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Kurzbeschreibung


Unser Nachbar braucht keinen Misthaufen. Er ist ein „Körndlbauer“ und wo früher sein Stall war, hat unser Nachbar jetzt ein Hallenbad. Es ist wirklich ein schönes Hallenbad! Ich hab das durch die Scheibe gesehen, die bis zum Boden geht. Dort, wo der Boden für den Misthaufen betoniert wurde, spielen wir Kinder aus dem Dorf Fußball. Der Nachbar verjagt uns zwar, wenn er uns sieht, aber wir kommen immer wieder. Zuerst sitzen wir auf der Mauer, dann besprechen wir die Mannschaften und dann spielen wir.

Wenn Klaus kommt, dann hebt er immer seine rechte Hand, streckt den Arm aus und ruft: „Heil Hitler!“ Das find ich lustig. Ich heb auch meine rechte Hand und sag: „Heil!“ Ich bin froh, dass ich als Mädchen mitspielen darf. Einmal hab ich statt dem Ball Roberts Knöchel erwischt. Robert hat geflucht und gesagt: „Die Weiber soll man nicht mitspielen lassen!“ Aber sie brauchen mich, sonst haben sie zu wenig Spieler. Wenn ich ein Tor schieße, dann klopfen mir alle auf die Schulter. Unser Tor ist eine schmale Holztür ohne Klinke. Dort ging es früher in die Stallungen. Damit man mit einer Schubkarre hineinfahren konnte, ist die Schwelle schräg betoniert. Da rollt der Ball leicht wieder zurück, wenn man nicht scharf genug schießt. Aber ich schieße scharf. Klaus sagt, ich bin ein guter Libero. Ich weiß zwar nicht was das ist, aber ich glaube, ein Libero ist wichtig.

Heute kommt Gustav vorbei. Gustav ist sonst nie dabei. Er trägt eine große Brille und geht ins Gymnasium. Jemand hat erzählt, dass Gustav hochbegabt ist. Er hat schon eine Klasse übersprungen. Deswegen hat er auch keine Zeit, mit uns zu spielen. Ich hab gerade ein Tor geschossen und freu mich. „Heil Hitler!“, ruf ich, als Gustav kommt! Er geht ganz langsam auf mich zu und wird blass. Gustav hat ziemlich kurze Beine, seine Hose hängt ihm über die Sportschuhe. Aber er ist trotzdem einen Kopf größer als ich. Er sieht mich an, hebt seinen Zeigefinger vor meine Nase und sagt: „Sag das NIE wieder!“

Ich kenn mich nicht aus. Oma hat gesagt, dass Hitler sich doch nur gegen die Polen wehrte!

[…]


Rezensionen
Astrid Windtner: Szenen einer Kindheit

„Oma erklärt mir den Unterschied zwischen Hundsveilchen und echten Veilchen. Hundsveilchen sind blasser und duften nicht. Oma will unbedingt echte Veilchen. Und dann erzählt sie, dass Opa ihr einmal echte Veilchen geschenkt hat.“

Die titelgebenden „Hundsveilchen“ stehen im Mittelpunkt einer Szene aus der Kindheit der Autorin Anita Lehner. Auf einem kleinen Bauernhof in Oberösterreich aufgewachsen, erzählt sie von ihren Erinnerungen in kurzen Sequenzen. Die Autorin erlaubt den Leserinnen und Lesern dadurch einen sehr persönlichen Einblick in ihre Kindheitserinnerungen, der trotz der Kürze der Szenen, sehr unmittelbar und fesselnd ist. Im Nachwort schreibt Anita Lehner: „Hundsveilchen“ möchte um seiner selbst willen gelesen werden. Es will nicht nach historischen Tatsachen“ untersucht, oder wegen seiner „Moral“ geschätzt werden.

(Astrid Windtner, Rezension in: Kulturbericht Oberösterreich. Monatsschrift der OÖ Kultur, 70. Jg., Folge 10, 12.2016, S. 14)