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Kurzbeschreibung

[Helmut Atteneder, Gabriele Atteneder (Hg.). Mit Beiträgen von Helmut Attender, Paul Stepanek & Heinrich Mayrhofer]

Breite Wirkung auf schmalem Grat – Überlegungen zu Heinrich Mayrhofers künstlerischer Arbeit

Heinrich Mayrhofer ist ein ausgeprägt musischer Mensch, der sechs Instrumente erlernt und als Pädagoge eine segensreiche Wirkung entfaltet hat.
Seine musikalischen Fähigkeiten setzte er überdies sehr erfolgreich als Lehrer über viele Jahre wie auch als Kapellmeister der Blasmusik und Regens Chori in Pierbach ein. Als Retter und Konservator wertvoller Instrumente erwarb er sich überregionale Verdienste. Allerdings übersprangen seine kreativen Impulse bis heute die an sich schon weit gesteckten Grenzen der Musik und setzten mit wachsendem Erfolg bildnerische Ideen um.
Von Anfang an erprobte er sein Geschick zunächst an Mosaiken und dann Email-Arbeiten für Kleindenkmäler der näheren Umgebung. Doch schon bald dehnte sich sein Wirkungskreis auf größere Teile des Mühlviertels und des im Süden angrenzenden Most- und Traunviertels aus, sodass man zu Recht von einer Wirkungsbreite sprechen kann, die weit über die nähere Heimat hinausgeht.
Seine Mosaiken orientierten sich zunächst an spätantik-byzantinischen Vorbildern, bildeten ebenso wie die späteren, zahlreichen Emailarbeiten einen breiten Fundus an Einflüssen aus einigen Epochen der Kunstgeschichte: Speziell die ausgeprägten Augenpartien der Porträts klassischer Ikonen und romanischer Fresken, die übrigens auch Künstler und Künstlerinnen der Moderne wie Amedeo Modigliani und Lydia Roppolt paraphrasierten, scheinen es ihm angetan zu haben.
Auch stilistische Eigenarten wie das Halbporträt, das von der Romanik bis Picasso immer wieder Künstler angeregt hat, kommen bei ihm vor. Zu allen Zeiten haben Kunstschaffende Einflüsse voriger Generationen und Moden der Zeitgenossen aufgenommen und variiert. So bewegt sich künstlerische Tätigkeit sehr oft auf einem schmalen Grat zwischen Nachahmung und kreativer Originalität.
Dass Heinrich Mayrhofer die Wanderung auf diesem schmalen Grat nicht nur ehrenvoll bewältigt, sondern sie durch ein beachtliches Spektrum persönlicher Kreativität abgesichert hat, soll der Versuch einer analytischen Betrachtung einiger seiner Werke zeigen.
Die selten dargestellte hl. Ottilie, die vor Augenleiden schützen soll, hat es ihm angetan: Er figuriert sie in Mosaik und in Email sehr originell im Halbporträt.
Es ist ein sprechendes Bild, das die Attribute der Heiligen, ihren Rang als Äbtissin, „weiße“ Unschuld und ihre Affinität zum Lesen durch ein Buch mit „Mandelaugen“ treffend zeichnet. Farbenfrohe Darstellungen des hl. Florian heben sich durch ideenreiche Variation unter Beachtung der wichtigen Attribute deutlich von eventuellen Vorbildern aus der Hinterglasmalerei ab. Ein hl. Leonhard kommt mehrfach vor: In Email steht er mit seinem Turm mitten in der sanftwelligen Mühlviertler Landschaft; das Mosaik hingegen zeigt sein Porträt, das durch eine starke, freundliche Individualisierung der Gesichtszüge deutlich vom Schema eines „byzantinischen“ Stils abweicht.
Der dritte Heilige im Bunde dieser Betrachtung ist Nikolaus, dem Mayrhofer eine ungewöhnliche, farbenfrohe und formal interessante Darstellung in Email widmet: Eine Kinderschar mit leuchtenden Augen wartet auf die Gaben des Bischofs, der als mächtige Figur im Vordergrund steht. Der in freien Wellenformen in Blau-Weiß-Varianten bewegte Hintergrund, auf dem Sonne und Mond gleichzeitig Platz haben, gibt dem Bild im Gegensatz zur Statik des Nikolaus eine besondere Dynamik und lässt zugleich an Himmel, Landschaft und Meer denken.

Auch das Thema der hl. Familie nimmt breiten Raum ein, der sich sowohl in transponierter Ikonenform wie in archaisch-statischer Gruppenkomposition bis zur empathischen, in Pastelltönen gehaltenen Pietà Ausdruck verschaff t. Zuletzt, aber keinesfalls an geringster Stelle, sind bei den religiösen Motiven völlig verschieden thematisierte Bilder der Dreifaltigkeit zu besprechen: Welch Ideenreichtum, der einerseits den Kern der Sache nie verliert und dennoch immer neue Formen und Farben zeigt, aus diesen Urbildern des Glaubens spricht, fasziniert. Außergewöhnlich: Der thronende Gottvater hält den Gekreuzigten, zu dessen Füßen die Taube, bekränzt von einem Sonnenrad, flattert. Die Arme des Gekreuzigten markieren umfassend das Zentrum, der Kopf des greisen Vaters ist anstelle des Heiligenscheins von Blütenblättern umgeben. Die blauweißen Pastelltöne des Hintergrunds betonen das Unwirklich-Schwebende der gesamten Komposition.
Wenn auch der Schwerpunkt von Mayrhofers Arbeiten eindeutig im Bereich der Weiterentwicklung religiöser Volkskunst liegt, so hat er auch im profanen Bereich viele Ideen in teils monumentalen Arbeiten zum Ausdruck gebracht. Hier spielt als Motiv die Musik und die Landschaft eine Rolle, aber auch Wappenbilder und rein ornamentale Kompositionen, die alle eine frische, natürliche Farbigkeit ausstrahlen.
So hat denn Heinrich Mayrhofer weit über sein musikalisches Vermächtnis hinaus mutig und erfolgreich den schmalen Pfad bildnerischer Gestaltung beschritten, indem er dem Glauben, seiner musischen Passion, der Mühlviertler Landschaft und letztlich sich selbst im Wortsinn viele Denkmäler von schöpferischem Reiz und Bestand geschenkt hat.

(Paul Stepanek)