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Kurzbeschreibung


„Es wird dir gefallen, wirst schon sehen“, sprach die Hausmeisterin aufmunternd ihrem jüngsten Sohn Ernst zu, während sie ihm den neugekauften Walkjanker zuknöpfte. Unentwegt redete sie auf ihren Sprössling ein, der nur regungslos vor ihr stand und keinen Mucks von sich gab. Mit trotzig runtergezogenen Mundwinkeln, vorgezogener Unterlippe und einer tropfenden Nase blickte er ihr vorwurfsvoll in die Augen.

„Du wirst dich dort schnell eingewöhnen, wirst sehen“, gab seine Mutter nicht nach. Sie legte ihm die blaue Kindergartentasche wie einem Briefträger um die Schulter und steckte ihm zu seinem Jausenbrot noch eine 1-Schilling-Schokolade als Draufgabe dazu. Doch alle Tröstungen und Ermunterungsversuche seiner Mutter waren vergeblich. Dabei meinten es seine Eltern nur gut mit ihm, das wusste er. Auch mit dem Kindergarten. Sie redeten auch ständig darüber. Dass er sich in der Schule nachher leichter tun würde. Darüber, dass er das jetzt noch nicht verstehe. Aber in ein paar Jahren würde er ihnen dafür dankbar sein. Ihr Sohn aber verzog keine Miene, er stand vor ihr und blieb, so wie sie ihn getauft hatten. Ernst heiß ich, ernst bin ich, ernst muss ich bleiben!

Ein letztes Mal klopfte sie ihrem Sohn mit beiden Händen auf die Schulter, fuhr ihm mit einem Stofftaschentuch noch einmal über die rotzende Nase und richtete ihm die französische Baskenmütze auf seinem Kopf zurecht.

Draußen auf dem Gehsteig der LAWOG lagen die ersten verfärbten Kastanienblätter. Der Wind war in der Nacht ordentlich durch das Bahnhofsviertel gefegt, hatte kräftig an den mächtigen Baumkronen im Gastgarten des Kronlachner-Wirtshauses „Zur Stadt Passau“ gerüttelt, das aufgewirbelte Laub verteilt und weit über die Straße geblasen. „Es herbstelt“, bemerkte die Hausmeisterin dazu, als sie das Trottoir nach beiden Seiten überblickt hatte. Dann nahm sie ihren Sohn bei der Hand, und gemeinsam machten sie sich an diesem Septembermorgen 1957 auf den Weg in die Stadt zum, von Ordensschwestern geführten, katholischen Kindergarten.

Ernst spürte es im Tiefsten seines Herzens und von der ersten Minute seines Aufenthaltes an: Dies war ein Ort, an den er nicht hingehörte. Hier war er fehl am Platz. Der jüngste Sohn des Hausmeisterehepaares Luckenbach aus dem Bahnhofsviertel, auch das Glasscherbenviertel benannt, er hatte hier nichts verloren. Warum denn nicht? Ganz einfach. Er mochte seine neuen Spielgefährten nicht.

[…]


Rezensionen
Michaela Krenn-Aichinger: Geschichten aus dem Glasscherbenviertel

Der Schriftsetzer und Hausmeistersohn Ernst Lugmayr erzählt Episoden aus seiner Jugend in den 60er Jahren.

Das Bahnhofsviertel, in dem der Grieskirchner Hausmeistersohn Ernst Lugmayr aufgewachsen ist, wurde in den sechziger Jahren wenig schmeichelhaft in „Glasscherbenviertel“ umgetauft. Rund um den Grieskirchner Bahnhof türmten sich riesige Schutthalden mit Abbruchmaterial auf. Nach und nach entstanden neben den Fabriken soziale Wohnbauten, in die Arbeiterfamilien einzogen.

Bei manchen Lehrern hatten die Kinder aus einfachen Verhältnissen einen besonders schweren Stand. „Dass wir Kinder vom Bahnhofsviertel anders behandelt wurden, haben wir von manchen Lehrern schon zu spüren bekommen, wir wurden geprügelt, erniedrigt und gedemütigt. Wir haben uns vor den Lehrern gefürchtet“, erzählt Ernst Lugmayr. Der 62-Jährige möchte in seinem ersten Buch „Freiheit, Fortschritt, Marmeladebrot – Geschichten aus dem Glasscherbenviertel“ auch das trügerische Bild ehrbarer Autoritätspersonen ins rechte Licht rücken, die sich an wehrlosen Schülern gewaltsam vergriffen hatten.

Von klein auf bis zum Ende der Hauptschulzeit lebte Lugmayr als „da Hausmastabua“ in einem sozialen Wohnbau und bekam vieles davon mit, was sich im Viertel abspielte. Das hatte auch mit dem Beruf seiner Eltern zu tun. „Sie waren eine Anlaufstelle für alles Mögliche, die Menschen kamen ihren Anliegen und Sorgen zu ihnen.“

Anekdoten aus dem Grätzel
In zehn Kurzgeschichten erzählt er Episoden aus seiner Kindheit in den 60er Jahren. Für den Autor sind es einzigartige Geschichten, aus einem Grätzel, das es fast in jeder Stadt gibt, die nicht in Vergessenheit geraten sollen.

Daraus ein Buch zu machen, das hatte der gelernte Schriftsetzer, der jetzt in Tollet lebt, schon lange im Hinterkopf. Ein Freund hat ihn dann ermuntert, sein Projekt auch umzusetzen und sich seine Kindheits- und Jugenderlebnisse von der Seele zu schreiben. Rund eineinhalb Jahre arbeitete er an dem 188 Seiten starken Buch, bis er den Schritt wagte, es an einen Verlag zu schicken. Und gleich der erste Verlag, der niederösterreichische Verlag Bibliothek der Provinz, hat seinen Erstling veröffentlicht. Vielleicht folgt noch ein Hörbuch mit Musik aus der damaligen Zeit nach, Lugmayr spielt selbst in einer Band, den „Ruby Tubes“.

Am Samstag findet die Premierenlesung statt, der Ort dafür ist unüblich, aber passend: das Bahnhofbuffet in Grieskirchen.

(Michaela Krenn-Aichinger, Rezension in: Oberösterreichische Nachrichten, 30. Juni 2015)


http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/wels/Geschichten-aus-dem-Glasscherbenviertel;art67,1878671

Astrid Windtner: Grätzelgeschichte

Glasscherbenviertel, Grieskirchen in den 1960er Jahren: Hier ist der Autor Ernst Lugmayr aufgewachsen und schildert im Buch „Freiheit, Fortschritt und Marmeladebrot“ seine Kindheits- und Jugenderinnerungen. „Es sind Anekdoten und banale Alltagsgeschichten aus längst vergangener Zeit, Ereignisse, die mit großer Wahrscheinlichkeit niemals in die Geschichte der Menschen eingehen werden. Für den Autor hingegen waren sie allesamt einzigartig und gut genug, um sie niederzuschreiben, auf Papier zu bringen und das Geschehene doch nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.“

In zehn Kurzgeschichten werden Einblicke in das Leben der Nachkriegszeit im Grieskirchner Bahnhofsviertel geboten. Besonders eindringlich beschrieben sind die Episoden aus der Schulzeit, von sadistischen Fachlehrern, bei denen die „Gsunde Watschn ́“ zum Alltag gehörte. Mit großer Genauigkeit und bis ins kleinste Detail sind manche Erinnerungsmomente gezeichnet, etwa die Verwendung des Pelikan-Füllhalters des Fachlehrers für Deutsch, Geschichte und Geografie. Als Gustostück zu empfehlen ist die Geschichte „Schweinerei“ - reine Comedy 1963 in Grieskirchen. Die Leserinnen und Leser können ein Stück weit oberösterreichische „Grätzel“-Geschichte - persönlich und auch humorvoll erzählt - erleben.

(Astrid Windtner, Rezension in: Kulturbericht Oberösterreich. Monatsschrift der OÖ Kultur, 71. Jg., Folge 01, Jänner/Februar 2017, S. 14)


http://www.land-oberoesterreich.gv.at/files/publikationen/K_Kulturbericht.pdf