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Kurzbeschreibung

Liegst in nebelfeuchtem Herbst.

Die Essigbäume blühen in Rot, Blätterkonfetti
hochgeworfen, fang auf, werden die Möbel
wieder um- und umgestellt. Risse durch die

nächtliche Stille, durch die Buchstaben,
die Schrift, Angstschweiß horcht unter
der Tuchent, Kälte und Finsternis ein zu

geläufiges Paar, als dass sie die Hände
segnend erheben: Steh auf, ich weiß, kein
Knochen ist dir gebrochen: Speichelleim.


Noch trotzen die hängenden Pelargonien,
noch füllen die eilenden Morgenpendler das

Schlafzimmer mit ihren hubraumstarken Motoren,
doch die Schädeldecke oder Schädelstätte ist

ein rostiges Stück Eisen, begraben bei lebendigem
Leib. Zünd an die Kerze, wirf die Münze in den

scheppernden Altarraum. Entleerung der Blase
im Minutentakt. So auf der Lauer wird selbst

dem professionellsten Finanzdienstleister
eine Kirtagsrose geschossen.


Schnee im Koffer, löffelweise Kakaopulver
für nichts und wieder nichts, denn der sterbende

Schwan ist nur die Redensart und die kommenden
Generationen stecken ihre Handyohren in ganz

andere Kommunikationszusammenhänge. Bald
schon steht der Jungkirschbaum in seinem nackten

Geäst, Frost härtet den Boden aus, die Verwesung
der Schrift treibt neue Keime und Blüten ans Licht.

Billigbilder werden möglichst schonend gewaschen.
Jeder kleinste Kontoeingang ist ein Ansporn.


Rezensionen
Andreas Unterweger: Wortnetze, in denen man sich gern verfängt

Die am lautesten schreien, sind nicht zwangsläufig jene, die am meisten Aufmerksamkeit verdienen. Diese alte Rotkreuz-Weisheit lässt sich glatt auf den Literaturbetrieb übertragen. Zu den sogenannten „Stillen im Land“, die von den Literaturkritik-Sanitätern oft sträflich übersehen werden, zählt Hans Eichhorn.

Der 61-jährige Oberösterreicher erlebte den wohl größten medialen Hype um seine Person erst kürzlich, im Sommer. Der im Zweitberuf als Fischer tätige Autor hatte, aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz, sein in den 90ern verlorenes Geldbörsel aus dem Attersee geangelt. Selbst Boulevardblätter berichteten. Um die knapp 30 Prosa- und Lyrikbücher, die er in den Jahrzehnten davor veröffentlicht hat, war es dagegen medial vergleichsweise still geblieben.

Die Stille, wenngleich eine ganz andere, wesentlichere, prägt auch Eichhorns jüngste Publikation, den Lyrikband „Im Ausgehorchten“. „Und plötzlich ist es still“, hebt ein typisches Gedicht an, „Fast ein Atemanhalten und der Sinuston in den Ohren“ ein anderes – oder: „Die Stille des Hauses nimmt dich in ihre Mitte“.

Wie bei John Cage ist auch die Stille in Eichhorns Gedichten nicht mit der Abwesenheit von Geräuschen gleichzusetzen. Sie bezeichnet vielmehr den Zustand gesteigerter Aufmerksamkeit, eine Bewusstseinsveränderung, durch die das lyrische Ich nicht unbedingt zur Ruhe, aber doch zu sich kommt. Die zumeist nächtliche Stille ist jener See, aus dem der Dichterfischer, „die Ohren […] geräuschgespitzt“, seine Sprachbilder holt. Titelgebend wird sie zum „Ausgehorchten“, zum Be- und Erschriebenen: „Und die Stille ist ein Tun geworden“, „erschwiegen die Schrift“.

Beeindruckend, wie der Autor sein reduziertes Motivinventar immer wieder neu arrangiert. Und wie er daraus Wortnetze webt, in denen man sich beim Lesen gerne verfängt.

Morgen, Montag, bekommt Hans Eichhorn den von Saubermacher-Gründer Hans Roth gestifteten rotahorn-Preis verliehen. Die Jury (Alfred Kolleritsch, Barbara Frischmuth, Reinhard P. Gruber, Werner Krause) würdigt in ihm den „getriebenen Sprachwerker, der Fische aus dem Attersee und Wörter aus der Möglichkeitskiste zieht“. Die festliche Preisverleihung findet in der Steiermärkischen Landesbibliothek statt. In aller gebotenen Stille – es könnte also laut werden!

(Andreas Unterweger, Rezension in der Kleinen Zeitung, 12. November 2017, S. 68)