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Kurzbeschreibung

Bibliothek urbaner Kultur ; 6. – Edition Seidengasse


Pointiert und mit scharfsichtiger Distanz analysiert Stéphane Gompertz in „Österreich lieben“ das Land, in dem er zwei Jahre und drei Monate Botschafter Frankreichs war, in politischer, gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht. Was für Nicht-Österreicher eine äußerst hilfreiche Einführung in die Traditionen und gegenwärtigen Zustände, Skurrilitäten und Normalitäten des Landes ist, ist für Österreicher der lohnenswerte Blick von außerhalb des Tellerrands auf die Suppe, in der sie tagtäglich schwimmen. Von der Sozialpartnerschaft über die Habsburgernostalgie bis zum Wien Marathon, von Conchita Wurst über Jörg Haider bis zu Ute Bock werden Themen und Personen behandelt, die prägend und kennzeichnend für jene Nation sind, die sich allzu gerne als „kleines Land“ definiert. „Diese Selbstbezogenheit ist eigentlich bequem“, konstatiert Stéphane Gompertz und leitet dazu an, den gewohnten, bequemen Blick gegen einen neuen, aufschlussreichen auszutauschen. „Ein Land zu lieben, bedeutet, darüber zu sprechen, auch wenn unsere Meinung anfechtbar ist.“


Rezensionen
Helga Maria Wolf:

Der international tätige Literaturwissenschaftler Stéphane Gompertz war Kabinettsmitglied der französischen Regierung. Seine diplomatische Karriere führte ihn als Botschafter nach Äthiopien und Direktor des Außenministeriums nach Afrika. 2012 bis 2014 wirkte er als Französischer Botschafter in Österreich.

In den zwei Jahren und drei Monaten seiner Tätigkeit in Wien lernte er „Österreich lieben“, doch mischen sich auch kritische Töne in seine Erfahrungsberichte. Stéphane Gompertz beschreibt Österreichs Gesellschaft, die Politik, Kultur und Identität, dabei nennt er Institutionen und Personen beim Namen. „Ich werde das Hin und Her zwischen der objektiven Beschreibung und meiner persönlichen Sicht nicht vermeiden“, sagt der Diplomat. Die französische Botschaft am Schwarzenbergplatz entstand 1900 bis 1909 nach Entwürfen eines Pariser Architekten im Stil des Art Nouveau. Das extravagante Palais unterscheidet sich wesentlich von seiner Umgebung, man glaubte in Wien, es sei für eine andere Stadt geplant worden und wollte es sogar abreißen.

Der ehemalige Botschafter äußert sich dazu nicht und freute sich, als kulturbefliessener Bewohner, vor allem über die zentrale Lage: Seine Residenz ist zu Fuß fünf Minuten vom Konzerthaus und vom Musikverein entfernt. Dort steht den Akkreditierten eine eigene Diplomatenloge (gratis) zur Verfügung. „Ich konnte nicht verstehen, warum meine Kollegen diese Chance nicht öfter nutzten“, meint der Autor. Die Staatsoper erreichte er in acht Minuten, zum Theater an der Wien brauchte er zehn. In allen Häusern konnte er die Musik genießen, Kontakte mit den Künstlern pflegen und Werke einiger Komponisten – wie Anton Bruckner – für sich entdecken. Außer Kultur und Kulinarik interessierte sich der Verfasser für Sport, drehte als begeisterter Jogger seine Runden durch die Stadt, entlang des Donaukanals, im Lainzer Tiergarten oder im Park von Schönbrunn, dessen Schloss er hasst. Er war sogar Gründungsmitglied eines Vereins, namens „Sportclub Wien – Paris“ und nahm am Marathonlauf teil.

Kulinarisch schätzt er weniger die berühmte Sachertorte als den Apelstrudel (bevorzugt im Lieblingscafé Schwarzenberg), Tafelspitz mehr als Wiener Schnitzel (außer von einer Freundin zubereitet) und nahm vom Rotgipfler aus Gumpoldskirchen einige Kisten mit nach Frankreich. Als Literaturwissenschaftler gibt der Verfasser den Werken zeitgenössischer SchriftstellerInnen breiten Raum, wie Barbara Frischmuth, Arno Geiger, Peter Handke oder Maja Haderlap. Unter den Künstlern schätzt er Egon Schiele und Friedensreich Hundertwasser ganz besonders, führte Besucher zum Hundertwasserhaus und -museum, zum Fernwärmewerk Spittelau und bewunderte seine Barbara-Kirche in Bärnbach und die Therme Blumau in der Steiermark. Begegnungen mit Politikern und die Beschäftigung mit Politik gehören zum diplomatischen Alltag, viel ist darüber zu lesen.

„In zweieinhalb Jahren kann man ein Land nicht gänzlich entdeckten“, schreibt Stéphane Gompertz im abschließenden Kapitel. „Ich will nicht alles, was die Österreicher tun, auf ein Podest stellen. Ich bewundere die Sozialpartnerschaft, die berufliche Ausbildung, die Disziplin in Geschäftsangelegenheiten, die Hightechindustrie, die Sauberkeit der Städte und der Straßen, den Charme der Straßenbahnen, die Freundlichkeit der Leute, die Treue meiner Freunde, die Allgegenwärtigkeit der Musik, die Feinheit des Strudelteigs, die Stimmung der Heurigen. Ich kenne jedoch auch die Exzesse des Proporzsystems und das Gewicht der Korruption; ich bedaure das mangelnde Interesse an den internationalen Problemen und Dramen; ich muss feststellen, wie schwer es Österreich fällt, sich mit seiner Vergangenheit und seiner Identität zurechtzufinden.“

Das Buch ist der 6. Band der „Bibliothek urbaner Kultur“. Sie wird – wie einige andere, u. a. „Wiener Wissen“, von Hubert Christian Ehalt herausgegeben. Der in der Kulturabteilung der Stadt Wien tätige Historiker (und Träger eines französischen Ritterordens) hat in den letzten 30 Jahre die von ihm erfundenen „Wiener Vorlesungen“ organisiert. Mit dieser Buchreihe möchte Ehalt zu Diskussionen anregen, städtische Kultur erhalten und ausbauen. Zum vorliegenden Band meint er, dass der geschulte Blick von außen einen Sachverhalt oft besser treffe als jener der Eingeborenen: „Das Buch ist aufschlussreich, weiterführend. Es erfüllt die Funktion eines Reiseführers ebenso wie jene eines scharfen kulturwissenschaftlichen Essays über Österreich.“

(Helga Maria Wolf, Rezension in: Austria-Forum. Das Wissensnetz aus Österreich, 21. November 2017)


https://austria-forum.org/af/Kunst_und_Kultur/B%C3%BCcher/B%C3%BCcher_%C3%BCber_%C3%96sterreich_2017/Gompertz_-_%C3%96sterreich_lieben