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Kurzbeschreibung

Die Mutter meiner Mutter, also meine Großmutter, deren Schwester war eine Verwandte, ich denke, sie war eine Cousine von diesem Unternehmer. Na, du weißt schon, Huber, Georg Huber, Trikotagen oder so. Der war eigentlich, so erzählte man, ein außerehelicher Sohn vom Bürgermeister Kaiser. Seine Mutter aber, die Rita, die war ein Bild von einer Frau. Augen, sag ich dir. Ich habe bei Mama ein Foto von ihr gesehn. Diese wiederum hatte eine Schwester. Beine bis zu den Parfümwolken, schwarze Haare, einen Bubikopf, der sie als kleine Revoluzzerin hinstellte. Die Gleichberechtigung war noch lange nicht vollzogen. Deren Mutter war genau das Gegenteil von ihr. Großmutter fragte sich immer, wo hat das Mädl das bloß her. Aber im Nachbarhaus, Nr. 4, dieser luxuriösen Villa mit grünen Fensterläden und zwei Hausangestellten, verlor in einer Juninacht Onkel Willi seine Unschuld.

Diese Villa gehörte der Baronin. Von Fleck, von … Naja, ist nicht so wichtig. Jedenfalls, das weiß ich genau, hatte die Frau Baronin eine Freundin, eine Reichsdeutsche. Und die ist, was nicht nur damals geschah, sehr alt geworden. Die verwandtschaftlichen Verhältnisse waren nicht immer so kompliziert, aber so wie er sie darstellte, glichen sie einer Wissenschaft, jedem Studium ebenbürtig.

Er kannte viele Geschichten. Aus Büchern, aus dem Wienerwald, aus dem Leben. Er erzählte sie gerne und bekam dafür im Tauschweg andere. Ob alt oder neu ließ sich nicht auf den ersten Blick feststellen. Geschichten, die ihm glaubhaft schienen, reichte er weiter, wartete gespannt auf die von ihnen ausgelösten Reaktionen.

Wenn sie gefielen, erfand er ein paar Details dazu, machte nicht gleich aus einer Mücke einen Elefanten, dekorierte geschickt Banalitäten zu einem Blumengebinde und agierte wie ein Puppenspieler. Er genoss dieses Machtgefühl, nach Belieben an den Drähten ziehen zu dürfen, die Puppen nach seinem Gutdünken tanzen zu lassen. Dieser Adrenalinstoß baute ein immenses Glücksgefühl auf. Sanktionen, Vergeltung oder gar Rachefeldzüge fürchtete er nicht. Seine Lügen waren so echt, dass man sie nicht ohne weiteres von der Wahrheit unterscheiden konnte. Wenn man den Menschen schmeichelt, tragen sie auch im Sommer gerne einen Pelzkragen.

Die Plakate klebten an den Litfaßsäulen, die Einladungen waren verschickt. Große Ereignisse warfen ihre Schatten voraus. Der Parkplatz vor dem Schauspielhaus blickte dämmrig, Gedanken duckten sich ängstlich vor diesem wie eine Fledermaus herumhuschenden Etwas.

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