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Kurzbeschreibung

[artedition | Verlag Bibliothek der Provinz
Dieser Katalog erscheint anlässlich der Ausstellung »2 CAPTAINS – 1 MISSION. LENA GÖBEL & MARIA MOSER« im Museum Angerlehner von 24. Feber bis 22. September 2019.
Herausgeberinnen: Lena Göbel, Maria Moser.
Autoren: Björn Engholm, Günther Oberhollenzer, Florian Steininger.]


Erstmals sind Holzschnitte von Lena Göbel und Malereien von Maria Moser gemeinsam in einer Ausstellung zu sehen. Beide Künstlerinnen beherrschen ihre Techniken herausragend, verstehen mit Druckstock und Malmaterial umzugehen und haben zu einer Handschrift gefunden, die unverwechselbar und authentisch erscheint.


(…) Über die Werke der beiden ist eben ausreichend gesprochen worden. Ich mache dazu noch zwei Bemerkungen: Bei Maria Moser ist es die absolute Unbeirrbarkeit, mit der sie diesem Urmaterial Eisen verbunden geblieben ist. Aufgewachsen in der elterlichen Schmiede, haben die Sonderheiten dieses Schmiedebetriebes und des Materials Eisen, die sinnlichen Sonderheiten dieser Prozesse, die dort abliefen, ihre Bildästhetik nachhaltig geprägt und das hat sie bis heute konsequent durchgehalten. Ihre Bilder sind bei aller Auflösung des Gegenstandes Eisen unverkennbar diesem Mineral gewidmet, seiner Rohheit, seiner Kraft, der Archaik, insbesondere den Farbvariationen im Bearbeitungsprozess. Irdene über zart rötliche, dramatisch explosiv rote, violette, bläuliche bis rostbräunliche Töne kennzeichnen die Bilder. Es ist eine nie endende, trotz aller Expressivität, zutiefst impressive Hommage an das Material Eisen.

Lena Göbel fasziniert mich durch ihre Arbeit in einem Metier, das wir zwar in der zeitgenössischen Kunst hier und da finden, aber doch eher selten: den Holzschnitt.

Und ich finde, dass ihre Werke anknüpfen an die große Tradition der europäischen Holzschneiderei. Man erinnert sich, wenn man vor den Arbeiten steht, an Dürer, an Baldung, an Kranach den Älteren, aber auch an die Expressionisten später, wie Heckel, Kirchner, Pechstein, Munch und andere. Vor allem aber scheinen sie mir eine zeitgenössische Fortführung der großen Tradition der Wiener Moderne zu sein. Wenn man sich erinnert an die Großen jener Periode, Koloman Moser, Carl Moll, Emil Orlik, Marie Uchatius oder insbesondere auch Ludwig Heinrich Jungnickel, der eine wunderbare Figur gemacht hat. Sozusagen eine Grille, rauchend, einen Wiener Dandy darstellend. Dann würde ich sagen, ist Lena Göbel wirklich Bestandteil in zeitgenössischer Form dieser bedeutenden Tradition. Und wenn Sie sich ihre Arbeiten ansehen und vergleichen mit anderen zeitgenössischen großen Holzschnitten, etwa Baselitz oder Penck oder neuerlich auch Jonathan Meese, dann würde ich sagen, sie steht auch in dieser Gruppe völlig gleich bedeutend mit ihrer Kraft und ihrer Schöpfungsfähigkeit.

Das zweite, das mich bewegt und beeindruckt, ist die teils bewusste, teils wahrscheinlich auch unbewusste tiefe Verankerung beider Arbeiten, beider Malerinnen in der Mythologie. Und da Mythen immer auch erzählerisch oder bildhaft zur Weltaufklärung, zur Welterfahrung, zur Welt-Sinnstiftung und Identität beitragen und wahrscheinlich bis heute subkutan immer noch beitragen, berühren die Bilder von Maria Moser und die Holzschnitte von Lena Göbel Bereiche jenseits unserer Ratio. Das heißt, sie erreichen Gefühle und vielleicht sogar etwas, das noch darunter liegt und haben dadurch eine ganz besonders nachhaltige Form der Anmutung.

Das Eisen, Maria Mosers Bildelement, findet seinen Platz in der griechischen Mythologie. Wer sich erinnert an die Schule Ovid – wir haben ihn gehasst, weil wir das nicht übersetzen konnten, was er da zusammengeschrieben hat. Aber Ovid hat die Einteilung der Zeitalter vorgenommen: in Goldenes, Silbernes, Bronzenes und Eisernes. Und wir wissen, dass das Eiserne Zeitalter einen Endpunkt markiert, es markiert sozusagen den endgültigen Moralverlust der Menschheit. Bei Ovid wird das etwas nüchterner ausgedrückt. Ovid nennt das Eiserne Zeitalter den Beginn einer tiefgreifenden technisch-wirtschaftlichen Veränderung. Er beschreibt den Schiffbau. Im Goldenen Zeitalter waren die Bäume noch auf den Bergen, im Eisernen Zeitalter waren die Bäume alle von den Bergen genommen. Ein Zeichen dafür, dass Schiffbau ganze Gegenden verkarstet hat. Er beschreibt den Bergbau, Metallbeschaffung für Waffen. Er beschreibt Landvermessung im Eisernen Zeitalter, das Ende des Allgemeineigentums in Gesellschaften. Und im Biblischen – bei Jesaja wie wir wissen – kommt die Janusköpfigkeit des Eisens zum Tragen: Schwerter oder Pflugscharen. Es kommt darauf an, was der Menschen Weisheit oder Dummheit daraus macht. Also Anfang und Ende, Werden und Vergehen, Friede und Kampf. In Maria Mosers Bildern ist alles enthalten, gleichsam das ganze Leben: materie in spiritu.

Bei Lena Göbel sind es die anthropo-zoomorphen Figuren, die teils drohend, düster, archaisch, mal verwirrend schön und prächtig daherkommen, immer mit einem Augenzwinkern, einer guten Portion Ironie hinterlegt. Sie spielt mit den Mythen in unserem Unterbewusstsein. Und wir erinnern uns, wenn wir die Bilder betrachten, etwa an die Chimäre. Die Chimära oder ihre Schwester Hydra. Wir erinnern uns an Sphynx, Zentaur, Pegasus, den Minotaurus oder den Faun. Und mit denen verbindet sich mancherlei. Es verbindet sich damit Angst und Sehnsucht, Mut und Unbeherrschtheit, Lüsternheit, Demut, Dummheit bis hin zu olympischer Weisheit. Die ganze Spanne von Urängsten, von Destruktion bis Konstruktion. Vielerlei von dem, was in diesen Bildern subkutan angelegt ist, finden wir bei genauem Hinschauen in unseren heutigen Gesellschaften. Die Unbeherrschtheit der Mächtigen, ihre Gier. Das Tierische im Menschen, Wölfe im Schafspelz. Das Böse in der scheinbar wunderbar friedlichen, kleinen Idylle. Und dazwischen immer wieder neue Horizonte. Es setzt sich hier und da wieder Gutes durch, weise Ideen schaffen Raum für humane Zukünfte. Dies alles untergründig in Bildkunst eingefangen, wie es die beiden Künstlerinnen getan haben, dabei mit einer absolut unverwechselbaren Handschrift in einer überzeugenden Präsentation in diesem Hause zugleich, das ist eine Augenweide.

Warum die beiden Damen »two captains« heißen, hab ich mich lange gefragt. Das ist ein schöner Griff, aber zwei Captains, normalerweise sind unsere Kapitäne – unsere Führungspersonen – auch heute immer noch Männer. Wenn man noch einmal in die Mythologie geht, dann gab es Harpyien. Ich weiß nicht, wer sich daran erinnert. Der eine Dichter hat die Harpyien beschrieben als ziemlich garstig und ziemlich böse. Der andere, Hesiod, hat gesagt, es waren glanzvolle Frauen, schwarz mit Locken, schön anzuschauen. Und er hat sie genannt Sturm-, Winde- oder Windsbräute. Also ich würde an die Stelle von »Two Captains« als kleine Unterschrift setzen: »the two whirlwinds« – die Wirbelwindesturmbräute.

(…) Bilder wie die von Maria Moser und Lena Göbel machen Lust auf ein solch kultiviertes und kulturvolles Europa. Ein Europa, das sich über seine Ästhetik definiert und nicht nur, wie heute üblich, permanent die Uneinigkeit fortführt. Also in diesem Sinne: Respekt dem Hausherrn, Erfolg den beiden Künstlerinnen und Ihnen allen ein anregendes Seherlebnis!

(Björn Engholm in der Eröffnungsrede zur Ausstellung »2 CAPTAINS – 1 MISSION. LENA GÖBEL & MARIA MOSER« im Museum Angerlehner)