein Mentor das Gebräu, von dem zu trinken er ihn warnt, als „Zaubertrank zur Heilung von Liebeskranken“ bezeichnet, betont der Ich-Erzähler, dass das Elixier das Ergebnis „menschlicher Wissenschaft“ ist. Geradeso also wie Frankesteins Geschöpf, dass die vermeintliche Gothic Novel zum frühen Science-Fiction-Roman macht. Zwar leistet der Trank, was Agrippa ankündigt, doch auf ganz andere Weise als es der Erzähler erwartet. Denn er erweist sich als „Heilmittel gegen die Liebe und alles andere“ – kurz: als „Lebenselixier“.

Heute noch am frischesten wirkt eine Kurzgeschichte, in der die Autorin ein unerwartet satirisches Talent beweist. Sie rekurriert auf einen realen Zeitungsartikel aus dem Jahre 1826, in dem von einem Mann aus der Gilde der Antiquitätenhändler namens Dodsworth, berichtet wurde, der – so die Meldung – mehr als anderthalb Jahrhunderten zuvor von einer „Schneelawine“ begraben worden war und nach seiner Entdeckung wiederbelebt werden konnte, was, in der Geschichte zumindest, selbstredend großes Aufsehen erregte und manche Vorhaben auf den Weg brachte, die allerdings nicht immer von langem Bestand waren. Denn „die verschiedenen Pläne zum Wohle der Menschheit“, die von „philanthropischen Geistesgrößen“ nach der Lektüre über das erstaunliche Schicksal „unseres tiefgefrorenen Freundes“ erdacht wurden, sind nach Kurzem „bereits wieder in die Leere entschwunden, der sie entsprungen waren“. So hat etwa der „Verband der Antiquitätenhändler“, der sich zunächst dazu „durchgerungen“ hatte, „für die Verleihung einiger Ehrenabzeichen zu stimmen“, bald „schon begonnen, einmal zu überlegen, welche Preise für Mr. Dodsworth alte Kleidung verlangt werden könnte“. Doch richtet Shelley ihre spitze Feder nicht nur gegen zeitgenössische Zu- und Missstände und diverse Heucheleien bestimmter gesellschaftlicher Kreise, sondern ganz en passant auch einmal gegen ihren Vater, den Anarchisten William Godwin, den sie nur scheinbar ehrt, wenn sie ihn als „eines der hervorragendsten Talente dieses Landes“ apostrophiert.

Das vorliegende Büchlein ist aber durchaus der Ehre wert, gelesen zu werden.

(Rolf Löchel, Rezension für: literaturkritik.de Ausg. 01-2012, 11. Januar 2012)


http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16263