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Kurzbeschreibung

Jeden Morgen bringt mich meine Mama in den Kindergarten.
Jeden Morgen gehen wir denselben Weg.
Jeden Morgen haben wir es eilig.
Jeden Morgen sehe ich denselben Mann – aber nur von hinten.

Der Mann trägt eine Mütze und eine graue Weste.
Er verkauft Zeitungen.



In den 60er und 70er Jahren habe ich tatsächlich gemeint, dass auch Bücher dazu beitragen könnten, die Welt zu verändern. Heute bin ich wesentlich pessimistischer. Vielleicht kann Sensibilität geschärft werden, vielleicht kann das Auge geschult werden, vielleicht kann Neugierde auf Andere / Anderes geweckt werden, vielleicht kann ein prekäres Thema ins Blickfeld gerückt werden – aber die Welt verändern können Bücher nicht.


Rezensionen
Marianne Fischer: Angelika Kaufmann übersetzt Worte in Bilder

[Kärntnerin des Tages] | Angelika Kaufmann (83) hat mit ihren Illustrationen Klassiker der Kinderbuchliteratur wie „Der Apfelbaum“ und „Dann rufen alle Hoppelpopp“ geschaffen. Nun hat sie ein neues Buch geschrieben.

Ein alter Apfelbaum, der viele Tiere bei sich wohnen lässt, auch wenn es den anderen Bäumen nicht so recht passt. Im Winter aber hat er es dank seiner Freunde wunderbar kuschelig und warm. – Eine Familie mit fünf Hasenkindern, die den ganzen Tag miteinander spielen und toben – bis ein alter Hase sie zu Wettbewerben herausfordert, um festzustellen, wer der Klügste oder der Schnellste ist. Am Ende lernen die Kinder: Am stärksten ist man gemeinsam. – Oder eine Katze, die nach einem Hochwasser allen Tieren Platz auf ihrem im Wasser treibenden Baum bietet – sogar dem gefährlichen Fuchs.

„Der Apfelbaum“, „Dann rufen alle Hoppelpopp“ und „Komm, sagte die Katze“ sind nur drei von über 50 Kinderbüchern, die Angelika Kaufmann illustriert hat. Die gebürtige Villacherin hat viele Jahre lang mit Mira Lobe zusammengearbeitet, gemeinsam hat man Klassiker geschaffen, die Generationen von Eltern ihren Kindern vorgelesen haben – und immer noch vorlesen. Aber Angelika Kaufmann hat auch selbst Kinderbücher geschrieben, das Neueste „Und wer bist du?“ über einen Zeitungsverkäufer hat sie gestern zum Abschluss des Kinderliteraturfestivals „Lesestadt“ in Villach präsentiert.

Dort wurde Angelika Kaufmann im Jahr 1935 geboren, dort hat sie auf einem Bauernhof in St. Ruprecht eine behütete Kindheit genossen, aus der sie für ihre Zeichnungen schöpft: „Ich erinnere mich gerne an meine eigene Kindheit, die umsorgt war. Die wenigen bebilderten Bücher, die ich damals besaß, habe ich geliebt und geschätzt“, erzählt sie.

Weniger gute Erinnerungen hat sie an ihre Zeit in der Frauenberufsschule, die sie nur deshalb aufsuchte, „weil dort die meisten Zeichenstunden am Lehrplan standen. Die Schule war aber sehr streng“, so Kaufmann. Aber immerhin hatte sie dort einen „ganz wunderbaren“ Zeichenlehrer, der die Eltern überredete, die Tochter nach Wien zu schicken. An der Hochschule für angewandte Kunst studierte sie Gebrauchs- und Illustrationsgraphik. Schon damals wollte sie ein erstes Kinderbuch herausbringen, aber „die Zeichnungen waren allen Verlagen viel zu wenig bunt“, erinnert sich die 83-Jährige.


Zusammenarbeit mit Mira Lobe

Zehn Jahre sollte es dauern, bis schließlich „Das einsame Schaf“ erschien: „Ab da ging es leichter“, erzählt sie. Wo genau sie Mira Lobe kennengelernt hat, weiß die in Wien lebende Künstlerin gar nicht mehr so genau: „Aber sie hat mich gefragt, ob wir gemeinsam etwas machen könnten. Die Arbeit mit ihr war sehr partnerschaftlich, wir haben uns oft getroffen und ausgetauscht“, so Kaufmann, die aber auch mit Felix Mitterer („Superhenne Hanna gibt nicht auf“), Käthe Recheis („Schwesterchen Rabe“) oder Friederike Mayröcker („Sneke“) gearbeitet hat. Letztere lernte Kaufmann über ihren Mann, einen Zahnarzt, kennen: „Sie war seine Patientin und hat uns zu einer Lesung eingeladen“, erinnert sie sich.

„Illustrieren“, sagt Angelika Kaufmann, „ist wie Übersetzen, nur in dem Fall von Text in Bildsprache.“ Kaufmann hat sich aber nicht nur als Illustratorin, sondern auch als Künstlerin einen Namen gemacht. Ihre Druckgraphiken und Installationen – darunter Buchobjekte aus selbstgeschöpftem Papier oder Rauminstallationen mit 200 Meter langen, beschrifteten und bemalten Stoffbahnen – hat sie in Österreich, aber auch im Ausland bis China und Japan gezeigt. Auch ihre ungewöhnliche Frisur ist an eine Arbeit von ihr angelehnt, und zwar an eine Installation aus Registrierkassenpapier, auf der sie schwarze Farbe vom Pinsel abgetupft hat.


Villacher Kulturpreis

Nach Kärnten kommt Angelika Kaufmann nicht mehr so häufig, ihre Sommer verbringt sie in ihrem Häuschen im Waldviertel, das sie mit ihrem verstorbenen Mann gekauft hat. Nur zuletzt hat sie die Zugfahrt in den Süden mehrmals auf sich genommen. Schließlich wurde sie im Herbst mit dem Villacher Kulturpreis ausgezeichnet („eine unerwartete Ehre, über die ich mich sehr gefreut habe!“) und war in der gestern zu Ende gegangenen „Lesestadt“ mit mehreren Arbeiten und Büchern vertreten.

Einst hat einer ihrer jungen Leser sie gefragt, ob sie jedes einzelne Buch selbst zeichnen würde: „Diese Vorstellung fand ich hinreißend. Ich habe ihm dann erklärt, dass ich die Zeichnungen für ein Buch mache und das wird dann nachgedruckt.“ Diese Macht der kindlichen Phantasie, die hat sich auch Angelika Kaufmann erhalten. Und deshalb glaubt sie fest daran, dass Bücher wichtig sind – auch im Zeitalter von Smartphone & Co. Und dafür sind Generationen von Kindern dankbar.



Zur Person

Angelika Kaufmann, geb. 1935 in St. Ruprecht bei Villach. Illustratorin von Kinderbüchern. Ausgezeichnet u. a. mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Kinder- und Jugendliteratur.


(Marianne Fischer, Rezension in der Kleinen Zeitung vom 13. Februar 2019)


Andrea Kirchmeier: Angelika Kaufmann, „Und wer bist du?“

„Jeden Morgen steht er da – immer an der gleichen Stelle – immer mit dem Rücken zur Straße. Bei jedem Wetter, bei jeder Jahreszeit.“ Trotz der alltäglichen Eile auf dem Weg zum Kindergarten entfacht sich die Neugierde des Kindes an diesem unbekannten Zeitungsverkäufer. Wie mag er wohl von vorne aussehen? Die Fantasie des Kindes begibt sich auf die Suche nach Antwortmöglichkeiten.

Eines Tages spricht das Kind ihn schließlich an, den Michai aus dem fremden Land am Schwarzen Meer. Ein schwarzes Meer!? Anfängliche Skepsis wandelt sich in beherzten Wagemut und optimistischen Tatendrang. Eine neue Erfahrung bahnt sich an: Es ist die Sehnsucht zur eigenen Zukunft hin, die Bereitschaft, neue Seiten im Leben aufzuschlagen, ferne Ufer zu erkunden und sich der Weite der Welt in grenzenloser Offenheit und kühner Erwartung anzuvertrauen.

Das neue Kinderbuch der aus Villach stammenden freischaffenden Künstlerin, Illustratorin und Autorin Angelika Kaufmann ist ein stilles und humorvolles Buch, das Seite um Seite eintauchen lässt in die wundersame kindliche Vorstellungswelt. Mit seinem einfachen, prägnanten Text und den liebevollen Bildern öffnet es Raum zum Reden, Erzählen, Nachdenken und Träumen und nähert sich dabei behutsam einem der aktuellsten Themen unserer Zeit an: Es ist der Mensch und Mitbürger aus der Fremde, der die Aufmerksamkeit des Kindes erregt, es in Beziehung mit dem Andersartigen treten lässt.

Die anfangs farbige Zurückhaltung der feingliedrigen Federzeichnungen auf Grau- und Brauntöne mündet in ein umso großzügigeres, durch Aquarell- und Collagetechnik gesteigertes Farbenspiel an jener Stelle der Erzählung, wo die tägliche Routine durchbrochen wird und sich für das Kind erstmals die große unbekannte Welt zu entfalten beginnt. Auf die üppige Verheißung folgt mit der abschließenden Illustration der Mut der nihilistischen Leere – ein einsames Segelschiffchen gleitet am sparsam in blau gesetzten Horizont über das endlose Weiß des Papiers hinweg. Eine Aufforderung an die Lesenden und Betrachtenden, das Bild vom eigenen Lebensschiffchen in Gedanken und Taten weiter zu malen. (…)

(Andrea Kirchmeir, Rezension in DIE BRÜCKE. Kärntens Kulturzeitschrift Nr. 11 | Brückengeneration 5 | Feber · März 2019, S. 57)