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… Tout Vienne!

Gustav Orglmeister, 1861–1953 · Der letzte Wiener k.u.k. Hofbaumeister

Erika Sieder, Dieter Klein

ISBN: 978-3-901862-16-8
24 x 17 cm, 368 Seiten, zahlr. z.T. farb. Abb., Kt., Notenbeisp., Hardcover + 1 Beil.; Text dt., Zsfassungen in engl., franz., ital., poln., rumän., slowen. u. tschech. Sprache
€ 28,00
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Kurzbeschreibung

[Architektur der Provinz – Künstler um 1900 im Wechselgebiet ; 2.]

Unter Einbeziehung kulturhistorischer, sozialpolitischer, zeitgeschichtlicher sowie lokaler Aspekte versucht der zweite Band dieser Reihe, die Bedeutung eines im Bauwesen innovativen Mannes zu dokumentieren.
Den Anstoß zur Baubiographie des letzten Wiener k.u.k. Hofbaumeisters Gustav Orglmeister gaben Karl und Franz Rieß mit dem ersten Architekturband zum „Kulturerbe WeXel“.
Gustav Orglmeister war nie der Billigste und doch baute er für „tout Vienne“!
Ausgehend von privaten Aufzeichnungen über 73 Bauten erbrachte eine sechsjährige Recherche an die 200 Objekte in Österreich, Italien, Slowenien und Tschechien.



Rezensionen
Hans Werner Scheidl: Gustav Orglmeister, der letzte k.u.k Stadtbaumeister

Heute fast unbekannt, prägte der Architekt Wiens Stadtbild. Miethäuser, Bürogebäude, Warenhäuser – auch die Kaasgrabenkirche stammt von ihm.

Um 1900 war das niederösterreichische Wechselgebiet bevorzugtes Erholungsgebiet der wohlhabenden Urlauber aus den k.u.k. Kronländern. Nach dem 1. Weltkrieg blieben diese Gäste aus und bald wurden die zahlreichen jüdischen Villenbesitzer und Sommerfrischler in die Emigration gezwungen. Der sowjetischen Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg folgte das Wirtschaftswunder, welches die Reiselust nach weiteren Fernen weckte. Der Wechsel versank damit in einen Dornröschenschlaf.
Die Verbindung des aus Prag stammenden Architekten und Baumeisters Gustav Orglmeister mit dem Wechselgebiet beschränkt sich nicht nur auf den Bau einer Jugendstilvilla – aus Fertigteilen – in Molzegg bei Kirchberg am Wechsel für den Industriellen Wilhelm Schrantz. „Sein Urenkel Dietmar Orglmeister ist Pfarrer von Mönichkirchen“, erzählt Erika Sieder, eine Lokalforscherin, die sich schon 2005 mit ihrem Werk „Bürger – Bauer – Edelmann. Wien – Baden – Mariensee am Wechsel“ Meriten erwarb.
Jetzt hat sie sich dem umfangreichen Œuvre Gustav Orglmeisters gewidmet, des letzten großen Stadtbaumeisters der Monarchie. Ihre Recherchen in Italien, Österreich, Polen, Slowenien, Tschechien und der Ukraine erbrachten eine beeindruckende Materialfülle. Innovative Ideen, ausgeführt unter Nutzung modernster technischer Entwicklungen, waren das Markenzeichen seiner Bautätigkeit. Seiner Ausbildung in der Kunstgewerbeschule von Reichenberg (heute Liberec) und einem Praktikum im Atelier des Architekten Schumacher – mit welchem bereits die Architekten Rieß zusammengearbeitet hatten – folgte 1892 mit dem Jugendfreund Franz Kupka die Gründung der Baufirma „Kupka & Orglmeister“.

Die Kaasgrabenkirche
1908 wandte sich der Kompagnon dem Alpinismus zu, Orglmeister führte seine Firma bis in die Dreißigerjahre erfolgreich weiter. Sein Beitrag zum Flair Wiens ist heute noch zu sehen und zu spüren.
Auffällig war die Stilgebung der einzigen von dem Bauunternehmen errichteten Kirche (Kaasgrabenkirche, Wien XIX, Stefan-Esders-Platz). Gotische oder romanische Formen dominierten damals den Kirchenbau. In dem noch unverbauten Gebiet sollte mit einer barocken Einturmkirche die Assoziation an „Landkirchen aus früherer Zeit“ geweckt werden. Dem Stifter Stefan Esders (siehe unten) wurde damit aber auch ein ideelles Statussymbol verliehen. Heute zählt das Gotteshaus zu den beliebtesten Hochzeitskirchen der Stadt.
Die hufeisenförmige, „fließende“ Form der zur Kirche hinaufführenden Rampe verweist jedoch auf das Formempfinden der Zeit. Bei der Ausführung des Kirchenbaus kam die neueste Bautechnik in Beton und Eisenbeton zum Einsatz, wie die Firma überhaupt in technischer Hinsicht über die modernsten Methoden verfügte.
„Die Wocheinerbahn (Bohijnska Proga) ist mit der Brückenkonstruktion über den Isonzo Weltkulturerbe“, sagt Erika Sieder, „die Kaiserin-Elisabeth-Statue des Bildhauers Franz Seifert vor dem Triestiner Hauptbahnhof begrüßt heute wieder die Touristen, das Magazin Nr. 2a im Triestiner Hafen ist noch in Betrieb.“ Kaufhäuser, Fabriken, Spitäler, Villen und Mausoleen spiegeln die Vielfalt der Ideen und dokumentieren die Qualität seiner Bauten. Beeindruckend ist die Werkliste Orglmeisters mit ihrer Vielzahl an Wiener Mietshäusern. Er selbst geriet jedoch völlig in Vergessenheit.

(Hans Werner Scheidl, Rezension in der Presse vom 30. Juni 2012)


https://www.diepresse.com/1261068/gustav-orglmeister-der-letzte-kuk-stadtbaumeister


lmv: [Rezension zu: Erika Sieder/Dieter Klein, „… Tout Vienne!“]

Das Wechselgebiet war zur anderen Jahrhundertwende eine bevorzugte Sommerfrischegegend von wohlhabenden Bürgern aus den k.u.k. Kronländern. Nach dem 1. Weltkrieg blieben die Gäste aus, die zahlreichen jüdischen Villenbesitzer wurden zur Emigration gezwungen. Um das Wechselgebiet hat sich die Historikerin Erika Sieder schon mit ihrem Werk »Bürger – Bauer – Edelmann. Wien – Baden – Mariensee am Wechsel« (2005) verdient gemacht. Nun legt sie [… mit »›… tout Vienne!‹ Gustav Orglmeister 1861–1953« ein Buch über Gustav Orglmeister, den letzten k.u.k. Stadtbaumeister, vor. Der aus Prag stammende Architekt hat für den Industriellen Wilhelm Schrantz im Wechselgebiet eine Jugendstilvilla errichtet – aus Fertigteilen!
Erika Sieders Buch besticht durch eine »beeindruckende Materialfülle«. Sie hat Recherchen in Italien, Österreich, Polen, Slowenien, Tschechien und der Ukraine durchgeführt. »Die Wocheinerbahn (Bohijnska Proga) ist mit der Brückenkonstruktion über den Isonzo Weltkulturerbe«, sagt Erika Sieder. In Wien ist von Orglmeisters Bauten am bekanntesten die Kaasgrabenkirche, errichtet mit der neuesten Bautechnik aus (Eisen-)Beton. »Kaufhäuser, Fabriken, Spitäler, Villen und Mausoleen spiegeln die Vielfalt der Ideen und dokumentieren die Qualität seiner Bauten.«

(lmv, Rezension im Wiener Kaffeehaus Feuilleton vom 30. Juni 2012)


https://www.bmeia.gv.at/oesterreich-bibliotheken/kaffeehaus-feuilleton/detail/article/gustav-orglmeister-der-letzte-kuk-stadtbaumeister/


Gregor Auenhammer: Wiener Wunder

Im Jahr 1876 gab es neun staatliche Gewerbeschulen außerhalb von Wien: in Salzburg, Graz, Prag, Pilsen, Reichenberg, Brünn, Krakau und Czernowitz. An der Spitze dieses Netzwerks von Schulen aber stand die „Kunstgewerbeschule des k. u. k. Museums für Kunst und Industrie“ in Wien. „Um 1900 waren es in der österreichischen Reichshälfte bereits mehr als 200“, notierte Franz Ritter von Haymerle im Zentralblatt für Unterrichtswesen. Zu den großen Protagonisten der Wiener Baukunst zählte Gustav Orglmeister (1861–1953). Als „letzter Wiener k. u. k. Hofbaumeister“ ging er in die Geschichte ein. Er war nie der Billigste, dennoch baute er für … tout Vienne!, wie Kulturhistorikerin Erika Sieder eindrucksvoll in ihrer Monografie belegt. Allein das Werkverzeichnis der Bauten in Wien umfasst acht kleinbedruckte Seiten, das der Bauten in den Kronländern weitere zwei. Gemeinsam mit Dieter Klein gelingt es Erika Sieder, die Bedeutung eines heute weitgehend in Vergessenheit Geratenen zu dokumentieren. Unter Einbeziehung kulturhistorischer, sozialpolitischer sowie zeitgeschichtlicher Aspekte zeigen die Autoren einerseits, was seinerzeit erschaffen, gebaut wurde, andererseits, wie viel auch heute noch erhalten ist und welch Reichtum bis heute das Stadtbild prägt. Zahlreiche klassische Gründerzeitbauten gehen auf den umtriebigen Baumeister zurück. Das Theater in der Josefstadt zählt zu seinem Vermächtnis, ebenso das Hotel Ambassador, Concordiahof, Tuchlaubenhof, Villa Stein, Villa Krebs, Villa Withalm, zahlreiche Pavillons, ganze Straßenfluchten an Wohnhäusern innerhalb des Gürtels. Grandios recherchiert, detailverliebt, exakt beschrieben. Gigantisch ergießt sich heute Orglmeisters Œuvre über Wien.

(Gregor Auenhammer, Rezension im Standard-Album vom 23. Oktober 2021, S. A7)