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Kurzbeschreibung

[Bilder von Rosa T. Eichhorn]

Meinst du vielleicht, wenn du deine Hände auf deinen Bauch legst, es wird alles gut? Zumindest fühlt es sich gut an. Ob alles gut wird oder die Sicherheiten endgültig purzeln werden, das wird sich zeigen. Bis dahin bin ich jedenfalls bereit, auch weiterhin den Stift und die den Stift haltenden Finger zur Verfügung zu stellen. Wer weiß, was da noch kommt! Diese und jene Ungeburt und eine skandinavische Kältewelle, die zwischen die Häuser und Bäume fährt und ein gewaltiges Brausen verursacht. Wer jetzt mittellos und obdachlos durch die Gegend zieht, dem Gnade Gott! Also, wohin wird es führen? Ein klagloser Stoffwechsel wäre eine Freude.


Rezensionen
Jascha Feldhaus: Ins Ungewisse hinein fragen

Hans Eichhorn konnte sein vorletztes Buch selbst noch einmal in der Hand halten, ehe er mit nur 64 Jahren am 29. Februar 2020 (demselben Tag wie Alfred Kolleritsch, ein langjähriger Freund Eichhorns und der Begründer der Zeitschrift Manuskripte, für die Eichhorn gelegentlich geschrieben hat) starb. ‚Ungeboren‘ wirkt mit Blick auf den frühen Tod des Autors wie eine vorausschauende Ahnung, die sich dem Ungewissen in bekennender Unwissenheit gegenüberstellt. Ein wundervolles Prosastück für das eigenste Sein.

Ungeboren ist ein sehr aufregendes und ebenso auch sehr untypisches Werk. Zu Beginn, und nur dort, begegnet dem Leser ein auktorialer Erzähler, der auf einer Seite eine Szene knapp ausbreitet, die für das noch Anstehende eine grundlegende Perspektive eröffnet: Sie führt den Leser von einem „Er“ zu einem „Du“, so dass sich die Hierarchie zwischen der Erzählstimme im Text und dem Lesenden aufzulösen beginnt. Die Auseinandersetzung mit dieser Form der Auflösung, so leitet der Erzähler über, „wird die Aufgabe der nächsten Tage sein.“

Anhand dieser zeitlich gebundenen Aufgabe wird eine Annäherung an den Text beschworen, die die Trennlinie zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufzuheben versucht: Fortan wird der Text von einem Ich regiert, das sich in einem endlosen Bewusstseinsstrom befindet. Neben Passagen über die eigenen Gedanken, die eigenen Erfahrungswelt und Selbstbefragungen („Wer ist ich? Woher kommt dieses Ich? Wohin wird es gehen? Lässt sich zu diesem Ich ein Körper denken oder besser gesagt, ist ein Ich ohne Körper überhaupt denkbar und wie soll dieses Ich dann aussehen […]?“) finden sich auch solche, in denen dieses Ich ein Du anspricht, das zwar nicht direkt antwortet, dessen Erwiderungen vom Ich aber dennoch aufgenommen werden („Sie wissen keinesfalls mehr als du. Sind sie das Fruchtwasser, das den Embryo speist? Was redest du? Das war doch dein Thema, oder? Na und, was besagt das schon, so ein plumper Befund?“). An wieder anderen Stellen spricht es über ein Er/Sie/Es oder vergemeinschaftet sich mit den anderen zu einem Wir. Die Stimmlosigkeit der anderen Stimmen trotzt dem einseitigen Gesprächarrangement. Es lässt Lücken offen und verdichtet den Text gleichzeitig zu einer umfassenden Auseinandersetzung mit sich selbst. So wirken in dieser Anordnung die übrigen Personalpronomen nicht wie andere Personen, sondern das Ganze erscheint vielmehr als ein einziges Selbstgespräch, in dem verschiedene Positionen unterschiedlich besetzt werden, um sich selbst Reflexions- und Denkräume zu erschaffen.

Die in diesem Gefüge verhandelten Themen und Motive beziehen sich zwar auf realistische Vorgänge, die sich dennoch immer wieder dem Bereich des Traumhaften annähern. Beispielsweise die Portraitmalerei: Die eigentliche Herausforderung des tatsächlichen Malens stellt hier nicht das Problem für das Ich dar, vielmehr rückt die Unmöglichkeit in den Vordergrund, die letzte Sicherheit über sich selbst dabei zu gewinnen: „Ein Gesicht zeichnen! Irgendeines? Frau oder Mann? Die Fragen überforderten jedenfalls schon am Anfang und so schien es nur recht und billig, sie einfach zu übergehen. […] Ein Gesicht auf der Leinwand? Sollte es Ähnlichkeit mit einer mir bekannten Person oder Persönlichkeit haben? Alles offen!“ Dass hier autobiographisch gearbeitet wurde, wird mit Blick auf den Autoren klar: Hans Eichhorn war neben der Schriftstellerei auch Maler. Dasselbe gilt darum auch für das Fischen – Eichhorn war nebenberuflich Fischer, er hat von seinen Eltern das Fischereirecht für den Attersee vererbt bekommen – und die weiteren Themen und Motive: „Aber was ist mit der Katze? Was soll schon mit der Katze sein? Na, die Hauskatze eben, die unmissverständlich verlangt ins Freie gelassen zu werden. Und was ist mit dem Knaben im Vorschulalter mit seinem Fußballleiberl, was will er dir sagen? Vergiss das, das ist ja rein Privates, das hier nichts zu suchen hat!“ Dass hier aber offensichtlich nichts vergessen wird, dafür ist das Buch selbst Beleg.

Bereits vor dem Aufklappen des Buches lässt die Gattungsbezeichnung „Prosa“ aufhorchen – was ist damit gemeint? Tatsächlich wird in Anbetracht der Anordnung der einzelnen Textpassagen sowie des Inhalts klar, dass es sich hier nicht um ein gewöhnliches literarisches Genre handelt: Ein Roman im klassischen Sinn liegt nicht vor. Zwar ist ein stringenter inhaltlicher Zusammenhang zu erkennen, doch ließen sich die meisten Abschnitte auch unzusammenhängend lesen. Hinzu kommen die fett hervorgehoben Einleitungen der Abschnitte, die ähnlich wie in der Lyrik den Neubeginn eines Gedichts anzeigen und damit gleichzeitig den Titel desselben angeben. Außerdem kann der dichtgewobene Text in Hinblick auf seinen Bilderreichtum ohne weiteres lyrische Ansprüche erheben. Passend dazu wird er von handgemalten Bildern Rosa T. Eichhorns, der Tochter des Autors, begleitet, die den Lesenden zum Verweilen einladen und in ihrer ernsthaften, inhärenten Wiederholung des jeweiligen Motivs selbst zu einem Muster werden.

Trotzdem sich Ungeboren aus hinreichend vielen, klar erkennbaren autobiographischen Verbindungen aus dem Leben Hans Eichhorns zusammensetzt, wird hier eine Annäherung an den Text vollzogen, die das Nachdenken über sich selbst in ungewohnter Weise stark beschwört. Die autobiographische Folie bietet dem Leser unter der Überschrift genügend Raum, sich selbst zu reflektieren und über das Unbestimmbare, Nicht-Vorbestimmte innezuhalten: „Ich habe keine Geschichte und auch keine Geschichten, ich habe nur eine immer wieder aufs Neue zu erfindende Gegenwart.“

Mit seinem zweitjüngsten Werk bietet der Autor Eichhorn eine meisterliche Ein- und Anleitung, sich über das Kommende, das Werdende bewusster zu werden: „Der oder das Ungeborene ist in die Träume abgesickert, weil hier kein Ziel mehr, kein Weg, kein Wille greifbar ist.“ Für alle Suchenden ist Ungeboren ein dringend empfohlener Titel!

(Jascha Feldhaus, Rezension für den Literaturkritik-Blog Aufklappen, veröffentlicht am 15. Januar 2021)


https://aufklappen.com/2021/01/15/ins-ungewisse-hinein-fragen-hans-eichhorn-ungeboren/