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Kurzbeschreibung

[Texte: Peter Chrastek, Matthias Boeckl, Roland Widder]

DIE SAMMLUNG CHRASTEK
Ein Werk von jedem Hagenbündler

(…) Schon in jungen Jahren kam Peter Chrastek durch regelmäßige Besuche der Wiener Museen zur Kunst und konnte, entgegen der familiär vorgezeichneten Laufbahn des Herrenschneiders, einen Lebensentwurf für sich realisieren, der besser seinen Vorstellungen entsprach. Bereits 1970, noch bevor die ersten Ausstellungen in Wien 1975 und in Halbturn 1983 stattfanden, hatte Peter Chrastek den Hagenbund als Interessensgebiet entdeckt und wurde darin zum Pionier der Forschung. Sein Ziel war es, von jedem Mitglied des Hagenbundes zumindest ein Objekt in seiner Sammlung zu haben.

Als eine der wichtigsten österreichischen Künstlervereinigungen bestand der Hagenbund von der Jahrhundertwende bis zu seiner Auflösung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1938. Etliche der Künstler, die im Hagenbund frühe Mitglieder waren, unterschieden sich in ihrer Kunst deutlich von den jüngeren, avantgardistisch gestimmten Mitgliedern, die erst nach dem Ersten Weltkrieg der Vereinigung beitraten. Nicht mehr der nachklingende Impressionismus und der Jugendstil, sondern ein starkfarbiger Expressionismus mit Bezügen zu den internationalen Strömungen des Kubismus und der Neuen Sachlichkeit war der vorherrschende Stil der Gemeinschaft nach 1918.

Bedingt durch die Vielzahl an Mitgliedern und die Heterogenität der Gruppierung bedeutete dies für Peter Chrastek, sich nicht nur auf einige wenige Maler oder auf einige Spitzenwerke zu beschränken, sondern die Vielfalt der Vereinigung abzubilden. Neben den vielen sehr guten und repräsentativen Werken mag das eine oder andere Stück aus der vorliegenden Sammlung weniger bedeutsam erscheinen, für einen Sammler, dessen Maxime jedoch die Vollständigkeit ist, war es zu Dokumentationszwecken ebenso wichtig wie kostbar.

In einer Zeit vor der Verfügbarkeit von Suchmaschinen und Datenbanken waren die Recherchen unseres Sammlers naturgemäß anders geartet und auf mündliche Quellen, Archive und persönliche Weitervermittlung angewiesen. Zu Beginn von Peter Chrasteks Sammlertätigkeit lebten noch etliche der jüngeren Hagenbündler und wurden zu ersten Anlaufstellen. Meist dauerten seine Nachforschungen jahrelang und bedeuteten umfassende Pflege und Aufrechterhaltung von Kontakten. Dies führte zu vielen persönlichen Begegnungen mit Künstlern und deren Nachfahren, die ihn in seiner Leidenschaft motivierten und bestärkten.

Mein ersten Zusammentreffen mit Peter Chrastek fand 2002 im Bezirksmuseum Penzing statt. Ich hatte bereits einige Jahre zuvor seine Hagenbundausstellung im Waldviertel besucht und war neugierig auf den Mann, der mehr über den Hagenbund wusste als die meisten anderen. Die Ausstellung über den Maler Hans Bren fand im kleinen Rahmen statt und kommunikativ und leutselig wie Peter Chrastek ist, kamen wir schnell ins Gespräch. Bei weiteren Treffen stellte sich bald eine freundschaftliche wie auch vertrauensvolle Beziehung ein. Durch seine Unterstützung intensivierten sich meine Kontakte zu den Verwaltern der Nachlässe von Georg Ehrlich, Theodor Alescha und Karl Hauk, über die ich schließlich Ausstellungen und Publikationen machte. Im Gegenzug half ich Peter Chrastek mit Leihgaben für seine Ausstellungen und konnte ihm hie und da Bilder für seine Sammlung vermitteln. Mit großem Interesse verfolgte ich sein Engagement bei Ausstellungsprojekten und Publikationen und freute mich mit ihm, wenn er wieder einmal ein Werk eines mir unbekannten Hagenbündlers aufgetrieben und seiner Sammlung einverleibt hatte. Großes Talent entfaltete Peter Chrastek auch bei Tausch geschäften mit befreundeten Sammlern. Er wusste ganz genau, welchen Maler der eine oder andere Sammlerfreund begehrte und konnte durch seine vielfältigsten Kontakte immer wieder Stücke an Land ziehen, durch deren Weitertausch er schließlich zu den eigentlichen Objekten seiner Begierde kam. Gelegentlich wurde auch ich in diesen Tauschhandel einbezogen und mitunter kamen Bilder, die ich an Peter Chrastek weitergereicht hatte, von anderer Stelle wieder zu mir retour.

Als Lager all seiner Bilder und Grafiken, Skulpturen und Keramiken, Bücher und Materialien fungierte ein im Souterrain seines Hauses gelegener Raum, den der Sammler zur Schatzkammer umgewandelt hatte. Hier stapelten sich, wie in Aladins Wunderkammer, dicht an dicht in Grafik schränken und Regalen aneinander geschlichtet, jene Schätze, die Peter Chrastek in 50jähriger Sammeltätigkeit zusammengetragen hatte. Auf engstem Raum hatte er liebevoll die Glanzstücke seiner Sammlung gehängt, Skulpturen und Keramiken auf Regalen positioniert und achtsam die Bilder in Regale geordnet.

Etliche Male hatte ich die Ehre, seine Sammlung zu bestaunen und mit jedem Bild, das der Sammler aus seiner Höhle hervorzog, wusste er auch eine Geschichte oder Anekdote zu berichten. Als mir Peter Chrastek schließlich 2018 eröffnete, dass seine Sammlung so gut wie abgeschlossen wäre und er sich entschlossen hätte, diese in gute Hände weiterzureichen, bot ich mich ohne Zögern als Käufer für die 2.000 Kunstwerke umfassende Sammlung an. Mein Vorschlag, seine Sammlung zu publizieren, war Peter Chrastek eine große Freude und versüßte ihm den Abschied von seiner Kollektion. Es war ein durchaus kräfteraubendes wie emotionales Unterfangen, all jene Kunstwerkeaus ihrem langjährigen Versteck herauszuholen, in meine Galerie zu bringen, zu inventarisieren und eine Auswahl für diese Zusammenstellung zu treffen. Peter Chrastek begleitete diesen Prozess verständlicherweise etwas melancholisch, aber dennoch mit dem für ihn so typischen Humor. (…)

(Roland Widder)