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Kurzbeschreibung


Unter der Woche geht Valerie Kirchheiser. als ob es Pflichten wären, auf die Bank, Post, in die Trafik. alles Tarnung. Sie hat keine Verpflichtung. Am liebsten geht sie Lebensmittel einkaufen. Das hat so etwas Tröstliches.

Heute ist Sonntag, und alle Ablenkungen sind geschlossen. Aber sie muss hinaus, weil das Wetter noch gut ist, wer weiß wie lange noch.

Wer hat sie denn vertrieben, vielleicht der zornige Motorradbesitzer vor ihrem Fenster? „Wo is da Pfuscher, waun der net augenblicklich sein Wogen von der Einfahrt wegfaot, wird der laut Straßenrechtsgesetz am Schrottplotz gfiat und durt verschrottet.“ Der Mann ist wütend, weil er mit seinem heißen Stuhl nicht in den Hof fahren kann. Seine Garage steht auf diesem betonierten Viereck, wohin alles Unbrauchbare und Kaputte entsorgt wird. Und wo zwischen Sondermüll die Türkenkinder spielen.

Für die Kirchheiser wird eine kleine Ausfahrt notwendig, bevor es hier heftig losgeht. Sie ist nämlich ein Typ mit Anpassungsschwierigkeiten an die Außenwelt. Und ihr Nervensystem ist stark entwickelt.

Schuhe mühsam an, bücken tut weh, Sonnenbrille aufgesetzt und so rasch es geht über den großen Platz, wo sich die Massen stauen, sitzen, stehen, spielen, rauchen, trinken, essen und dem täglichen Wahnsinn frönen. Diese Situation erscheint ihr als Bedrohung des Friedens.
Am Straßenrand eine alte Frau, die auch eine Sonnenbrille trägt.

Die Busstation ist auf der anderen Seite des Platzes.
Ein Favoritner Senior ruft einem anderen Mann aus der Ferne etwas zu. „Mit Rhodos wird’s leider nix, kein Rhodos, naa!“ Es klingt enttäuscht.
„Warum?“
„Weu mei Frau vor a poa Tog gstum is!“
Der hat offensichtlich seine Verankerung verloren, ahnt die Kirchheiser.

Grün soll es sein und ruhig. Valerie spürt, dass eine bestimmte Richtung vorgegeben ist. Noch weiß sie nicht, wohin und warum.
Geschafft! Der Bus richtet sich gerade, Türen werden pfauchend geschlossen.
In ihrem Rücken sitzt ein Kleinkind und schreit wie am Spieß. Dann hört es kurzfristig auf und trommelt mit den Fersen gegen den Sitz.
Seine junge Mutter ist entzückt, Valerie weniger.

[…]


Rezensionen
Neil Y. Tresher: Wenn eine Favoritnerin mit Gott spricht

Maria Gornikiewicz stellte mit „Valerie wird fromm“ den dritten Band ihrer „Valerie“-Serie im read!!ing room vor

Vor einem Jahr – just zur Eröffnung des Wiener Hauptbahnhofes – las die Autorin aus ihrem zweiten Band „Mordet Valerie?“. Nur ein Jahr später folgte der dritte Band der „Valerie“-Serie. Maria Gornikiewicz geht in ihrem aktuellen Buch der Frage nach, ob ihr Alter Ego Valerie Kirchheiser aus Wien-Favoriten auf einmal fromm wurde. Doch bevor sie dem Publikum diese Frage beantwortete, startete die Autorin mit kurzen Auszügen aus ihrem ersten und ihrem zweiten Band. „Die fabelhafte Welt der Valerie“ besteht aus einzelnen Kurzbeiträgen, die in den Alltag der resoluten Favoritnerin einführen. Da kommt es schon einmal vor, dass sich die Protagonistin so ihre Gedanken über die Verpackungen der einzelnen Produkte macht und bedauert, dass fast jedes Konsumobjekt erst nach längerem Entpackungskampf benutzt oder konsumiert werden kann. Und auch Themen wie Pincodes und Passwörter, die man dann wieder vergisst, werden abgehandelt. „Die fabelhafte Welt der Valerie“ gehört nach unserer Auffassung in jede Bibliothek, die sich mit dem Thema „Alltag“ beschäftigt. „Mordet Valerie?“ und „Valerie wird fromm“ erschienen nicht nur in einem anderen Verlag (Bibliothek der Provinz), sondern wurden auch anders aufgebaut. Gornikiewicz bleibt ihren Grundthemen und ihrer Figur mehr denn je verpflichtet, kleidet die Erlebnisse ihrer Protagonistin jedoch in eine durchgehende Erzählung.

Don-Camillo-Thema in neuer Gestalt

Die Passagen für die Lesung wurden mit Bedacht ausgewählt. Die Autorin spann einen Bogen über die Bände hinweg und ließ verschiedene Figuren – wie etwas „das Schnackerl“, eine ehemalige Schulfreundin von Valerie, auftreten. Im dritten Band „Valerie wird fromm“ verwandelt sich die rüstige, bisweilen misanthrope Favoritnerin in eine Art Wiener Don Camillo – allerdings ohne Heiligenschein. Valerie spricht jedoch nicht einfach mit „Gott“, sondern mit dem „Weißen“, in Analogie zu einem „Marterl“, das im Naherholungsgebiet, das die Hauptfigur bisweilen frequentiert, aufgestellt wurde. Dort hängt eine weißgestrichene Holzfigur auf einem roten Kreuz. Und wenn es in „Mordet Valerie?“ heißt, dass sie lieber den Vögeln beim Singen als den Menschen zuhöre verwundert es nicht, dass auch ein weißlackiertes Holzmarterl oder eine Sonnenblume die bevorzugten Gesprächspartner/innen der älteren Dame aus Wien-Favoriten sind. Im Wesentlichen ermuntert „der Weiße“ Valerie doch freundlicher zu den Menschen zu sein und ermahnt Sie mehr oder weniger dezent, sein gutes Werk zu tun. Dabei sind die Antworten der höheren Instanz nicht sehr spirituell angehaucht. Der Weiße ist eher „praktisch“ veranlagt – und daraus erschließt sich der Humor der Erzählung. Wenn Valerie z.B. darüber raunzt, dass die Lebensqualität in ihrem Bezirk abgenommen habe, dann empfiehlt „der Weiße“ neben einen Friedhof zu ziehen oder wenn Frau Kirchheiser den lieben Gott darum bittet, ihre Schmerzen beim Gehen verschwinden zu lassen, erhält sie einen freundlichen Hinweis auf den nächsten Orthopäden.

Die „Dialoge“ mit Gott sind ein rhetorischer Griff, um sich Gedanken über das Altern, die Veränderungen des Lebens und das Funktionieren unserer Welt zu machen. Satire inklusive. Ob es nun der Heurigenabend mit zuviel Wein oder die Kurzauftritte des Orthopäden in seiner eigenen Praxis sind. Auch das Absingen von „10 kleinen Negerlein“ wird genau besprochen. Übrigens spielt Sex auch eine Rolle im neuen Buch von Maria Gornikiewicz – allerdings nur auf Seite 99.

Maria Gornikiewicz schuf mit Valerie Kirchheiser eine bisweilen sarkastische Figur, die zeigt, dass das Älterwerden nichts für Feiglinge ist und dass man das Alter vielleicht nicht immer mit weihevoller Würde, dennoch mit viel Selbstironie gestalten kann.

Musikalisch begleitet wurde Maria Gornikiewicz von Sylva&Rudi auf der Mundharmonika. Die gespielten Stücke bildeten die Übergänge zwischen den einzelnen Episoden der Lesung.

(Neil Y. Tresher, Rezension für: read!!ing room. Die Website Ihres kulturellen Nahversorgers in Wien-Margareten, 14. November 2015)


http://readingroom.111mb.de/wordpress/?p=559

Michael Stradal:

Da ist sie wieder, die Valerie Kirchheiser aus Favoriten. 2014 stand sie im Verdacht, morden zu können (‚Mordet Valerie?‘ – Literarisches Österreich Nr. 2/2014). Jetzt ist die Dame, die den 70er längst hinter sich hat, ruhiger geworden, aber mit sich nach wie vor eher unzufrieden. Sie, die einsame Witwe, die keinen Mann lange neben sich erträgt, leidet unter dem Radau des Alltags, der Geschwindigkeit des modernen Lebens, dem Lärm der im gleichen Haus wohnenden ‚Fremden‘, die durch ihre andere Lebensart fast alle ‚Einheimischen‘ schon vertrieben haben. Valerie leidet auch seelisch nach dem Krebstod ihrer Cousine und sie befürchtet – da sie ähnliche Symptome an sich zu bemerken glaubt, die bei der Cousine zu Beginn ihres Leidens gestanden sind –, dass ihr ein ähnliches Schicksal beschieden sein könnte.

Auf ihrer Stadtflucht tragen sie ihre müden Beine eines Tag in ein Waldstück, wo ein weiß gestrichener Christus auf roten Kreuzholz plötzlich zu sprechen beginnt und auf ihr grüblerisches Sinnieren antwortet. Daraus entwickelt sich, anfangs erstaunt und verhalten, doch schon bald couragiert und ein wenig aufmüpfig, ein Zwiegespräch, in dessen Verlauf sie der ‚Weiße‘, wie Valerie ihn nur nennt, behutsam auf einen Weg aus ihrer Vereinsamung führen will. Er rät ihr, die vielen Fremden als Freunde zu sehen, die man noch nicht genau kennt, er rät ihr, auf andere Menschen zuzugehen, sie zu verstehen und – zum Abbau ihrer Ängste – den zuständigen Facharzt aufzu-suchen. Valeries Skepsis und ihr oftmaliges Aufbegehren mit dem Hinweis auf die vielen Scheußlichkeiten der heutigen Zeit, begegnet er mit Gegenfragen und mit Hu-mor. Wie überhaupt der ‚Weiße‘ eine ganz andere Sprache spricht als der Don-Camillo-Christus in Buch und Film.

Der ‚Weiße‘ ist aber nicht nur im Wald hörbar, sondern auch dann, wenn sie daheim ist und sie nur das Bild der Sonnenblume an der Wand wahrnimmt. Sie befolgt hin und wieder seine Ratschläge, sucht die vernachlässigte Künstlerinnenrunde in Heiligenstadt, die sich zurückgezogen habende Freundin Drusilla wieder auf, stößt aber zu ihrer Enttäuschung nur auf gelangweilten Überdruss. Enttäuscht erzählt sie dem ‚Weißen‘, wie belanglos ihre Freundinnen mit ihrem Zeitüberfluss umgehen.

Ein dicker Mann, ordinär und ausfällig, mit einem fetten Hund, unweit vom Weißen‘, wird rasch zum Gesprächsmittelpunkt, denn nun wird Valerie in kleinen Häppchen die Empathie nähergebracht, die nun tatsächlich eine gewisse Wirkung auf Valerie ausübt. Ihr Wesen ändert sich, nicht aber ihr Unmut über alles Schlimme um sie herum. In Wien und auf der Welt. Die immer intensiver werdenden Auseinandersetzungen mit Christus spannen einen Bogen vom Hunger in der Welt, den lärmenden Vergnügungen in der Weihnachtszeit, den heutigen Medienikonen, die Auswüchse einer übertriebenen Haustierliebe und dem ihr als sinnlos erscheinenden Streben der Wissenschaften nach immer neuen Erkenntnissen.

Sie bleiben einander nichts schuldig, der ‚Weiße‘ und die Valerie. Er muss eingeste-hen, dass er „…nur der Vater ist, der besorgt auf seine Kinder blickt, die sich längst von ihm gelöst haben“ und sie fordert ihn auf, keine Spompanadeln zu machen. Als sie einmal ihren Seelenzustand einfach nicht beschreiben kann, rät er ihr, es einfach niederzuschreiben. Sie schreibt dann zwei Geschichten, mit denen sie Erlebtes ver-arbeitet (ihre Jugend?) und Schmerzliches ‚entschmerzlichen‘ will.

Das tut sie tatsächlich und kommt so immer mehr in ihr seelisches Gleichgewicht, je mehr sie über sich nachdenkt und je mehr sie sich anderen Menschen, ob Schul-, Seelen- oder Künstlerfreundin zuwendet. Sie nimmt zunehmend an deren Leben teil und wird beim Gespräch mit dem ‚Weißen‘ immer geschwätziger. Sie redet gewisser-maßen mit Gott über Gott und die Welt.

Alles in allem wird Valerie nicht so fromm, wie es der Titel der Erzählung ankündigt. Nämlich fromm, im Sinne von strikter Befolgung religiösen Verhaltensformen und Beibehaltung kultischer Rituale wird sie ganz und gar nicht.

Dazu hätte ihr der ‚Weiße‘ auch nicht geraten.

(Michael Stradal, Rezension in: Literarisches Österreich 2016/1)