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Kurzbeschreibung

Als wir einander im Herbst 1977 begegnen, spüre ich Dein Anderssein auf beglückend irritierende Weise. Ein junger Mann, der Stofftaschentücher benützt, die simple Erklärung vermittelnd, Papiertaschentücher könne man nicht waschen, und es gebe ohnehin schon genug Müll auf unserem schönen Planeten, - dem die englische Definition für Theater: "Zwei Bretter und eine Leidenschaft" den Weg weist, - für den Stille ein existentielles Bedürfnis ist.

Mehr als dreißig Jahre sind inzwischen vergangen und die traute Zweisamkeit von Überproduktion und Wegwerfgepflogenheit dominiert unser geistig beschränktes Dasein unverändert, wenn nicht noch rücksichtsloser …

Welch Privileg, Verzweiflung eine künstlerische Form geben zu können oder - um es bescheidener auszudrücken - es wenigstens zu versuchen.


Rezensionen
Bert Strebe: Der Spatz und der schwarze Vogel

»Und künde anderen von solchem Glück»: Ein Buch über das Leben von Elfriede Irrall und Olaf Scheuring. Und eines mit Gedichten: »unerhört das leben«. Über den Tod hinaus.

Das Cover zeigt einen jungen Mann, nackter Oberkörper, unrasiert, hochkonzentrierter Blick. Er schaut auf einen Vogel. Der Spatz hockt auf der Hand des Mannes, auf dem Daumen. Es ist keine Außenaufnahme.

Berlin, Anfang der achtziger Jahre. Die Frau kommt nach Hause, entdeckt unter einem Baum einen aus dem Nest gefallenen Jungvogel, erzählt, in der Wohnung angekommen, ihrem Mann davon. Der stürzt die Treppe hinunter, holt das kleine Wesen, füttert es, pflegt es, zieht es von Hand groß. Schließlich läßt er den Spatz fliegen. Der Vogel kommt mehrfach zurück, als wolle er sich bedanken. Sitzt auf dem Fenstersims, schaut, fliegt dann wieder fort.

Das Foto mit dem Spatz ist auf dem Cover des Buches zu sehen, die Geschichte dazu im Inneren zu lesen. Das Buch heißt »Und künde anderen von solchem Glück«.

Es ist ein sehr ungewöhnliches Buch. Nicht nur, weil es das Leben zweier ungewöhnlicher Menschen erzählt. Nicht nur, weil diese Menschen sich einen Alltag am Rande dessen gesucht haben, was die Mehrheit Normalität nennt. Nicht nur, weil in diesem Fall die Frau die Ältere von beiden ist. Sondern auch, weil beide, Frau und Mann, als Autoren firmieren. Der Mann aber ist seit fünf Jahren tot.

Doch es ist alles richtig so. Elfriede Irrall, die Frau, hat das Buch getippt. Geschrieben hat es das Leben, das sie und ihr Mann Olaf Scheuring geführt haben.

1977. Elfriede Irrall, 1938 in Wien geboren, war eine gefragte, eine berühmte Schauspielerin, Theater, Film, Fernsehen. Und sie sollte eine Schauspielklasse in Berlin unterrichten. Lauter Frauen kamen zur ersten Stunde. Und ein Mann. Ein junger, ernsthafter Mensch, 1953 in Kiel geboren. 15 Jahre lagen zwischen den beiden. Aber so, wie sich Arbeit und Liebe zwischen Elfriede Irrall und Olaf Scheuring entwickelten, schien er der Ältere von beiden zu sein. Der Ruhige, der Wissende. Der Fürsorgliche. Derjenige, der Spatzenjunge rettet.

Nach und nach steigt Elfriede Irrall immer mehr aus dem (Unterhaltungs-)System aus, Olaf Scheuring, der ehemalige Schauspielstudent, steigt gar nicht erst ein. 1982 gründen beide das »theaterspielwerk« – eine freie Mini-Bühne mit ihnen als Autoren und Schauspielern und Dramaturgen und Regisseuren und Beleuchtern. Sie kaufen sich einen Transporter als fahrbare Bühne und Schlafstatt und touren durch die alte Bundesrepublik. Es geht um Spaß und Erkenntnis und politisches Bewußtsein und Liebe und Leidenschaft und Lebensmut in ihren Stücken. Wer sie sieht, wird zum Fan, wer näher mit dem Duo Irrall/Scheuring zu tun bekommt, wird zum Freund.

Sie haben 30 Jahre. Im Herbst 2009 verletzt sich Olaf Scheuring bei der Gartenarbeit an der Augenbraue. Niemand ahnt, daß er sich dabei auch eine Pilzsporeninfektion zugezogen hat. Blutvergiftung. Ende Oktober stirbt er in einer Klinik.

Tot? Olaf Scheuring? Nein. Gestorben, ja. Aber nicht tot. Elfriede Irrall sagt, er habe »diese Welt verlassen«. Oder »sein irdisches Dasein beendet«. Aber tot ist er nicht. Und deswegen steht er auch mit als Autor auf dem Buchcover von »Und künde anderen von solchem Glück«. Als Untertitel hat Elfriede Irrall »Vorausschauende Erinnerungen« gewählt. Im Grunde ist das Buch eine Liebeserklärung von ihr an ihn, von ihm an sie. Und ein Beweis dafür, daß tot erst der ist, der vergessen ist.

Wir werden Olaf Scheuring nicht vergessen. Schon deswegen nicht, weil Elfriede Irrall sich nach seinem Tod hingesetzt und die verstreuten Gedichte zusammengetragen hat, die Olaf Scheuring im Lauf seines Lebens geschrieben hatte. Das Buch mit diesen Texten heißt »unerhört das leben« und ist im selben Verlag erschienen wie die vorausschauenden Erinnerungen. Sparsame, klare Verse: »die kirschblüte / strahlt / aber schon / ist sie frucht.« Oder, mit dem Wissen, wie wenig man weiß: »da steht sie nun / gesammelte weisheit / um mich herum / was fange ich an.« Oder, mit nichts als Poesie und Liebe: »lass meine / augen von / deinen blau / gewaschen / werden (…).«

Auch die Titelzeile des Erinnerungsbuchs stammt aus einem Scheuring-Gedicht. Es beginnt mit den Worten: »Du, schwarzer Vogel, der / von Anfang an / auf meiner Schulter sitzt. « Und es endet so: »du, schwarzer Vogel, flieg / und künde / anderen / von solchem Glück.«

(Bert Strebe, Rezension für: Fixpoetry, 23.3.2015)


http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/olaf-scheuring/elfriede-irrall/unerhoert-das-leben