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Kurzbeschreibung

Landschaft hat bei Brettschuh immer mit Leben zu tun. Betrachtet man Brettschuhs Bilder, hört man die Aufforderung „Bitte, betreten!“ förmlich. Und es ist einiges los unter der Kugel über den Kogeln. Die Kugel, die so still nicht steht. Die leuchtet, strahlt, vibriert.

Manchmal kurz vor der Explosion scheint, vielleicht gar die Sonne ist. Der Maler und Grafiker Brettschuh (und er ist auf nahezu allen seinen Bildern beides zugleich) kann sich in vielerlei visuellen Dialekten ausdrücken, bleibt im Kern aber stets einer Sprache treu. Grammatik und Syntax (in Form von Konturen und Flächen, Linien und Farben) sind gleichermaßen konkret und abstrakt. Sie sind Mittel der Beschreibung und der Selbst-Darstellung, sie stellen sich in den Dienst einer Sache und sind sich selbst genug. Die Statik von Brettschuhs Bildern ist raffiniert zwischen den stofflich dichten und materiell nicht festzumachenden Dingen von Außen- und Innenwelt ausbalanciert.

Dort. Da. Dahinter. Darüber. Darunter. Dazwischen. Rundherum. Brettschuhs Landschaften haben in jedem ihrer Winkel, aus jeder Perspektive etwas zu erzählen. Geschichte und Geschichten. Denn so falsch wie die Vorstellung, der Künstler sei ein realistischer Bilderchronist, welcher für Zeitgenossen und Nachkommende überliefere, was (noch) ist bzw. bald nicht mehr sein wird, so abwegig ist die Annahme, die malerischen und grafischen Werke hätten ihre Grenzen dort erreicht, wo der Sehsinn endet. Natürlich: Brettschuh malt (s)ein Haus und (s)einen Brunnen (mit und ohne Quitten). Aber die wenigstens Bilder sind von Künstlerhand gefertigte Dokumente. Meist zeigen sie Neuerschaffungen aus den Teilen existierender Wirklichkeit.

In einer anderen Prosaminiatur in der Textsammlung „Die Kreisgeher“, in „Großschädel und Hleb“, benennt der Autor fast beschwörend einige der bedrohten Realitäten, die er in seinen Bildern dingfest macht, indem er sie als deren Protagonisten einsetzt: „Bauernkeuschen, Kuhställe, Wagenhütten, Presshäuser, Selchhütten, Scheißhäuseln (mehr abseits stehend), Ausgedinge, Hühnerställe, Bienenhütten.“ Weiters: „Das ockerfarbene Wintergras, die efeuberankten Obstbäume, Zwetschken-, Pfirsich-, Nussbäume, die Hagebutten wie bildgehauene Blutstropfen auf dem Strauch am Schneehang, die Rebstöcke im steilen Weingarten.“ Brettschuh-Land, das freilich niemals eine Geschäftsidee werden könnte. Oder doch?

Aber darüberhinaus, wie gesagt, sind Brettschuhs Panoramen großartige Erfindungen eines begnadeten Fabulierers. Bilder, auf welchen die Motive tatsächlicher Geografie mit solchen von opulenten Innenwelten überblendet werden, verschmelzen. Szenen eigenen Erlebens mit solchen aus der Literatur, die für den Künstler seit jeher ein Lebenselixier ersten Ranges ist.

Homer und Ovid, Cooper und Joyce. Um nur ein Autoren-Quartett zu nennen, das in der Kopf-Bibliothek des G. B. aus A. markante Positionen besetzt. Dort, wo nicht weniger wirkliche Abenteuer warten als draußen, in der wirklichen Wirklichkeit. Die eine Realität ist Brettschuh so wichtig wie die andere. Die eine ist von der anderen nicht zu trennen. Weshalb Odysseus und Diana mitten im südsteirischen Kogelland als Figuren in der Landschaft erkennbar sind. Venus sowieso.

Immer und immer wieder. Immer noch. Still. Gleichermaßen tauchen Huronen, Delaware und (niemals letzte, immer zumindest vorletzte) Mohikaner auf. Selbstredend jede Menge Dubliner. Die O‘Connell-Street führt bekanntlich direkt durch Arnfels, wo der 16. Juni schon seit 1905 schulfrei ist. Angeblich auf Betreiben Joycens höchstselbst. Angeblich wollte dieser an der Volksschule des Ortes unterrichten, kehrte dann aber doch nach Triest zurück. Angeblich, weil sich das Versprechen „Hinter‘m Remschnigg liegt das Meer“ als falsch herausgestellt hatte. Wer damals dem Iren das weismachen wollte, ist nach wie vor ungeklärt.

„Figuren in der Landschaft“ nannte Gerald Brettschuh aus diesen Gründen nicht zufällig vor einigen Jahren eine seiner Präsentationen. Der menschliche und tierische Körper ist aus seinen Werken nicht wegzudenken. Das „Bild meiner Welt“ ist nur der am deutlichsten betitelte Beleg dafür. Ein Gemälde, das der Künstler in einem seiner Ateliers, dem „Blockhaus“ – „One more for James Fenimore Cooper“! -, begann. Von fünf Figuren belebt habe er es bergabwärts geschafft, im Tal seien es dann an die dreißig geworden. Tiere, Menschen. Maler inklusive.

(Walter Titz)