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Kurzbeschreibung


Es gab Zeiten und Orte, da war es gute Sitte, das Gehirn der frisch verstorbenen Verwandten mit etwas Gewürz, soweit vorhanden, im Ganzen oder in Scheiben gebraten den Lebenden als rituelle Festspeise zu servieren. Alles, bis zur letzten Windung, durfte verspeist werden, um sich den guten Geist des Verstorbenen einzuverleiben.

Eine recht fette Sache, aber durchaus schmackhaft, wenn es mit Salz, Knoblauch und Ingwer verrieben und mit einigen Wachteleiern verfeinert wurde. Damals war man froh um abwechslungsreiche, kalorienhaltige Kost. War doch das Sammeln von Früchten und Nüssen und das Jagen und Töten von Feinden eine kräfteraubende Angelegenheit.

Heute haben sich die meisten Menschen kulinarisch weiterentwickelt. Wir, die Leute von heute, lassen uns die Tiere vom Metzger im Fleischwolf zermatschgern, damit man sie in deren eigene Darmhäute schieben kann. Mit ein paar geschmacksverfremdenden Gewürzen geben sie dann leckere bayerische Bratwürste ab, die diesmal dann durch unsere eigenen Därme gepresst werden. Das bewirkt dann das sogenannte urige Bauchgefühl, auf das wir so stolz sind und auf das wir uns verlassen können.

Natürlich muss man nicht immer gleich ans Essen denken, wenn man Gehirn hört. Obwohl das Gehirn ja oft selber so funktioniert. Vielleicht sollte man auch an Intelligenz denken. Nicht an die eigene, nein, die der anderen ist auch interessant. Man hat ja inzwischen herausgefunden, dass Kinder, die in den ersten sechs Lebensjahren, also bis zum Schulalter hin, ungesund, zum beispiel mit gestopften Darmhäuten, ernährt worden sind, in ihrer Gehirnentwicklung um eineinhalb Jahre hinter den gesund ernährten Kindern zurück sind. Das kann dann das beste Schulsystem mit Ganztagsbetreuung nicht wieder gutmachen. Und weil die Eltern, die ihre Kinder schon im Mutterleib ungesund ernährten, auch nicht gerade das Gesündeste gegessen hatten, gibt es halt diese weitverbreitete, wurstige, generationenübergreifende Dummheit. Aber wehe, man sagt das laut und in aller Öffentlichkeit. Es sagt ja auch keine Mutter: Mein Kind ist dumm. Es gibt nur bildungsferne, unmotivierte, nicht unbedingt sehr fleißige Kinder, denen schon irgendwann einmal der Knopf aufgehen wird. Da aber der Gehirnknopf einem Gordischen Knoten gleicht, wäre es nicht ratsam, an ihm herumzuwursteln. Was im realen Leben meist passiert, ist, dass ein Knopf sich lieber selber fester zuziehen will, als dass er lockerer wird und von alleine aufgeht.

[…]


Rezensionen
Helmuth Schönauer:

Immer wieder machen sich in der Malerei Sequenzen selbständig und werden zur Literatur. Aus Bildbeschreibungen, Paint-Journalen oder Katalogvorgaben nehmen zwischendurch Texte Reißaus und flüchten in einen eigenen Erzählband, der dann vielleicht „Bunte Geschichten“ heißt.

Albert Ennemosers knapp dreißig Geschichten spielen sich entlang von Ausstellungen, Installationen, Kunsthandwerken oder Kunstreisen ab. Oft reist das sehende Auge einem Kunstobjekt nach, erörtert eine Theorie, ehe es mit dem Objekt in Kontakt tritt. Und manchmal spricht das Kunstwerk zurück oder sein Schöpfer gibt ein paar Ideen zur Arbeitsweise zum Besten.

Die bunten Geschichten sind nicht nur thematisch lose verbunden, zumal immer wieder Illustrationen aus der Kunstszene den Text bereichern, auch das erzählende Ich zieht sich als ziemlich konzise Erscheinung durch das Buch, ständig auf der Suche, immer wieder am Absprung, oft auch von Unverständnis aufgerieben.

Am aufregendsten sind natürlich die grotesken Begebenheiten, die in Literatur und Malerei gleich wahrscheinlich sind. „Das Gehirn“ ist schon lange nicht mehr so gefeiert worden wie in dieser ersten Geschichte, zumal offensichtlich das alpine Hirn seine höchste Kraft entfaltet, wenn man es isst.

„Es gab Zeiten und Orte, da war es gute Sitte, das Gehirn der frisch verstorbenen Verwandten mit etwas Gewürz, soweit vorhanden, im Ganzen oder in Scheiben gebraten den Lebenden als rituelle Festspeise zu servieren. Alles, bis zur letzten Windung, durfte verspeist werden, um sich den guten Geist des Verstorbenen einzuverleiben.“ (7)

Der sarkastische Kommentator weist darauf hin, dass sich zwar das Essverhalten, nicht aber das Gehirn verändert hat und dass die höchste Leistung des Gehirns darin besteht, ständig ans Essen zu denken.

Dieser Zweifel an den intellektuellen Fähigkeiten von Kunst-Rezipienten zieht sich durch viele Erzählungen. Entweder gibt die Kunst Milch, um dem Publikum zu gefallen, und verliert dabei ihre Konsistenz, oder das Publikum wird angesichts der Kunst renitent und wendet sich ab.

Manchmal muss jemand erst gestorben sein, ehe sich der Kunstzugang enträtseln lässt wie beim Vater des erzählenden Ichs, der einen Stein vermacht und den Sohn zu einer neuen Auseinandersetzung mit ihm als Vater zwingt.

Manchmal geht das Schlitzohrige des Kunstmarkts in pure Banalität über, wenn etwa leere Kisten als Kunstwerk ausgestellt werden, damit sich das Publikum von der Kunst abwendet.

Was haben Gipfelkreuze mit Kultur zu tun, wie kann man auf den Spuren Picassos wandeln, ohne ihn nachzuäffen, kann man den Traum von einem Schäferroman auch außerhalb des Schäferromans überleben?

Grotesk wie „das Gehirn“ zu Beginn der Sammlung fällt auch die Erzählung vom „Furz“ gegen Ende hin aus. Jeder Mensch hat schon einmal diesen berühmten Furz gelassen, der den Kreator aus den eigenen Angeln gehoben hat. In einem Saal, der für Kunst genützt wird, lässt Hochwürden einen berühmten Furz, der der Kunstsituation angemessen ist. Der Bedienerin, die gerade den Kaffee serviert, graut, zumal es sich auch physikalisch gesehen um ein großes Ding handelt. (117)

Albert Ennemoser entwickelt mit seinen bunten Geschichten eine durchaus eigenständige Farbenlehre des Erzählens.

(Helmuth Schönauer, Rezension vom 16.10.2015)