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Kurzbeschreibung

[Mit Beiträgen von Liselotte Höhs, Loek Huisman, Andreas Neufert, Frederike und Karl Schwarzer & Gerhard Tötschinger.]
[artedition | Verlag Bibliothek der Provinz]

»HILFE AUF VENEZIANISCH« – Für Hilda Uccusic

Dass Manfred M. eine heimliche Sympathie für titanische Untergänge hegte, erfuhr ich bereits kurz nach meiner ersten Begegnung mit dem Zauber Venedigs irgendwann in den frühen 1980er Jahren. Eigentlich wollten Joachim P., ein Studienkollege, und ich einen von Joachims neuen Freunden, jenen Manfred eben, in Venedig besuchen. Es ergab sich aber, dass die Mutter Manfreds, eine allseits bekannte österreichische Malerin, bei der er damals noch lebte, an diesen Tagen Besuch von einem deutschen Professor hatte.

Und so bekamen wir beim Ankündigungsanruf von Padua aus die überraschende Anweisung, einstweilen, statt nach Venedig hereinzufahren, in den Lokalzug nach Asolo umzusteigen, wo uns Manfred kurz darauf in drückender Julihitze bereits um Bahnsteig aufgeregt abfing. Ziel war das versteckte Landhaus der Mutter, das zu Fuß mittels einer Abkürzung knapp vorbei an einer der schon von Ferne sublim daliegenden palladianischen Villen der Gegend erreicht werden sollte. Veranschlagt waren für die Wanderung durch den Wald eine Stunde Fußmarsch, die, ohne dass wir es wirklich merkten, zu sieben Stunden transmutieren sollten. Manfred, der den Schlüssel bei einem, wie er immer wieder sagte, verrückten Bauern abholen musste, der ab und an während der langen Abwesenheiten nach dem Haus zu sehen hatte, wollte sich der Weg erst nach langem, zeitweise völlig orientierungslosem Herumirren im Wald erschließen, und so erreichten wir dann durchnässt das einsam und verlassen aussehende Anwesen, denn die unwillkürliche Wanderung hatte uns zudem mit den ungewöhnlich schnell hereinbrechenden Wolkenbrüchen bekannt gemacht, die, wie Manfred immer wieder sagte, mehr unüblich für diese Gegend und Jahreszeit seien. Nach einem freudvollen Wochenende des Kennenlernens und Umherstreifend durch die schöne Kleinstadt Asolo durften wir schließlich doch noch ins, gleichsam exil-zisleithanische Herz der Seremssima, sprich das wundervolle Refugium von Liselotte, der Mutter, deren Haus, Garten und Atelier über die Jahre eine An kulturelles Konsulat Wiens geworden war, in dem man, wie zufällig, immer wieder altösterreichische Persönlichkeiten antraf, etwa Gregor von Rezzori, der plötzlich in einem Sessel saß und mir murmelnd Ann-Marie Deschott, die zweite Frau Louis Malles, vorstellte.

Man darf mit Fug und Recht behaupten, dass in L. Atelierhaus die Quintessenz beider, der Wiener und der venezianischen Lebenskultur in jedem der vielen wundervollen Gegenstände regelrecht atmete, die es innen und im Garten mit seinen Lauben auf sich versammelte. Unmittelbar nach unserer Ankunft wurde, wie um uns laute Gesellschaft bald wieder loszuwerden, eine Ausfahrt mit der leicht motorisierten, familieneigenen Barkasse auf die Giudecca organisiert. Für mich völlig überraschend nahte das Redentore, ein Fest für die Bevölkerung des gesamten Veneto mit opulenten Nachtmahlen und einem enormen, einstündigen Feuerwerk zu Mitternacht am Bacino zwischen Dogenpalast und der Isola di San Giorgio. Es war ein Fest, das seit Urzeiten zu Ehren des Erlösers und zum Gedenken an das Verschwinden der Pest ausgerichtet wurde, die 1576 ein Viertel der Gesamtbevölkerung Venedigs dahingerafft hatte und die dann tatsächlich, auf mysteriöse Weise ursächlich verbunden, kurz nach der Grundsteinlegung und während der ersten Bauphase der von Palladio entworfenen, gleichnamigen Kirche im Sommer des darauffolgenden Jahres aus der Stadt verschwand. Wir stiegen zusammen mit dem Professor und Liselotte, die elegant gekleidet war und zudem eine große, sorgsam in Papier eingewickelte Sahnetorte in der Hand trug, laut scherzend gegen Abend in das schmale Boot, das direkt an dem Campo di San Trovaso anlag. Nebenbei bemerkt jenem Platz also, wie mir Hilda später erzählte, den Max Reinhardt durch seine legendäre Freiluftinszenierung des Kaufmanns von Venedig im Jahre 1934 für alle Zeiten zu einem Ort erhoben hatte, an dem Fiktion und Realität sich unbemerkt vermischen.

Dort also kroch das Wasser des Seitenkanals bereits schon vor unserer eigentlichen Abfahrt bedrohlich nah bis zum Bootsrand hoch und es war wohl allen Insassen klar, dass wir auf die Kraft des Erlösers hoffen mussten, um trockenen Körpers bis hinüber auf die Giudecca zu kommen. Kaum waren wir langsam und fast lautlos mit eingezogenen Köpfen durch die letzte Brücke geglitten, empfing uns auch schon der plötzlich riesig erscheinende Kanal mit hunderten in traumwandlerischer Sicherheit wild und rücksichtslos herumfahrenden Booten und Schiffen wie in Schlachtgemälde in aufgebrachter offener See.

Alles blickte zu Manfred, der verschmitzt lächelnd den Motor auf volle Kraft stellte, wohl nicht mehr ernstlich damit rechnend, dass die Bugwelle die ungestüme See verdränge. Eines ums andere schwappte Wasser ins Boot, aber es dauerte gefühlte Stunden bis unsere Titanic mit der Nase steil nach oben stand, der Motor blubbernd im freilich warmen Wasser das Zeitliche segnete, sich die Torte schwimmend aus ihrer Verpackung löste und, darin allen Passagiere gleich, auf der Oberfläche, wie vom Erlöser verlassen, in Einzelstücke verfiel und davonblieb. Ich hörte an diesem Abend von der teils und vor allem anfangs amüsiert lachenden, dann mit langsam zunehmender Durchnässung auf ihren Sohn empört einschimpfenden Liselotte ein durch andauernde, letztlich aber wirkungslose Wiederholung sich mir besonders einprägendes Wort, das ich zunächst für eine stoßgebetsartige Anrufung des Heiligen Redentore hielt: Aiuto, Aiuuutooo. Erst am nächsten Tag antwortete Manfred auf meine Frage, mit wem denn dieser Aiuto gemeint gewesen wäre, die wahre Bedeutung dieses wohl wichtigsten italienisches Wortes. Denn dieses bezeichnet ja nicht nur ganz profan den Ruf nach physischer Hilfestellung, sondern transportiert eine völlig unübersehbare Menge an mehr seelischen Bedeutungs- und Spiegelungsebenen, die sich mir erst nach langen Jahren meiner noch immer anhaltenden Leidenschaft für dieses Land, indem süße Hilflosigkeit noch gefeiert werden konnte, erschließen sollten und die erschöpfend wiederzugeben an dieser Stelle sicherlich den Rahmen sprengen würde.

Es soll dennoch nicht vergessen sein, dass wir, das heißt der jüngere Teil der Passagiere, uns den restlichen Abend nach einem hastig absolvierten Kleiderwechsel auf die Suche nach, die gescheiterte Überfahrt und den überstandenen Untergang krönende Amüsements machten und auf dem Weg zu dem Maler Emilio Vedova, von dessen Wohnung man, so hieß es, einen wundervollen Blick auf das unmittelbar bevorstehende Feuerwerk habe, an der halb offen stehenden Tür zur Wohnung des chilenischen Schriftstellers Gaston Salvatore vorbeikamen, der uns entweder mit anderen geladenen Gästen verwechselte oder aufrund unseres möglicherweise hilflosen Aussehens freundlich hereinbat. Weiß livrierte Diener versorgten uns sofort hilfreich mit Bellinis und anderen Stärkungen und nicht lange nach dem sage und schreibe einstündigen, wahre Farb- und Lichtfeldmalereien in den Himmel schreibenden Erleuchtungskunstwerk, mehreren Tänzen und Konversationen hatte ich von einer deutschen Kollegin, die einem frühen Otto Dix Bild entsprungen schien, meinen ersten Auftrag als Auslandskorrespondent eines nagelneuen Kunstjournals namens Contemporanea. Nur wenig später verließ sie aus unerfindlichen Gründen, von ihrem Ehemann gedrängt, übereilt das Fest. Das Boot fanden wir am nächsten Tag unweit der Zattere Vaporettostation wieder, der Motor blieb, vielleicht als Metapher für die Vergänglichkeit alles Technischen, die man letztlich auch als gottgegebene Hilflosigkeit alles Menschlichen übersetzen könnte, im riefen Schlamm des Kanalgrunds. Manfred, der immer ganz eigene Lehren aus Widerfahrenem zog, schaffte sich kurz darauf eine echte Gondel an, lernte meisterhaft die Kunst des Gondolieres und wir erforschten fortan ohne Motorisierung gleichsam lautlos vorbeigleitend die verworrenen Geheimnisse der Serenissima, durchaus dem Wort Jesu folgend: Werdet Vorübergehende.

(Andreas NEUFERT, Kunsthistoriker, Berlin, im Februar 2018)