Der Fürsorgezögling
Roman
21 x 15 cm, 250 Seiten, 24,00 € (42,00 sfr) ISBN 978-3-85252-909-7
Ich habe das Manuskript »Der Bastard« von Franz Josef Stangl mit Anteilnahme gelesen. Eine Expedition hinter die Kulissen der Gesellschaft in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.In kompromissloser Erzählweise und atemlosen Erzählton gelingt es Stangl für den Leser ein Stück verborgener Wirklichkeit sichtbar und greifbar zu machen. Ich halte das Buch notwendig für die österreichische Literatur und das Verständnis einer ganzen Generation.
Gerhard Roth
Geboren wurde ich am 17. Juli 1952 in Graz, wuchs an verschiedenen Pflegeplätzen bei Zieheltern und in Erziehungsanstalten auf. Man rief mich Bastard, weil bekannt war, dass ich ein "Außerehelicher", einer "ohne richtige Eltern", ein in die Dorfgemeinschaft eingedrungener Unerwünschtling war. Ein Fürsorgekind. Solche, so sagten die Dorfbewohner, würden sie hier, in ihrem Dorf, nicht brauchen. Einer, der sich weigerte, sich erziehen zu lassen, dem der Ruf seiner Sturheit und Erziehungsresistenz vorauseilte, sobald er aus dem Wald trat, um sich auf den Schulweg zu machen. Ein verschlagenes Kind, nannten sie mich, dass ich jahrelang grün und blau und bis zur oftmaligen Bettlägerigkeit und Bewusstlosigkeit verdroschen wurde, wollte niemand wissen. Ich war eine kleine und billige Arbeitskraft, fehlte deswegen auch oft im Unterricht, ein "Trottelkind", welches aus Bösartigkeit nicht lernen wollte.
Ich habe meine Kinderjahre aufgeschrieben, die Stränge entflochten und wieder zusammengeführt. Nicht mein ganzes Leben, aber jene Jahre, die alles vorgegeben haben, so als seien sie gebogene Schienen, die nur zu einem Kreis zusammengefügt werden konnten. Diesen Kreis habe ich Jahrzehnte später zerstört. Aus Zorn und heftiger Wut habe ich Randfiguren gemacht, sie sollen mich nicht mehr leiten, nicht von meiner Zeit Besitz ergreifen. Zu lange haben sie das getan. Ich lebe heute in Wien, bin den Stätten meiner Kindheit entflohen, was geblieben ist, sind diese Erinnerungen.
Franz Josef Stangl
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Kindheit ist kein Kinderspiel. Diese Erfahrung macht auch Franzi, dessen Mutter noch Elisabeth von einem Anderen und Hildegard von einem Anderen hat und mitsamt der drei Kinder als „Eierdiebin“ vom Ellertbauern rausgeschmissen wird. Solches Gesindel will der Bauer auf einem Hofe nicht. Sie ziehen in das ländliche Häuschen ihres Opas nahe Graz. Seine Mutter sucht nun Arbeit und Franzi stellt fest, dass er keiner von hier ist, ein „Bastard“. Daran ändern auch dicke Wollsocken, Gummistiefel und bis zu den Knöcheln reichende viel zu weite Lederhosen nichts. Er erntet nur Gelächter seiner Schulkameraden, bis er sich wehrt und einenverprügelt, Milchzähne splittern und Blut spritzt. Die Freundesbande des Geprügelten lauert ihm auf. Wieder zuhause, erwartet Franzi nicht nur der Dorfgendarm, sondern auch noch eine Tracht Prügel mit dem Lederriemen.In seinem Erstlingswerk beschreibt der 1952 in Graz geborene Franz Josef Stangl, wie er als unehelich geborenes Kind im erzkonservativen, amts- und titeldemütigen Österreich als Kind der Schande weder Rechte, etwa auf eine kindgerechte Behandlung, Lebensqualität oder gar Menschenrechte hat. Von Zieheltern zu Zieheltern weitergereicht, derer „Erziehung“ in negativ gemeinter Bedeutung ausgeliefert, ohne Bezugsperson, Fürsorge, Liebe oder gar seelische Zuwendung, kommt er mit elf Jahren in eine Erziehungsanstalt. Dort lernt er die Gesetze von Gewalt und Gegengewalt kennen. Immer wieder reißt er aus, gilt mit 18 Jahren schließlich als unerziehbar. Gefängnisse bleiben ihm nicht fremd. Die Gratwanderung vom Bastard, Fürsorgezögling bis zum Kriminellen führt in eine Spirale ohne Schul– oder Lehrabschluss, schließlichFlucht in eine Scheinwelt aus Drogen, Alkohol und Medikamente.Aufmachung und Einband des Buches zeugen von hoher Aufmerksamkeit, Ernsthaftigkeit, ja respektvollem Umgang mit dem bedrohlich unbequemen Thema, als zolle der Verlag seinem Autor auf diese Art seinen Beitrag menschlicher Rehabilitierung. Der Roman selbst, obwohl Roman, bietet dagegen keine Unterhaltung im Sinne des Genres, etwa glückliche, hoffnungsfrohe oder gar lichte Momente oder ein erleichterndes Ende. Aber das war sicherlich auch nie Absicht des Autors. Er bleibt von der ersten bis zur letzten Seite beklemmend. Eine Analyse, eine bedrückende Studie, eine Erklärung auch gesellschaftlicher Ursache und Wirkung, ja ein Zeugnis von Ausgeliefertsein und Ausweglosigkeit der ersten und prägendsten Lebensjahre,Kindheit genannt. Wer sich aber unter einer schlechten Kindheit etwas vorstellen kann und Österreich, vor allem seine Strukturen inwendig kennt, der wird sich nicht wundern, dass der Autor bis heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen, um eine finanzielle Rehabilitation für einen gewaltfreien Lebensabend und Lebensqualität kämpft.
Franz Josef Stangl war von 1979 bis 2006 Hausarbeiter, Hausbetreuer und Mädchen für Allesim CVJM-Hospiz-Hotel und Studentenheim. Durch Krankheit ist er seither arbeitslos, lebtvon Sozialhilfe und kämpft um eine Frühpension, sagt: “Wer einmal bestraft wird, scheint einlebenslängliches Abo darauf zu haben.“ Er werde selbstverständlich weiterschreiben und sichvon nichts und Niemandem in die Knie zwingen lassen.
Rezension von Ulrike M. Dierkes
Es gibt Literatur, die, die Zeitgeschichte im Werdegang eines Kindes seiner Zeit zu einer echten Herrausforderung für den Leser selbst wird,ein lebendiges Dokument, in kraftvoller Wahtnehmung im Rückblick in seine Kinderzeit. Ein lebndes Kind als Aktenstück herunterpervertiert wurden. Es fesselt, uden dieser "Bastard" oder dieser Zögling ist wiederspenstig und verletzbar, agiert als Kind mit seinemn Möglichkeiten auf seine Zeit, der Nachkriegszeit Österreichs! Bemerkenswert und mutig, sich so seiner Identität zu stellen, sich selbst herausfordernd und dabei sich selbst annehmend ist faszinierent und beeindruckend! Willküt und Perversion des menschlichen Geistes toben sich an Verletzbarkeit und Hoffnungen aus, ohne das der Zögling sich verbiegen lässt, seinen Lebensraum nachspürt und zu leben wagt! Ein gelebtes Zeitdokument, gegen Heuchelei und Verlogenehit, gegen Willkür und Dummheit, gegen Phantasielosigkeit und verordneter Grausamkeit, reißt es einer Gesellschaft die Maske vom Gesicht und legt ihre Fratze frei eines untertänige Spießertum in einer Zeit Österreichs, in der, der Vielfrass nach Heilverbundenheit, sich nach gefüllten Bäuchen sehnt, nach vollen Auslagen! Die verschlagenheit einer Spezies von Beamten aufzeitgt, die heute noch agiert und mit anderem Gesicht! Brecht hat Recht wenn er schreibt: "Der Schoß ist noch warm aus dem dies kroch..." Ein sehr vielschichtiges Buch, mutig und hart, aber auch empfindsam und nach Hoffnung tastend. Wirklich lesenswert und ein wahres Zeitdokument, das eine kraftvolle Identität besitzt und den Lügen die Beine ausreißt! Gratuliere dem Autor, Respekt! Jenö Alpar Molnar
1952. Eine Bauernmagd wirft ihr erstes Kind, im nächsten Jahr das zweite, im nächsten Jahr das dritte. Das erste davon bin ich. Außerehelich. Welch eine Schande. Die BH schaltet sich ein, die Fürsorge, man will für die Kinder ein gutes Platzerl finden, es wird ein lebenslanger Höllentrip. Niemand trägt die Schuld,niemand ist verantwortlich. Bis heute nicht.
Meine Hochachtung für die mutigen Finger, die sich in die Wunden der Nachkriegszeit Österreichs legen, in der politisch, auf die Verlogeneit, eines heuchlerischen, feigen Spießertums gesetzt wurde. Voller Mitgefühl nehme ich es zur Kenntnis, weil es ein Korrektur in der Geschichtswahrnemung fordert und eine Ohrfeige, gegen die gewollte Geschichtslüge der Nachkriegszeit einer spießigen Wohlstandsgesellschft bedeutet. Das korrupte vertuschen von Misstände offenbar wird. "Ecce Homo"