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Kurzbeschreibung

Obwohl meine erste Jugend damals bereits vorüber war, war ich in gewisser Hinsicht ein kindischer Mensch geblieben.
Ich hatte die russische Literatur mit großer Hingabe gelesen und zwar nicht nur Dostojewski und Tolstoi und Pusch­kin und Gogol, sondern auch Leskow und Turgenjew und selbstverständlich auch Bulgakow und Andrejew und sogar Saltykow-Schtschedrin.
Am meisten beeindruckt aber hatten mich Anton Tsche­chow und Iwan Bunin, und somit hörte ich eines Tages auf, mich regelmäßig zu rasieren und begann mein russisches Leben.
Natürlich nicht in Moskau oder Petersburg, dazu fehlte mir bei mir zu Hause im nördlichen Burgenland die urbane Umgebung, sondern irgendwo im flachen Russland, in einem der abgelegeneren, provinzielleren Gouvernements, wie zum Beispiel Omsk oder Orenburg oder Twer. Ich legte mich da nicht richtig fest, ebenso wenig wie auf die Zeit, die ich un­sicher und schwankend ließ. Meistens bevorzugte ich die Tschechow-Zeit, musste aber doch immer wieder, schon alleine auf Grund des technischen Fortschritts, in die Gegen­wart ausweichen.
Die durch mein russisches Leben hervorgerufenen äußeren Erscheinungen fielen übrigens nicht sonderlich ins Gewicht, eine leichte Änderung der nachlässigen Kleidung, Wodka zum Hering; eine Vorliebe für Kohl-, Kraut- und Rüben­suppen hatte ich schon vorher. Auch erzählte ich ja nie­mandem, dass ich jetzt Russe sei, sondern nannte mich nur im vertrauten Umgang mit mir selbst Jakov Michailo­witsch (obwohl in meinem Falle Jakov Jakovlewitsch korrekt gewesen wäre).
Meine Freunde aber kamen mir unwissentlich sehr ent­gegen.
Die meisten von ihnen waren in unglückliche Liebes­händel verstrickt, und keiner von ihnen hatte etwas dagegen, fast allnächtlich vernachlässigte Schenken und heruntergewirtschaftete Kaffeehäuser aufzusuchen, um dort schwermütige Gespräche zu führen und nach der Sperrstunde sentimentale Lieder zu singen.
Das passte alles sehr gut, auch wenn die Lieder natürlich keine russischen Lieder waren, aber für mein Leben als Russe war eigentlich die Tatsache, dass sie gesungen wurden, be­reits ausreichend.
Vorteilhaft war auch meine berufliche Tätigkeit. Ich war damals bei einer Bezirksbehörde beschäftigt, also praktisch im Zemstvo.
Die Arbeit dort war zwar nicht sonderlich anspruchsvoll, allerdings trug mein damaliger Vorgesetzter, dem ich mich freundschaftlich verbunden fühlte und mit dem stunden­lange Gespräche über Politik führen konnte, ständig eine schwarze Schirmmütze und hatte dazu noch einen Vollbart. Außerdem gelang es mir durchzusetzen, dass meine Kol­legen und ich uns gegenseitig mit »Onkelchen« ansprachen.
Waren solche Details auch nicht unbedingt vonnöten, so war es doch erfreulich, wenn es sie gab.
Die Frauen, die ich damals liebte, nannte ich Täubchen, Seelchen, Augäpfelchen oder sogar Mittelhandknöchelchen. Das kam zum Teil ganz gut.
Natürlich fehlten manche Aspekte, so hat sich etwa die ganze Zeit über niemand aus meinem Bekanntenkreis er­schos­sen; aber immerhin spielten wir um hohe Beträge Kar­ten, und etwas annähernd Ähnliches wie Duellfor­de­run­gen gab es ab und zu auch.
Wenn ich also spät in einer Winternacht, wenn wir vielleicht noch kurz vorher irgendwo auf dem Tisch getanzt hatten, fröhlich und traurig zugleich durch verschneite Gassen nach Hause ging und mir der Schneewind die Tränen in die Augen trieb, dann war ich als Russe perfekt.
Auch wenn ich noch so spät nach Hause kam, hörte ich mir immer noch mindestens eine Tschaikowsky-Symphonie oder ein Rachmaninow-Klavierkonzert an. Meistens jedoch die »Polowzer-Tänze« von Borodin (aus »Fürst Igor«), wobei ich Zigaretten rauchte und in den Mond blickte.
Im Winter war das russische Leben überhaupt leicht, aber auch im Frühjahr, wenn man auf schlammigen Wegen über die Felder gehen und die Unwürdigkeit des Daseins beklagen konnte.
Schwieriger fiel es im Sommer, wo ich es oft tagelang unterbrechen musste, aber grundsätzlich ging es auch. Schön zum Beispiel waren die mitternächtlichen Imbisse, wenn mit der Nachtkühle der Appetit wiederkam, auf der Holz­ve­randa der Datscha, oder die grauviolette Gewitterkulisse über der Tatarensteppe. Die langen Schatten der Hochspan­nungs­masten auf den Stoppelfeldern hatten außerdem wirklich etwas Nischnij-Nowgorodeskes. Auch gab es mitunter Aus­flüge in das Vorgebirge des Kaukasus, zum Beispiel nach Pajabak-Raj­ko­now und nach Murez-Suslak (wohinter man mit Leich­tigkeit Payerbach-Reichenau und Mürzzuschlag erkennt).
Insgesamt dauerte mein Leben als Russe ungefähr drei Jahre, dann kam ich in andere Fahrwässer.
Jahre später entdeckte ich die italienische Literatur für mich und wollte daraufhin ein italienisches Leben versuchen, was mir aber nicht annähernd so gut glückte wie das russische.
Das lag wahrscheinlich daran, dass ich in der Wirk­lich­keit nie in Russland gewesen bin, in Italien hingegen schon öfters.



Rezensionen
Ljubiša Tošic: Großmeister der Kleinmeisterei

Jakob Michael Perschys nicht ganz alltäglicher Erzählband „Ich als Russe“

Zuweilen – zugegeben: ganz selten – trifft man auf einen, dessen altg'vaterischer Hang zum Florett uns, die wir im Grunde gelernt haben, Wortgefechte mit der Mistgabel auszutragen, dann doch noch in Erstaunen setzen kann. Ja, mehr noch: Es auch tut. Kein Mensch ist – zum Beispiel – aktenkundig, der über Jakob M. Perschy je gelacht hätte. Viele allerdings, die über ihn und seine Geschichten geschmunzelt haben. Und jetzt einmal ehrlich: Was wäre über einen Autor Wesentlicheres noch zu sagen als „Ich habe in mich hineingeschmunzelt“?

„Am meisten beeindruckt aber hatten mich Anton Tschechow und Iwan Bunin, und somit hörte ich eines Tages auf, mich regelmäßig zu rasieren, und begann mein russisches Leben.“ So beginnt Perschy die für den Band titelgebende Geschichte, freilich nicht ohne zuvor festgehalten zu haben: „Obwohl meine erste Jugend damals bereits vorüber war, war ich in gewisser Hinsicht ein kindischer Mensch geblieben.“ Das ist er, zum Glück für ihn und seine Leser, auch heute noch.

„Alle lagen sie entweder ermattet da oder waren keine Russen.“ Unter all den schwermütigen Sätzen des Alexander Solschenizyn hat Perschy sich diesen zum Motto seiner „Ich als Russe“-Geschichte gewählt. Und das ist einigermaßen passend, helfen dem Jakob Michael bei seiner Verwandlung in Jakov Michailowitsch doch zahlreiche Freunde. „Die meisten von ihnen waren in unglückliche Liebeshändel verstrickt, und keiner von ihnen hatte etwas dagegen, fast allnächtlich vernachlässigte Schenken und heruntergewirtschaftete Kaffeehäuser aufzusuchen, um dort schwermütige Gespräche zu führen und nach der Sperrstunde sentimentale Lieder zu singen.“ Dass Jakob M. Perschy eine Art Großmeister der Kleinmeisterei ist, hat er schon mit seinem Roman „Der Gelsenkönig“ gezeigt. In „Ich als Russe“ führt er die leise, allem Schrillen abholde Form ein wenig ins Herzmanovsky-Orlandoische, wobei Perschys Skurrilitäten sich stets von jenem Alltag nähren, neben dem sie dann beinahe wieder wie Alltäglichkeiten aussehen. So seine Vorschläge zu einem Tourismuskonzept für die Neusiedler-See-Region. Perschy setzt weder auf Thermen, noch auf Golfplätze, sondern auf jene unheimlichen Vorkommnisse, die er zu britischen Gespenstergeschichten zu verdichten weiß. Da war zum Beispiel jener Mann, der seiner früh verwitweten Schwester einst das Wohnrecht verweigerte, worauf „die arme Frau“ ungeheuerlicherweise „schließlich sogar nach Mörbisch“ übersiedeln musste. „Der hartherzige Ruster aber erscheint seit seinem Tode Jahr für Jahr als Storch.“

Die gerechte Strafe kann noch grausamere Formen annehmen. Perschy weiß da von einer Podersdorferin – „Gisch oder Lentsch oder Steiner“ – , die fuhr jeden ersten Montag im Monat mit dem Autobus auf den Neusiedler Monatsmarkt. „Kaum in den Bus eingestiegen, begann sie jedes Mal sofort sich intensiv mit dem Fahrer zu unterhalten.“ Solches Verhalten erheischt Vergeltung, jetzt erscheint sie „als eben heruntergefallenes und nun zerrinnendes Eisstanitzel“. Perschys Humor ist leise, doch er hat eine sehr radikale Hinterfotzigkeit. Die er gar nicht verbergen will. Nicht umsonst stellt ihm Anton Tschechow das Motto fürs Buch: „Prinzipien, Altruismus, Schopenhauer … Das ist alles Unfug, will ich euch einmal sagen … (Seufzt)“.

(Ljubiša Tošic, Rezension im Standard vom 15. April 2006)


https://www.derstandard.at/story/2414064/grossmeister-der-kleinmeisterei


Uschi Pirker: Kurzgeschichtensammlung - subtil, ruhig und von exakter Beobachtungsgabe

Ein Burgenländer, der sich, inspiriert durch die Lektüre der russischen Literatur, als Russe fühlt, bis er sich nach drei Jahren doch der italienischen Literatur zuwendet, ist nur eines von vielen subtilen Szenarien in dem schmalen Bändchen aus der Bibliothek der Provinz. Die Kurzgeschichten sind thematisch völlig unterschiedlich, ihre Kraft liegt nicht in besonders aufregenden Handlungsszenarien, sondern in der ruhigen, teils karikierenden, stets genau beobachtenden Beschreibung von Menschen.

Ein empfehlenswertes Buch für Liebhaber von Kurzgeschichten, deren Stärke die exakte Beschreibung und nicht der Aufbau von Spannung ist.

(Uschi Pirker, Rezension in: bn.bibliotheksnachrichten)


http://www.biblio.at/rezonline/ajax.php?action=rezension&medid=28471&rezid=23074