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Kurzbeschreibung

[Erläutert u. hrsg. von Mara Kraus]


Joe J. Heydecker wurde durch seine Fotos des Warschauer Gettos und sein Buch über den Nürnberger Prozess bekannt. Als er mit 16 Jahren während seiner Fotografenausbildung sein erstes Buch schrieb, wurde ihm klar, dass er eigentlich Schriftsteller werden wollte. Zeit seines Lebens verfasste er Reiseberichte, Tagebücher, Notizen und Bücher. Die genauen Beschreibungen von Menschen und Landschaft lassen das Auge des Fotografen erkennen, während der geschulte Journalist und kritische Zeitzeuge präzise Skizzen der kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anfertigt. Manche Tagebucheintragungen, wie etwa die Schilderung des Friedhofs Staglieno in Genua ist ein für sich selbst stehendes Essay. Nach Aufzeichnungen über die Kriegs- und Nachkriegszeit und die Emigration nach Brasilien taucht Heydecker im Alter – nicht ohne Wehmut – weit zurück in seine Kindheit und Jugend.



»Du solltest nach meinem Tod über mich schreiben«, meinte einmal Joe. Meine Antwort war nur ein lautes Lachen. Wahrscheinlich dachte er, ich lache ihn aus, nie wieder sprach er darüber. Ich hatte aber über mich selbst gelacht, über den Gedanken, überhaupt imstande zu sein, so etwas zu tun.
Menschen werden rasch vergessen. Nach so vielen Jahren gebe ich die autobiografischen Schriften des deutschen Fotografen, Schriftstellers, Sachbuchautors und Journalisten Julius Isaak Phillip Heydecker, bekannt als Joe J. Heydecker, heraus und füge ihnen Anmerkungen über sein Leben hinzu.
Heydecker war, abgesehen von seinem erlernten Fotografenberuf und einer kurzen grafischen Ausbildung, in allen anderen Tätigkeiten ein Autodidakt. Er bezeichnete sich gerne als »Homo ludens«, also als Dilettanten im besten Sinne des Wortes: ein Amateur, doch mit höchsten Ansprüchen an sich selbst. Er ist ein Beispiel, was man alles in seinem Dasein leisten kann; unabhängig, selbstbestimmt und mutig nach eigenen Überzeugungen zu leben.
Seit frühester Jugend hat Heydecker seinen Tagesablauf in Notizbüchern und Kalendern festgehalten. Später schrieb er Tagebücher. Zwei Jahre vor seinem Tod, er war damals 79, nahm er die Niederschrift seiner Memoiren wieder auf. Sie reichen nur bis zu seinem 18. Lebensjahr.
Allerdings gibt es zahlreiche belegte Fakten aus späteren Jahren: das Tagebuch seiner Emigration nach Brasilien sowie sein Genealogisches Familien-Arbeitsbuch, in dem er eine durchaus selbstironische Rolle spielt, und die Erinnerungen in »Mein Krieg«. Zusammengenommen ergeben diese Fragmente ein spannendes Dokument seines Lebens. Ich habe es für den vorliegenden Band dank meiner persönlichen Vertrautheit mit Joe Heydecker ergänzt und kommentiert.
Eines Tages wurde Joe Heydecker von einem jüdischen Verleger gefragt, ob er auch Jude sei. Ohne lange zu überlegen, antwortete er: »Nobody is perfect.«
Soweit eines seiner zahlreichen Bonmots.
Heydeckers Einstellung zum Leben war tief pessimistisch und seine Devise: Haltung, Gelassenheit, entspannte Gewissenhaftigkeit. Das Wesentliche im Sinn behalten, Selbstironie und Humor, das waren seine Waffen gegen das Verzagen am Leben. Gerne zitierte er ein eigenes oder fremdes Bonmot. Mit sarkastischem Witz kommentierte er Tagesthemen.
Ein Satz über seinen Großvater Julius Heydecker in seinem Familienbuch könnte sich auch auf Joe Heydecker selbst beziehen: »Er besaß weltmännischen Charme, natürliche Autorität und gelassene Heiterkeit.«

(Mara Kraus im Vorwort)