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Kurzbeschreibung




Aufgenommen in die Shortlist für den Rauriser Literaturpreis 2016



Staub geht ununterbrochen auf das wüste, kolonial zerwühlte Land nieder, in das eine Frau und ein Mann nach dem fluchtartigen Verlassen des europäischen Kontinents geraten sind. In der unberechenbaren Natur, in der die Koordinaten von Zeit, Raum und Identität aufgehoben scheinen, wird die Hoffnung der Reisenden fragwürdig, sich hier aus den Zwängen ihrer Herkunft, den Beschränkungen ihrer Kultur zu befreien. Vorfälle in dem einzigen, versandenden Hotel des Ortes bleiben undurchschaubar, alles täuscht vor, etwas anderes zu sein, als es ist. Die Reisenden, die dem trügerischen, unwirtlichen Landstrich immer mehr verfallen, überlassen sich Phantasien, Erinnerungen und eigenwilligen Gewohnheiten. Und doch folgt das Unvorhergesehene und Unzumutbare ihrer Irrfahrt der Spur der Vergangenheit, der sie zu entkommen suchen …


Apatit, von altgriech. apatan, "täuschen, trügen".
Nicht näher bestimmte Mineraliengruppe der Klasse der Phosphate. Ermöglicht dem Organismus Wachstum, bringt jedoch im Übermaß jede Entwicklung zum Stillstand.


Rezensionen
Anke Bennholdt-Thomsen: Dieser Roman ist ein sprachliches Ereignis

[...]

Die Handlungsskizze sollte demonstrieren, daß es sich hier um keinen biographischen oder autobiographischen, keinen historischen oder dokumentarischen Roman handelt, wie sie heute an der Tagesordnung sind. Als literarisches Modell käme die Parabel in Frage, der Roman weist aber, wie bei Kafka und Ransmayr, keine Lehre auf.

Die Bedeutung des Textes besteht denn auch nicht im Epischen, sondern auf der Umsetzung von extremer Erfahrung und Erinnerung in Sprache: Zum Einen im Sezieren der menschlichen Wahrnehmungs- und Resonanzvermögen: Sehen, Hören, Sprechen, Tasten, Schmecken; kunstvoll wird deren Irritation in der Einöde wiedergegeben und geltend gemacht. Zum Anderen liegt der Schwerpunkt der sprachlichen Leistung in den unaufhörlichen Perioden, die strenger Ausdruck auktorialer Perspektive sind – Dialoge gibt es nicht, obwohl das Gespräch die Beziehung des Paares konstituiert –, unterbrochen nur von der indirekten Rede des Apothekers und der Kunden.

Der Text hat gleichwohl den Gestus einer mühsamen Mündlichkeit, die der Darstellung des äußeren und ‚inneren Auslands‘ dienen soll, das mit den langatmigen Sätzen allererst zu erobern ist. Die Leistung wird dadurch erhöht, daß der Autor versucht, Simultanität der drei Zeitebenen einzufangen, was bekanntlich sprachlich nicht möglich ist. Dafür kommt ihm, paradoxer Weise, seine filmische Erfahrung zu Hilfe, wenn eine kaleidoskopartige Wirkung vom Wirklichen abstrahierter Linien und „Arabesken“ die Zeitdifferenz überspielen soll.

Sprache wird auch thematisch, insofern das Paar sich über die unterschiedlichen Verfahrensweisen seiner Herkunftssprachen auseinandersetzt (vgl. das meisterliche Kapitel „Fremdsprache (1)“ über die persönlichen Fürwörter – ein Lehrstück für den interkulturellen Dialog).

Der Wort für Wort durchgefeilte Stil des Romans macht ihn zu einem sprachlichen Ereignis in der aktuellen epischen Literaturszene.

(Anke Bennholdt-Thomsen, Rezension in: Park. Zeitschrift für Neue Literatur, Heft 68, Dezember 2015)


Uwe Schütte: Feinstaub

Axel Ruoffs fesselnder Roman "Apatit"

Ein Mann und eine Frau, in einem unbestimmbaren Wüstenland. Es ist unklar, warum es sie dorthin verschlagen hat. Der gelungene Debütroman von Axel Ruoff lässt den Leser in beständiger Unsicherheit, was in "Apatit" überhaupt passiert. An die Stelle einer Handlung tritt zunehmend das Agieren der lebensfeindlichen Landschaft, die mit den dort lebenden Menschen ihren Prozess macht. Der Ausgang: stets negativ für die Betroffenen. An die Stelle eines konventionell-realistischen Erzählens setzt der 1971 in München geborene Autor eine Öffnung in naturgeschichtliche Dimensionen und ein literarisches Überschreiten der Grenze zwischen Organischem und Anorganischem.

Mit Sprachgewalt und Stilgefühl erforscht sein bemerkenswerter Text etwa ein Thema wie das geheime Leben der Steine und verschränkt dabei politische Gegenwart mit Naturphilosophie, das individuelle Leben seiner Figuren mit dem Schicksal der menschlichen Spezies.

Durchwirkt wird Axel Ruoffs fesselnder Roman vom Staub, der - trotz aller Versuche, ihn fernzuhalten - so unaufhaltsam überall eindringt, wie diese evokative Prosa in das Bewusstsein der Leser.

(Uwe Schütte, Rezension in: Wiener Zeitung, 3.1.2016)


http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/buecher_aktuell/793371_Feinstaub.html