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Kurzbeschreibung

[Kunsthandel Widder]
Hrsg.: Roland Widder. Text: Karoline Eberhardt


Carry Hauser schreibt und malt 1921 eine assoziative, metaphorische und poetische Abfolge von 27 Szenenbildern zum Thema Stadt. Das „Buch von der Stadt“ zählt zum expressionistischen Frühwerk von Carry Hauser und stellt aufgrund der wenigen erhaltenen Werke aus dieser Zeit eine Besonderheit dar.

Als das „Buch von der Stadt“ entsteht, lebt Hauser in Hals bei Passau, wo er gemeinsam mit Georg Philipp Wörlen und anderen die Künstlergemeinschaft „Der Fels“ gründet. Das Interesse am Thema Großstadt erwächst bei ihm auch aus dem Gegensatz der ländlichen Umgebung von Hals zum großstädtischen Wien, mit dem Hauser in dieser Zeit konfrontiert ist.

Anfang der 1920er Jahre entwirft Hauser insgesamt fünf Bücher, das „Buch von der Stadt“, das „Nächtebuch“, „Die große Nacht des Bruders Dominicus“, das „Träumebuch“ und „Die Geschichte von der Moidl“, wobei zu seinen Lebzeiten nur das „Nächtebuch“ publiziert wird. Das „Buch von der Stadt“ wird 1928 im Hagenbund gezeigt und 1931 im Salon International du Livre d'Art Contemporain in Paris im Petit Palais des Beaux Arts de la Ville de Paris ausgestellt, bleibt aber zu Unrecht fast unbeachtet. 1989 wird es außerdem in der Carry Hauser Ausstellung in Frauenbad bei Baden präsentiert. […]

Nachdem das „Buch von der Stadt“ bis zuletzt im Privatbesitz des Sohnes des Künstlers war und seit mehreren Jahrzehnten nicht öffentlich gezeigt wurde, freuen wir uns sehr, Ihnen dieses Buch in Form einer originalgetreuen Reproduktion vorzulegen. […]

(Karoline Eberhardt)


Rezensionen
Gregor Auenhammer: Schwadroneure des Glücks: "Das Buch von der Stadt"

Dem Moloch der Stadt als Metapher für ein utilitaristisches Leben in Unfreiheit widmete Carry Hauser 1921 ein Porträt. Frappierend ist die Analogie zum Heute

Anno 1921 schuf Carry Hauser (1895 - 1985) eine poetische, assoziative Metapher für das moderne Leben. Das Buch von der Stadt ist eine Abfolge 27 typisierender Szenen. Auf dem Cover die Silhouette einer fiktiven Großstadt, über der sich eines Menschen waches Auge erhebt. Blau als Farbe der Sehnsucht und Melancholie, die die Nacht als Symbol hektischen, stetigen Treibens insinuiert.

Selbst der Mond verblasst gegenüber den grellen Lichtern und dem pulsierenden Leben. Hauser schuf ein Epos, das die Moderne darstellte. Düster, rätselhaft, fasziniert. In kubistisch-expressiven Collagen vermengt er Wort und Bild, klagt an, lobt, ist euphorisch, ist zu Tode betrübt oder apathisch. "Aus Steinegewirr und elektrischer Lampen Geflimmer klingt singender Klage Klang", beginnt sein Hymnus an die Urbanität: "Du, Brudermords Erbe, kubisch gestaltetes Menschenwerk, geliebt und gehasst, mordend und liebend zugleich."

Lyrisch-entrückt entwirft er ein Kaleidoskop an Fratzen, Phrasen, Mythen und Realitäten. Man begegnet Hure und Jungfrau mit "Millionen von Brüsten, Säulen aus Stein und Beton", Wanderern Gottes, Wüstlingen, Genossen, Heiligen, Bordellen und Spitälern, Kokain, Opium, der "Menschheit Flucht in kristallene Träume", wehenden Fahnen und Revolutionen. Nun erschien dieses poetische Skizzenbuch als Faksimile, im Originalformat. "Gleich einer Wunde frisst Du weiter Dich, unersättliche Stadt. Bedeckst den Erdball mit eiternden Schwären." Gültigkeit ist gewahrt.

(Gregor Auenhammer, Rezension in: Der Standard, 23.4.2016)


http://derstandard.at/2000035544276/Schwadroneure-des-Gluecks-Das-Buch-von-der-Stadt