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Kurzbeschreibung

Drei Strophen eines Matrosenlieds und eine unvollständige Strophe eines Verlaine-Gedichts sind alles, was vom Gedächtnis meines Vaters übrig geblieben ist. Vers für Vers versuche ich herauszufinden, was es mit diesem Lied und dem Gedicht und dem Leben meines Vaters auf sich haben könnte. Wechselweise führen die Zeilen in die verlorene Jugendzeit eines unfreiwilligen Kämpfers gegen die Partisanen, in meine eigene Jugendzeit in den 1960er und 70er Jahren im milden Westen Österreichs oder in den gegenwärtigen Alltag mit einem dementen Elternteil.

– Ich habe mir mein Alter anders vorgestellt, sagt meine Mutter.

– Dein Alter sich auch, würde mein Vater darauf antworten, könnte er wie früher noch Wortspiele machen.


Rezensionen
Ingrid Bertel: Taucht unter, ihr Gedanken!

Drei Strophen eines Volkslieds und ein paar Verse von Verlaine sind Klaus A. Amanns Ariadnefaden durch die Labyrinthe von Demenz und Erinnerung

Seit Demenz eine massenhaft auftretende Erscheinung unserer Gesellschaft ist, hat das Thema auch Eingang in die Literatur gefunden, sehr oft als Vater-Sohn-Geschichte. Das reicht von der „ehrlosen Entblößung des Vaters“ (FAZ) bei Tilman Jens über Martin Suters tröstliche „Small World“ und Jonathan Franzens Versuch „die individuelle Einzigartigkeit von Earl Franzen vor der Generalisierung durch einen benennbaren Befund zu schützen“ bis zu Arno Geigers Wunder an Empathie „Der alte König in seinem Exil“.

Klaus A. Amann nähert sich dem „Winter unseres Missvergnügens“ über die Besessenheit, mit der sein Vater das Volkslied „Wir lagen vor Madagaskar“ vorträgt, singt und ohne Unterlass wiederholt. Jede Zeile des Liedes wird zum Auslöser einer Erinnerung. „In den Kesseln, da kochte das Wasser …“ singt der Vater, und die Mutter korrigiert ihn zum x-ten Mal: „Faulte das Wasser, wie oft muss ich dir das noch sagen?“

Sprachliche Verwerfungen sind Bestandteil der Demenz. Bei Arno Geiger entstanden daraus unendlich kluge, schöne Überlegungen zum Wesen der Erinnerung, des Empfindens und der Literatur, Überlegungen, die die Gestalt des Vaters als „König in seinem Exil“ erfahrbar machten. Klaus A. Amann versucht sich auch in diese Richtung, doch es bleibt beim Versuch: „Natürlich faulte das Wasser, im Kontext der Pest ist das nur logisch, und in der nächsten Strophe – ohne der Geschichte vorgreifen zu wollen – ist’s dann auch der Schiffskoch, der als Erster aus dem faulen Nass säuft. Andererseits kocht Wasser viel öfter in den Kesseln, als dass es fault, vor allem heute.“ Das ist eine biedere Erklärung, die Gedanken öffnet sie nicht und das Herz genauso wenig.

Das Potenzial der Wörter
„Es geschehen keine Wunder, aber Zeichen“, sagt der Vater bei Arno Geiger. „Diese Ausdrucksweise beeindruckte mich“, schreibt der Sohn, „ich fühlte mich in Berührung mit dem magischen Potenzial der Wörter.“ Und dieses Potenzial schöpft Arno Geiger aus. Die Nähe zu seinem Vater hat die Kraft, uns, seine LeserInnen, zu verändern. Klaus A. Amann fehlt dieser forschende Geist, die Aufmerksamkeit für die/den Nächsten. Er schweift ab, verzettelt sich, mäandriert durch eigene Erinnerungen. Und er weiß wohl, wie er damit sein Thema verspielt, denn immer wieder ruft er sich selbst zur Ordnung.

Andererseits sind ihm seine Manierismen so lieb, dass er keine halbe Seite lang von ihnen lassen will. „Es seie“ schreibt er statt „es sei“; er findet es witzig, „Fesbuk“ und „tschätten“ zu schreiben; die Nationalsozialisten nennt er überflüssigerweise „braune Khmer“ oder „braune Talibans“, die Stella Matutina „Morgenstern Gymnasium“. Die eigene musikalische Sozialisation zwischen Bob Dylan und Paul Simon legt er in ausführlichen Zitaten dar und hält sie unsinnigerweise „Madagaskar“ entgegen. Dazwischen streut er ausführlich spanische Redewendungen ein, einfach so. Er kennt sie halt.

Mr. Tambourine Man
Amann erzählt von einer bürgerlichen Vorarlberger Familie, wie wir, seine LeserInnen, sie auch kennen. Es gibt Kinder mit beruflichen und persönlichen Problemen und Eltern, die damit nicht umgehen können. „Das war auch das Einzige, was mir einfiel“, berichtet Amann in einer solchen Krisensituation über sein Verhältnis zum Vater: „Ihm die Hand auf die Schulter zu legen und zu sagen, das wird schon wieder. Dabei hatte ich zwei Jahre lang in den USA gesehen, dass sich Gott und die Welt umarmen, a hug a day keeps the shrink away …“ Vergleiche bringen nichts, das weiß man. Nichts ist „wie“. Hinhören wäre ein Weg und Hinschauen. Aber Amann bringt gleich den nächsten Vergleich. Diesmal Bob Dylan. „Take me disappearin‘ through the smoke rings of my mind …“ Ein schönes Bild. Es könnte mehr sein als ein Hinweis auf Sozialisation, nämlich ein Bild für das Verschwinden der Erinnerung, aber Amann verfolgt diesen Gedanken nicht. Er deutet ihn an und schweift ab. Einmal mehr.

Ein paar Verse von Verlaine tauchen auf in der Erinnerung des Vaters. In meinem Herzen fallen Tränen, wie der Regen auf die Stadt fällt – so könnte man sie grob übersetzen. Logisch, dass Klaus Amann auch hier abschweift, diesmal in die Biografie Verlaines. Aber diese Abschweifung ist produktiv, bringt ihn näher an sein Thema: die Biografie eines Menschen, der so einzigartig ist wie jeder Mensch und den Klaus Amann nun unter dem sanften Regen Vorarlbergs weicher zeichnet und behutsamer, bei dem er bleibt in seinem tiefen Schmerz.

(Ingrid Bertel, Rezension in: Kultur. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, 2.1.2018)


http://www.kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/taucht-unter-ihr-gedanken-drei-strophen-eines-volkslieds-und-ein-paar-verse-von-verlaine-sind-klaus-a-amanns-ariadnefaden-durch-die-labyrinthe-von-demenz-und-erinnerung